Putins galantes Fettnäpfchen

Kleine Geste, grosse Wirkung: Wladimir Putin legt eine Decke um die Schultern der chinesischen First Lady Peng Liyuan – und sorgt für Furore. Aber die Zensoren waren schnell zur Stelle.

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Der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) bietet auch der chinesischen First Lady Peng Liyuan eine Bühne. Nun ist sie unerwartet ins Zentrum des medialen Interesses gerückt. Der Auslöser ist ein Fauxpas von Russlands Präsident Wladimir Putin. Dem Anschein nach wollte sich dieser als Gentleman profilieren. Auf der Ehrentribüne für die Staatsgäste wurde Putin neben die First Lady platziert. Der Sitz neben dem chinesischen Gastgeber Xi Jinping blieb US-Präsident Barack Obama vorbehalten. Die Gesellschaft wartete im Freien auf den Beginn eines Feuerwerks als Abschluss eines Galadinners. In der chinesischen Hauptstadt fielen die Temperaturen gestern Nacht auf bis zu 2 Grad Celsius. Gut möglich, dass die Staatsleute in ihren offiziellen Anzügen und Kleidern froren.

(Video: Reuters)

Während sich Obama und Xi in ihren vom Gastgeber vorgesehenen auberginefarbenen Seidenjacketts unterhielten, erhob sich der mit einer festeren Jacke besser für die Kälte ausgerüstete Putin von seinem Sitz und legte eine Decke um die Schultern der chinesischen First Lady. Peng Liyuan erhob sich zwar artig, lächelte und bedankte sich. Kaum hatte sie sich wieder gesetzt, streifte sie die Decke jedoch von ihren Schultern und gab sie einem Helfer, der hinter ihr sass.

Offenbar ging Putin zu weit. So viel Nähe verträgt sich nicht mit der diplomatischen Etikette Chinas. Ausserdem liess der galante Putin Gastgeber Xi Jinping als unaufmerksamen Ehemann erscheinen. Ein Gesichtsverlust für den mächtigsten Mann Chinas. Das Staatsfernsehen hatte die Szene live übertragen. Die Bilder sorgten im Reich der Mitte sogleich für grosses Aufsehen. Unter dem Titel «Putin Gives Peng Liyuan His Coat» (Putin gibt Peng Liyuan seinen Mantel) verbreiten sie sich in Windeseile. Auf Twitter wurde der Hashtag #coatgate kreiert.

Nun traten auch die Zensoren auf den Plan. Sie entfernten sämtliche Bilder und Videos aus dem chinesischen Internet. Die Bilder der Fotoagenturen dürfen nicht mehr in China veröffentlicht werden. AP Photo, Reuters und AFP versahen die Aufnahmen mit entsprechenden Hinweisen. Seither dreht sich die Diskussion – ausserhalb Chinas – hauptsächlich um das Einschreiten der Zensoren.

«... könnte Anlass zum Spott bieten»

Die Löschaktion ist sicher ein weiterer Beleg dafür, wie engmaschig das Überwachungsnetz der chinesischen Zensoren ist. Sie zeigt aber auch, dass die chinesische Gesellschaft sehr eigene Regeln hat, was sich zwischen Männern und Frauen schickt. «China ist traditionell konservativ mit Blick auf die öffentliche Interaktion zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind», erläutert der Pekinger Historiker Zhang Lifan. «Das öffentliche Zeigen von Fürsorge durch Putin könnte Anlass zum Spott bieten, den der grosse Chef wahrscheinlich nicht goutiert.»

Xis Frau Peng Liyuan war früher eine beliebte Volkssängerin und als solche berühmter als ihr Gatte. Im Vergleich zu früheren First Ladys ist sie weit häufiger in der Öffentlichkeit zu sehen und begleitet den Präsidenten auch auf Auslandsreisen. Die chinesische Öffentlichkeitsarbeit porträtiert Xi und seine Frau als liebevolles Paar. Bilder, auf denen sie Händchen halten, sorgen in sozialen Netzwerken für eine Menge Oh und Ah.

«Es ist in Russland Tradition, ...»

Und auch von Xi gibt es durchaus behütende Gesten für seine Frau. So hielt er bei einem Staatsbesuch in Trinidad und Tobago im vergangenen Jahr persönlich einen Regenschirm über sich und Peng. Das entspreche «der internationalen Norm des Respekts für Frauen», pries Blogger Luo Qingxue damals auf der Webseite der Parteizeitung «People's Daily».

Nun stört Kavalier Putin die sorgfältige Inszenierung – wahrscheinlich ohne die Tragweite seines Fauxpas zu ermessen, wie Experten vermuten. «Es ist in Russland Tradition, dass ein Ehrenmann Damen in der Öffentlichkeit Respekt zollt, und in einem kalten Land wie Russland ist es ganz normal, dass ein Gentleman Damen hilft, den Mantel an- oder auszuziehen», weiss Li Xin, Russlandexperte am Institut für Internationale Studien in Shanghai. «Aber die Chinesen sind daran vielleicht nicht gewöhnt.»

(rub/Mit Material der Nachrichtenagentur AP)

Erstellt: 11.11.2014, 12:20 Uhr

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