Putins Feindesland beflügelt die Fantasie

Nächste Woche beginnen Russland und Weissrussland Manöver an den Nato-Grenzen. Der Feind ist das Fantasieland Wejschnorija.

Schon im September 2013 fanden russisch-weissrussische Manöver gegen die Gefahr aus dem Westen in der Region von Kaliningrad statt. Foto: RIA Novosti (Reuters)

Schon im September 2013 fanden russisch-weissrussische Manöver gegen die Gefahr aus dem Westen in der Region von Kaliningrad statt. Foto: RIA Novosti (Reuters)

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Wenn die Grossmanöver Sapad 2017 an der Grenze zu Polen und dem Baltikum nächste Woche beginnen, sind die Rollen klar verteilt. Russland und Weissrussland wehren einen Angriff aus dem Westen ab. Die Aggression kommt aus einem schmalen Landstrich in Weissrussland mit dem klangvollen Namen Wejschnorija. In der Theorie der Militärs wird das neu erfundene Ländchen von seinen westlichen Nachbarn gegen Weissrussland und Russland aufgehetzt. Auf dem Höhepunkt des Aufstandes versucht Wejschnorija zusammen mit den westlichen Verbündeten (Teile Litauens, Lettlands und Polens), ganz Weissrussland zu besetzen. Das ruft dann den treuen Verbündeten Moskau auf den Plan, der mit dem Manöver Sapad (Westen) der Welt klarmachen will, was passiert, wenn jemand Russland oder seine Freunde angreift.

Wladimir Putins Feindesland erfreut sich inzwischen grosser Popularität. Mit der Erfindung Wejschnorijas haben die Militärs offenbar einen Nerv der Weissrussen getroffen, denn die haben sich umgehend darangemacht, das neue Land virtuell aufzubauen: Im Netz hat Wejschnorija einen Präsidenten und ein Aussenministerium. Man kann einen chic aussehenden Pass beantragen, die Flagge bewundern – weiss mit blauem Band in der Mitte und goldenem Doppelkreuz darauf. Eine Hymne hat das Land auch schon: Ein archaisch anmutendes Lied der Gruppe Stary Olsa, einer weissrussischen Musikgruppe, die mittelalterliche Volksmusik aus der Zeit des Grossfürstentums Litauen spielt.

Sogar eine eigene Währung

Wejschnorija hat eine Armee (braucht es ja für die Manöver), und es gibt Bilder, wie Soldaten des Landes die Nationalflagge auf einem Hügel hissen, der nach Felix Dserschinski benannt ist, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei. Und das Ländchen hat Geld: Noten mit einer Maus, einem Fuchs, ganz der wejschnorischen Natur nachempfunden. Der Wechselkurs variiert: Einmal beträgt er 1 zu 30 Rubel (50 Rappen), die stolzere Version verlangt 5 Franken je Wejschnor. Und wie um die Existenz des Landes zu untermauern, gibt es auch einen Eintrag auf Wikipedia: 1,488666 Millionen Einwohner, steht da, 46'103 Quadratkilometer Fläche. Inzwischen sind allerdings nur noch die ukrainische und die englische Version verfügbar, die russische und die weissrussische wurden vom Netz genommen.

Doch nicht nur im Internet hat Wejschnorija, was auf Litauisch so viel wie gastfreundlich heisst, die Fantasie beflügelt. So sehr der schmale Landstrich die Weissrussen erheitert, das Kriegsszenario ist ihnen nicht geheuer. Die Manöver finden zu einem grossen Teil auf ihrem Territorium statt, und der Vergleich mit dem Nachbarland Ukraine, wo Moskau die prorussischen Separatisten unterstützt, liegt auf der Hand. Weissrussische Politologen sehen diese Plananlage deshalb als klare Botschaft an Weissrussland: Sollte dort je ein Wejschnorija entstehen, würde Moskau das als Vorwand nehmen, das Nachbarland zu besetzen. Es sei erschreckend, wie leichtfertig die Generäle einen Teil Weissrusslands zum Feind der Nation erklärt hätten, schreibt ein Journalist aus der Stadt Grodno, die real im fiktiven Wejschnorija liegt und in der Leseart der Generäle die Hauptstadt des Feindeslandes abgibt. «Mir gefällt das nicht.»

Einreiseverbot für Landesvater

Wejschnorija liegt ganz im Westen Weissrusslands, an der Ostgrenze des Gebiets verlief in der Zwischenkriegszeit die Grenze zwischen Polen und der Sow­jetunion. Die Region ist deshalb bis heute polnisch und katholisch geprägt. Eine separatistische Bewegung gibt es zwar nicht, eigenwillig ist man dort dennoch. Bei den Präsidentenwahlen 1994, die den heutigen Autokraten Alexander Lukaschenko an die Macht gebracht haben, wurde nicht der ehemalige Direktor einer Kolchose gewählt, ein erklärter Anhänger der Sowjetunion und Russlands. In dem Landstrich gewann dessen nationalistischer Herausforderer Senon Posnjak, der es landesweit auf 12,8 Prozent der Stimmen brachte. Kurz nach der Wahl verliess Posnjak Weissrussland aus Angst vor einer Verhaftung und bekam in den USA Asyl.

Seine Heimat ist seither unter der Herrschaft Lukaschenkos erstarrt. Nach 23 langen Jahren sind viele Menschen müde und träumen davon, dass es irgendwo noch ein anderes Weissrussland gibt als jenes ihres selbstherrlichen Präsidenten. Und dieses Traumland – das nach Westen orientiert ist und so leicht ohne Lukaschenko und Russland auskommt – habe nun endlich einen Namen, sagen Kommentatoren: eben Wejschnorija. Der Vater des Ländchens, der weissrussische Generalstabschef Oleg Belokonew, hat übrigens bereits Einreiseverbot. Und im Netz ist man sich sicher: Egal wer bei den Manövern siegt, Wejschnorija wird leben!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 20:51 Uhr

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Russische Manöver

Die Nato ist beunruhigt

In der Theorie dient die Militärübung Sapad 2017 der Verteidigung Russlands. Laut westlichen Generälen kann das Manöver aber auch als Übung für einen Angriff auf Polen und das Baltikum gedeutet werden. Sorgen macht der Nato zudem, dass Moskau die Zahl der Soldaten kleinrechnet. Offiziell nehmen nur 12 700 Mann teil, obwohl die Manöver auf sechs Übungsplätzen abgehalten werden, 70 Helikopter und Flugzeuge und 250 Panzer mitmachen, mehr als 4000 Eisenbahnwaggons Wehrtechnik an die Nato-Grenzen gefahren werden. Ein Vizeadmiral verkündete, am Manöver werde «praktisch die ganze baltische Flotte teilnehmen». Laut Verteidigungsministerium sind die Nationalgarde, der Geheimdienst und der Katastrophenschutz eingebunden. Tatsächlich könnte die Zahl der Teilnehmer 100'000 erreichen, sagt die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Dafür spricht, dass bei anderen russischen Grossübungen jeweils mehr als 100'000 Soldaten beteiligt waren. (jh)

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