Russland hat keine andere Wahl

Zehntausende kommen vor der Wahl für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ins Fussballstadion. Doch die selbstbewusste Moskauer Jugend entgleitet dem Kreml.

Putin bei seinem Auftritt im Luschniki-Stadion, die Kapuze trotz Kälte locker auf den Schultern – wie ein richtiger Mann eben. Foto: Pavel Golovkin (AP/Keystone)

Putin bei seinem Auftritt im Luschniki-Stadion, die Kapuze trotz Kälte locker auf den Schultern – wie ein richtiger Mann eben. Foto: Pavel Golovkin (AP/Keystone)

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Es ist wie an einem Popkonzert. Die Musik dröhnt über die mächtige Lenin-Statue hinweg aus dem neu renovierten Luschniki-Stadion, bereits schön gemacht für die Fussball-WM im Sommer. Noch herrscht bitterer Frost in Moskau. Doch die Menschen strömen in Scharen zu den Eingängen. Bis zur Mitte sind die Ränge dicht gefüllt, dort sitzen die Delegationen aus den russischen Regionen. Die Tschetschenen etwa, die ihre Fahne schwingen und die alle Mützen und Schals in den Republiksfarben Grün, Weiss, Rot tragen. Nur im obersten Teil des Stadions, das 80'000 Menschen fasst, sind noch Plätze frei.

Unten auf der Bühne mitten auf dem künftigen Spielfeld versuchen Einpeitscher die halb erfrorene Menge aufzuheizen. «Wie ist die Stimmung?», schreit einer von ihnen. Und immer wieder stimmt er den Sprechchor an: «Rossija! Ros­sija!» Auf den Bildschirmen sieht man die erhitzten Gesichter junger Leute strahlen, die zu Liedern wie «Russlands Flagge» tanzen. Eine überdimensionale Nationalfahne ziert einen Teil der Tribüne. Ein Wahlkonzert nennen die Organisatoren das. Für wen, versteht sich von selbst: «Sa Putina» steht zur Sicherheit auf Monitoren, Fahnen und Plakaten. Für Putin.

Die Olympiasieger und dann er

Unten im Hexenkessel wird gerade die Grösse, Stärke und Schönheit der «Atommacht Russland» gelobt, die das beste Bildungswesen der Welt habe, das tollste Gesundheitssystem. Auf den obersten Rängen bleit es ruhig, Superpatrioten scheint es hier keine zu geben. «Hurrah» brummt da zwar einer, seine Frau stösst ihm lachend den Ellen­bogen in die Seite. «Towarischtschi», dröhnt es von unten, Genossen, die vertrauliche Anrede aus Sow­jettagen. Erheiterung auf den billigen Plätzen: «Die haben da unten etwas verwechselt.»

Jetzt treten die russischen Olympiasieger in roten Jacken und mit ihren Medaillen um den Hals auf die Bühne. Da geht auch auf den obersten Rängen ein Raunen durch die Menge. Vereinzelter Applaus. Und dann kommt er: Warme dunkle Daunenjacke, die pelzbesetzte Kapuze trotz der Kälte locker auf den Schultern – wie ein richtiger Mann eben. Wladimir Putin begrüsst die Menschen zu diesem schönen, sonnigen Moskauer Tag, obwohl die Stadt doch in tristes Grau getaucht ist. «Wir wollen ein strahlendes Land, das in die Zukunft schaut, für unsere Kinder, für unsere Grosskinder. Wir werden alles dafür tun, dass sie glücklich sind.» Und immer wieder der Aufruf: «My sdelaem eto, da?» – wir machen das, ja?

Die Ansprache dauert keine zwei Minuten, doch sie erwärmt den Zuhörern ganz offensichtlich das Herz. Unten schreit es infernalisch, die Hinterbänkler nicken nur ernst. Dann stimmt Putin die Nationalhymne an, alle stehen auf, und Zehntausende von Menschen haben plötzlich etwas gemeinsam. Mit dem letzten Ton ist der magische Moment vorbei, Putin tritt ab. «So, jetzt können wir nach Hause gehen», sagt jemand, und wie auf Kommando verlässt einer nach dem andern seinen Platz, obwohl das Wahlkonzert unten noch lange weitergeht.


Bilder: Putin stellt seine «Satan 2»-Rakete vor


In langen Reihen ziehen sie nun von Metrostation zu Metrostation. Die Opposition beklagte, dass zumindest ein Teil der Menschen zum Besuch genötigt und zum Stadion gekarrt worden sei. Zumindest abgeholt wird niemand: Erst nach einer Stunde Fussmarsch erreicht man eine U-Bahn-Station, die noch nicht verstopft ist; die WM-Besucher dürfen sich in Moskau auf viel Bewegung freuen. Er sei ins Stadion gekommen, weil er sehr beunruhigt sei, sagt Maxim, ein schmaler 18-Jähriger, der seine Freundin im Arm hält. Die beiden werden am 18. März zum ersten Mal stimmen – für Putin natürlich. Russland werde von allen Seiten bedroht, klagt Maxim. «Deshalb brauchen wir einen starken Präsidenten.» Dies ganz gemäss Putins Wahlkampfslogan: «Ein starker Präsident – ein starkes Land».

Er würde diesen Slogan abändern in «Ein weiser Präsident – ein reiches Land», sagt Grigori Jawlinski, einer der sieben Herausforderer des Präsidenten. Zu seiner Wahlveranstaltung sind nicht einige Zehntausend, aber immerhin einige Dutzend erschienen. Die fast ausschliesslich älteren Menschen versammeln sich im Krim-Saal eines Hotels. Ein grosser Redner ist der liberale Kandidat nicht, der seit 1996 regelmässig zur Präsidentenwahl antritt, doch er antwortet geduldig auf einen ganzen Berg von Bitten und Fragen, die seine Wähler auf Zettel geschrieben haben.

Die westlichen Sanktionen? Verursachten einen grossen Schaden, die Summe entspricht dem Budget des Bildungsministeriums, sagt er. In manchen Regionen seien inzwischen 40 Prozent der Spitäler geschlossen worden. Es müsse etwas geschehen: «Der Kreml würde besser das Land aufbauen, statt eine Fussball-WM zu veranstalten. Oder in Syrien Krieg zu führen.» Doch er liebe dieses Land, er glaube an dieses Land, sagt Jawlinski mit Inbrunst. Es reiche nicht, das System zu boykottieren. Er kandidiere in dieser Wahl, weil er für eine andere Politik stehe, eine Alternative biete. Russland sei schon zweimal zusammengebrochen, weil Reformen verschleppt worden seien. Das dürfe kein drittes Mal passieren.

Keine Kritik an Krim-Annexion

Sergei ist 65 Jahre alt, blaues Hemd, blauer Pullunder darüber. Er könnte in der Schweiz in einer ­gemütlichen Beiz bei Rösti und Bratwurst sitzen. Endlich spreche wieder mal jemand offen aus, was Sache sei. «Ich wähle Jawlinski nun seit 20 Jahren!», sagt er mit einem schiefen, etwas unglücklichen Lächeln. Denn in all den Jahren ist aus ihrem liberalen Traum nie etwas geworden, derzeit liegt Jawlinski laut Umfragen bei knapp einem Prozent Wähleranteil. Für Putin wollen 70 Prozent der Leute stimmen. Denen fehle es im Kopf, schimpft Sergei: «Sie verwechseln das, was Putin und seine Leute sagen, mit dem, was sie in der Realität erleben.»

Nur das mit der Krim hält er dem Präsidenten zugute. Das Wort Okkupation sollte man da nicht benutzen, korrigiert Sergei freundlich, aber bestimmt, denn damit habe der Anschluss der Krim an Russland nichts zu tun. Dieser Meinung seien alle. Er habe Verwandte dort, die seien froh, dass die Halbinsel nicht mehr ukrainisch, sondern wieder russisch sei. Die Krim nütze Putin im Wahlkampf auf jeden Fall sehr, sagt Sergei, auch wenn inzwischen die erste Euphorie verflogen sei und man sehe, dass Russland für die Aktion teuer ­bezahlen müsse.

Aus dem liberalen Lager stammt auch Swetlana. Sie steht unterhalb des Kremls auf der Moskwa-Brücke in der Kälte, dort, wo der Oppositionspolitiker Boris Nemzow vor drei Jahren erschossen wurde. Die Rentnerin hat Blumen mitgebracht, die sie auf den Asphalt legt. Sie war dabei, als vor sieben Jahren nach Manipulationen bei den Parlamentswahlen plötzlich Hunderttausende auf die Strasse gingen und faire Wahlen forderten. «Wo sind eure 70 Prozent Unterstützung?», frage sie sich, wenn sie in der Stadt unterwegs sei und die Leute schimpfen höre. «Sie sagen uns, wir seien von Feinden umzingelt. Also, ich sehe keine!» Und die Opposition? «Nein», Swetlana schüttelt den Kopf, «es gibt keine Opposition mehr. Nur Leute, die an die Macht wollen. Sie haben keine Vision für dieses Land.» Viele ihrer Bekannten sagten deshalb, die Wahl sei entschieden, es gebe keine andere Wahl als Putin. Sie werde dieses Jahr erstmals nicht an die Urne gehen.

Überall nur Korruption

Anne und Michail gehen auch nicht zur Wahl, denn sie sind erst 17. Den Namen Jawlinski hat Anne noch nie gehört. Das sei doch einer aus den 90er- Jahren, sagt ihr Freund – es klingt, als sage er: aus dem Mittelalter. «Der ist nicht mehr frisch.» Die beiden sind auch nicht zum Wahlkonzert ins Stadion gefahren. Stattdessen spazieren sie durch das glitzernde Stadtzentrum Moskaus. «Wladimir Wladimirowitsch gefällt mir nicht», sagt der junge Mann schlicht, und verwendet den vertraulichen Vatersnamen für den Präsidenten. Der sei länger an der Macht als sie beide auf der Welt, bemerkt Michail. Das findet er undemokratisch, und das Ergebnis, das Putin vorzuweisen habe, sei nicht gut. «Gerade ist an meinem Institut allen Lehrern der Lohn um die Hälfte gekürzt worden.» Sie habe nichts gegen Putin, sagt Anne vorsichtig. Doch das Land sei in der Krise, überall grassiere die Korruption.

Wen sie wählen würden, wenn sie schon zu Urne könnten? Ratlose Gesichter. «Wäre ja auch egal, es ist ja sowieso schon klar, dass Putin wieder Präsident wird», meint Anne schliesslich. Ihre Eltern gingen deshalb nicht zur Wahl. Michail pflichtet bei: «Mein Vater sagt immer, Putin mache alles richtig. Aber wählen will er ihn dann doch nicht.» Niemand unterstütze den Präsidenten aus ganzem Herzen, zum Meeting im Stadion seien sicher viele nicht freiwillig gekommen. Die Teenager haben es eher mit dem Oppositionspolitiker, Blogger und Antikorruptionskämpfer Alexei Nawalny. «Für uns Junge ist er ein Held», schwärmt Anne, obwohl sie bisher nicht mit zu seinen Demonstrationen gegangen ist: «Ich hatte Angst.» Michail ist dreimal mitmarschiert, vor allem wegen der Korruption, die Nawalny aufdeckt. Und dann, weil man ihn nicht als Kandidaten für die Präsidentenwahl registriert hat.

Tiefer Graben zwischen Generationen

Obwohl Anne und Michail nicht an Putins Wiederwahl zweifeln, sind sie überzeugt, dass ein neues Zeitalter begonnen hat in Russland. Der Graben zur älteren Generation sei tief, man lebe in getrennten Welten. Sowjetnostalgie, wie sie auch Putin wählerwirksam heraufbeschwört, ist für die zwei Teenager wie eine Botschaft aus einer anderen Galaxie. «Uns gab es ja damals noch gar nicht», sagt Anne. «Und wir wollen Freiheit.» Wie bei ihren Altersgenossen im Westen gehört das Smartphone, das in der Moskauer Kälte immer wieder den Dienst verweigert, zum Leben, oder genauer: Es ist das Leben.

Das Staatsfernsehen, seit Jahren das Informationsmittel Nummer 1 und komplett unter Kontrolle des Kremls, geht deshalb an den jungen Leuten vorbei. Na ja, wenn sie mal gar nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun habe, schaue sie fern, sagt Anne. «Aber meine Grossmutter sitzt den ganzen Tag vor dem TV. Deshalb hat sie auch das Gefühl, die Amerikaner seien unsere Feinde.» Kürzlich habe er – mehr aus Kuriosität – in die Nachrichten auf NTW reingeschaut, sagt Michail. «Schrecklich! Was für einen Blödsinn die da erzählen.» Nach der Wahl, so befürchtet er, könnte sich Putin daran machen, das Internet zu regulieren, um die Jugend wieder unter Kontrolle zu bekommen. «So wie in China.» Er hoffe nur, der Kreml sei zu dumm, um das hinzukriegen, sagt Michail und lacht.

Denn ein Zurück gebe es nicht. Bei der nächsten Präsidentenwahl 2024 werde es keinen Putin und auch keinen Jawlinski mehr geben, dann werde nur noch Nawalny übrig sein, sind die zwei überzeugt. Und wenn sich die Lage weiter so rapide verschlechtere, werde Putin nicht mal die sechs Jahre überstehen. «Dann gehen wir auf die Strasse!», sagt Michail selbstbewusst. Es sei höchste Zeit für einen Machtwechsel, für ein neues, ein liberaleres Russland. «Und das Wichtigste wäre», fügt Anne hinzu, «dass sie endlich aufhören, das Land zu bestehlen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 19:12 Uhr

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