Polizei erschiesst streikende Textilarbeiter in Kambodscha

In Phnom Penh feuerte die Militärpolizei mit Sturmgewehren auf Demonstranten – vier Menschen starben. Über 400'000 Arbeiter nähen in dem asiatischen Land Kleidung für Firmen wie H&M oder Nike.

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In Kambodscha sind die Arbeitskämpfe für höhere Löhne in der Textilbranche eskaliert. Bei Zusammenstössen zwischen demonstrierenden Arbeitern und Sicherheitskräften wurden einer Menschenrechtsgruppe zufolge vier Menschen getötet.

Mehrere hundert Textilarbeiter waren in einem Industriegebiet der Hauptstadt Phnom Penh für einen höheren Mindestlohn auf die Strasse gegangen. Als die Polizei die Kundgebung auflösen wollte, flogen Steine, Flaschen und Benzinbomben. Daraufhin eröffneten Militärpolizisten mit Sturmgewehren das Feuer auf die Demonstranten.

Nach Angaben der Kambodschanischen Liga für die Förderung und Verteidigung der Menschenrechte LICADHO erschossen sie dabei mindestens vier Menschen und verletzten 20. Es sei die «schlimmste staatliche Gewalt gegen Zivilisten in Kambodscha seit 15 Jahren» gewesen, erklärte die Organisation.

«Schreckliche Szenen»

Gemäss LICADHO-Direktor Naly Pilorge spielten sich bei den Zusammenstössen im Canadia Industrial Park schreckliche Szenen ab. In den Fabriken des Gewerbegebiets lassen neben dem schwedischen Konzern H&M auch deutsche Sportartikelhersteller wie Puma und Adidas ihre Waren zu äusserst günstigen Bedingungen fertigen.

Die Militärpolizei sprach von einem Toten und mehreren Verletzten. Auch neun Polizisten seien durch Steine und Steinschleudern verletzt worden.

«Wenn wir ihnen die Fortsetzung des Streiks erlauben, wird es zu Anarchie führen», sagte Polizeisprecher Kheng Tito. Die Oppositionspartei, die seit Monaten Massenproteste gegen die Regierung führt, habe die Arbeiter angestachelt, sagte Regierungssprecher Phay Siphan.

Kaum genug Lohn zum Überleben

Die Löhne in Kambodscha sind noch niedriger als in China und reichen kaum zum Überleben, weshalb viele Arbeiter in Doppelschichten arbeiten. Die Gewerkschaften hatten deshalb zu einem landesweiten Streik aufgerufen und sich dafür mit den Oppositionskräften um den früheren Finanzminister Sam Rainsy verbündet.

Sie fordern eine Verdopplung des monatlichen Mindestlohns von derzeit 80 Dollar (etwa 72 Franken) für die Beschäftigten der Bekleidungsindustrie, die zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des armen südostasiatischen Landes zählt.

Von Opposition unterstützt

Der seit 28 Jahren autoritär regierende Ministerpräsident Hun Sen lehnt eine Anhebung des monatlichen Mindestlohns über 100 Dollar ab. Oppositionsführer Rainsy hatte den Gewerkschaften dagegen versprochen, den Mindestlohn bei einem Wahlsieg auf mindestens 160 Dollar zu erhöhen.

Er verurteilte denn auch den Einsatz gegen die Textilarbeiter. «Es ist ein inakzeptabler Versuch, nicht nur einen Arbeiterstreik, sondern die ganze Arbeiterbewegung sowie die Demokratiebewegung zu brechen, die sich in Kambodscha seit den Wahlen im Juli entwickelt», sagte Rainsy.

Seine Partei boykottiert das Parlament seit der Wahl im vergangenen Juli. Sie wirft der Regierung massiven Wahlbetrug vor und fordert Neuwahlen.

Dreitägige Massenproteste

Nach zwei Wochen überwiegend friedlicher Streiks und Demonstrationen hatten die Sicherheitskräfte am Donnerstag erstmals eine Demonstration gewaltsam aufgelöst. Dabei wurden nach Angaben von Teilnehmern mindestens 20 Menschen verletzt. Auch Pressefotografen, darunter ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters, wurden geschlagen.

Von Sonntag an sind dreitägige Massenproteste gegen die Regierung geplant. Die Demonstrationen orientieren sich teilweise an der Protestbewegung im benachbarten Thailand, wo allerdings höhere Löhne in der Textilbranche gezahlt werden.

In der kambodschanischen Textilindustrie sind rund 650'000 Menschen tätig. 400'000 von ihnen nähen für internationale Modemarken wie Gap, Nike und H&M. (ajk/sda)

Erstellt: 03.01.2014, 16:24 Uhr

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