Putins gewagter Sprung in den Olymp

Es sind die teuersten olympischen Winterspiele aller Zeiten: 46 Milliarden Schweizer Franken kostet alleine die Vorbereitung für Sotschi 2014. Doch die grössten Probleme lassen sich für Putin nicht mit Geld lösen.

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In einem Jahr werden die Olympischen Winterspiele in Sotschi am Schwarzen Meer eröffnet. Präsident Putin hat sie zur Chefsache gemacht – und nimmt morgen persönlich an der Ein-Jahr-davor-Feier teil.

Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ist die Olympia-Austragung ein Prestigeprojekt, er scheut keine Kosten, damit das Ereignis ein Erfolg wird. 51 Milliarden Dollar (etwa 46 Milliarden Schweizer Franken) werden die Spiele nach bisheriger Rechnung kosten – und damit die teuersten aller Zeiten sein. Ursprünglich budgetiert waren gemäss Reuters rund 11 Milliarden Schweizer Franken. Damit dürften dies die teuersten Winterspiele aller Zeiten werden.

Doch beim Bau der Sportstätten für die Olympischen Winterspiele in Sotschi geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Der russische Staat beute systematisch ausländische Arbeiter aus, beklagt die in New York ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Die eingereisten Arbeitskräfte würden um ihren Lohn betrogen und erhielten keine ausreichende Verpflegung und Unterkunft.

Regierungsvertreter sprechen von Übertreibung

Ein russischer Regierungsvertreter wies die Vorwürfe als übertrieben zurück. Die Einhaltung der Rechte der Arbeiter werde streng überwacht, sagte er. Präsident Wladimir Putin informierte sich heute in Sotschi über den Stand der Vorbereitungen für die Winterspiele in einem Jahr.

In dem Bericht wird ein Arbeiter aus der Ukraine mit den Worten zitiert: «Die Leute arbeiten, werden nicht bezahlt und gehen wieder. Dann kommt ein Bus und lädt eine neue Gruppe Arbeiter ab, um den Kreislauf wieder zu beginnen.»

Die Befragung von 66 aus Armenien, Serbien, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan stammenden Arbeitern habe ein «wiederkehrendes Missbrauchsmuster» in schlecht bezahlten Jobs ergeben.

Teuerste Spiele aller Zeiten

Die Menschenrechtsaktivisten appellierten auch an das Internationale Olympische Komitee (IOK), eine aktivere Rolle bei der Wahrung der Menschenrechte zu übernehmen. Human Rights Watch zufolge sind mehr als 16'000 Arbeiter aus dem Ausland nach Sotschi an die Schwarzmeerküste gereist, um im Olympiagebiet Arbeit zu finden.

Aus Sicht der Organisatoren läuft es grundsätzlich nach Fahrplan: Viele Anlagen werden rechtzeitig fertig. Doch es bleiben Risiken. Zum Beispiel das milde Klima: Aufgrund der hohen Temperaturen liegt zurzeit so gut wie kein Schnee in der Region um Sotschi. Sollten im nächsten Jahr ähnliche Bedingungen herrschen, dürfte dies zum Problem werden. «Die Spiele werden unter optimalen Bedingungen stattfinden», sagte kürzlich der sichtlich um Optimismus bemühte Bürgermeister von Sotschi an einer Pressekonferenz.

Um für diese Eventualitäten gewappnet zu sein, hat man sich mit dem grössten Kunstschneesystem in Europa ausgerüstet. Man hat zwei Wasserreservoirs und 400 Schneegeneratoren entlang der verschiedenen Strecken installiert. Zudem soll Schnee gut isoliert als Reserve gehalten werden. Geplant ist die Lagerung von 150'000 Kubikmetern.

Erstaunlicher Austragungsort

Dass die Wahl 2007 auf die Stadt am Schwarzen Meer nahe der Grenze zu Georgien und Abchasien fiel, erstaunte ohnehin manche: Das Klima ist subtropisch. Die Sommer sind heiss, die Winter mild. Zu Sowjetzeiten war es ein unscheinbarer Urlaubsort für Touristen aus der russischen Provinz. Wintersport war in der Sowjetunion wenig populär. Das hat sich geändert: Inzwischen ist aus Sotschi ein modernes Skiresort geworden, mit komfortablen Hotels, gemütlichen Hütten und zahlreichen Skiliften. Selbst in 2300 Metern Höhe stehen kostenlose WLAN-Netze zur Verfügung.

Putins Plan ist es, Sotschi nach den Spielen als internationalen Ferienort zu etablieren. Dabei helfen soll auch die Fussball-WM 2018, die in Sotschi Station machen soll. Am Donnerstag wird Putin an einer aufwendig gestalteten Feier in der Stadt teilnehmen, die anlässlich der Eröffnung der Winterspiele in genau einem Jahr ausgerichtet wird: Vom 7. bis 23. Februar 2014 werden in der zersiedelten Stadt, die sich über 25 Kilometer entlang der Küste und fast 50 Kilometer in die Berge hinein erstreckt, mehr als 3000 Sportler an 98 Wettkämpfen teilnehmen.

Russische Milliardäre sollen es richten

Als Sotschi vor knapp sechs Jahren den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Winterspiele erhielt, wurden die Kosten auf etwa ein Viertel dessen geschätzt, was jetzt veranschlagt wird. Zum Vergleich: Die Sommerspiele in Peking 2008 verschlangen 40 Milliarden Dollar (rund 36 Milliarden Schweizer Franken). Das Geld kommt zur Hälfte vom russischen Staat, den Rest steuern überwiegend staatliche Unternehmen und russische Milliardäre bei.

IOK-Präsident Jacques Rogge verteidigte die hohen Kosten am Mittwoch bei einem Besuch vor Ort. «Man muss das im Verhältnis sehen», sagte Rogge der Nachrichtenagentur AP. «Die Organisation der Spiele an sich wird nicht sehr viel Geld kosten. Aber die Regierung (...) möchte die ganze Gegend entwickeln. Deshalb kann man nicht einfach die Kosten für Züge, Tunnel und Strassen den Spielen zuschlagen. Sie werden nicht für zwei Wochen gebaut, sie sollen Generationen bestehen bleiben.» Rogge lobte den Veranstaltungsort: «Der Standort ist sehr kompakt. Er bietet hohe Qualität und liegt in einer schönen Umgebung», erklärte er.

«Wir überschreiten nicht das Budget»

Die meisten Spielstätten sind inzwischen fertig, oder der Abschluss der Bauarbeiten steht kurz bevor. Im Bau sind noch zahlreiche Hotels, bestimmte Gebäude für den olympischen Betrieb und das Pressezentrum. Das Stadion, in dem die Eröffnungs- und Abschlussfeier stattfinden soll, muss ebenfalls noch fertiggestellt werden. Der Leiter des zuständigen Organisationskomitees, Dimitri Tschernischenko, strahlt Zuversicht aus: «Wir liegen voll im Zeitplan und überschreiten nicht das Budget.»

In der diesjährigen Wintersportsaison werden 22 Wettkämpfe genau dort stattfinden, wo die Athleten im kommenden Jahr um Medaillen kämpfen werden – als eine Art Testlauf. Langläufer, die kürzlich an einem solchen Wettkampf teilnahmen, waren von der Piste begeistert, zeigten sich aber irritiert über die strengen Sicherheitsmassnahmen.

Grosses Sicherheitsdispositiv

«Ich habe noch nie an einem Rennen teilgenommen, bei dem es so viele Sicherheitskräfte und Kontrollstellen gab», sagte der amerikanische Skilangläufer Noah Hoffman. «Ich habe keine Ahnung, ob die Russen hier irgendein Sicherheitsproblem haben, aber sie haben ganz gewiss die Situation unter Kontrolle.» Tschernischenko betont, dass diese Sicherheitsmassnahmen auch während der Spiele durchgeführt würden, und dass sie sich keinesfalls von denen vergangener Spiele unterschieden.

Russland betrachtet seit einiger Zeit mit Sorge die islamischen Republiken auf der anderen Seite des Kaukasus. Dort kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit religiösem Hintergrund. In den vergangenen Jahren hat sich der Terror aber auf den Nordkaukasus beschränkt, und es gab kaum noch Anschläge auf russischem Boden. Der Bürgermeister von Sotschi, Anatoli Pachomow, zeigt sich deshalb überzeugt, dass die Olympischen Winterspiele 2014 absolut sicher sein werden und keinerlei Gefahr für Besucher und Sportler besteht.

(mrs/afp, sda, dapd)

Erstellt: 06.02.2013, 22:54 Uhr

Ein Jahr vor Olympia: Menschenrechtler verurteilen die Arbeitsbedingungen. (Video: Reuters )

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