Schläge, Folter, Peitschenhiebe – bis hin zum Abort

Sakineh Mohammadi Ashtianis wurde im Iran gefoltert, bis sie «gestand». Ein weiteres Schicksal – der Fall Mariam Ghorbanzadeh – zeigt nun, wie Iranerinnen im Gefängnis systematisch misshandelt werden.

Diese Personen sollen laut Aktivisten exekutiert werden: Aushang von Demonstranten in London.

Diese Personen sollen laut Aktivisten exekutiert werden: Aushang von Demonstranten in London. Bild: Keystone

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Zwei Tage lang hielt die Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani trotz Folter stand. Dann brach die zum Tode durch Steinigung verurteilte 43-jährige ein und «gestand» am staatlichen TV Ehebruch und Beihilfe zu Mord. Ihr 22-jähriger Sohn Sajjad Ghaderzadeh hat sich am Donnerstag in einem Brief an die UNO gewandt und bittet um eine Untersuchung. «Was immer unsere Mutter nun sagt, kann nicht ernst genommen werden, weil sie im Gefängnis ist und damit rechnen muss, jederzeit hingerichtet zu werden», zitiert «CNN» aus dem Brief.

Dass Ashtiani durch Folter zu einem Geständnis gezwungen wurde, steht für ihren Anwalt sowie für Menschenrechtsorganisationen ausser Frage. «Der Fernsehsender, der Ashtianis Geständnis ausstrahlte, ist völlig unter der Kontrolle des Nachrichtendiensts», sagt Mohammad Mostafaei aus seinem Exil in Norwegen. Nachdem er Ashtianis Fall weltweit publik gemacht hatte, war der Anwalt per Haftbefehl gesucht worden und musste aus Iran fliehen. «Das Ziel dieser TV-Beiträge ist, jemanden öffentlich zu diskreditieren und durch Lügen die illegalen Aktionen der Regierung zu rechtfertigen», so Mostafaei zu «CNN».

Fehlgeburt nach Schlägen

Weil der Fall Ashtiani den Fokus der Weltöffentlichkeit einmal mehr auf die desolate Menschenrechtslage in Iran gelenkt hat, habe die Regierung einige Todesurteile in aller Stille abgeändert, schreibt der «guardian.co.uk». So sollen in den nächsten Wochen zum Tode Verurteilte nicht mehr gesteinigt, sondern gehängt werden.

Mariam Ghorbanzadeh ist eine der Iranerinnen, deren Todesurteil von Steinigung in Hängen umgewandelt worden ist. Die 25-jährige, die wie Ashtiani im Gefängnis Tabriz inhaftiert ist, war im sechsten Monat schwanger. Diese Woche erlitt sie eine Fehlgeburt, nachdem Gefängniswärter sie brutal zusammengeschlagen hatten. Solange sie schwanger war, konnte die Regierung das Todesurteil nicht vollstrecken, sagt Houtan Kian, ihr Anwalt, der auch Ashtiani und zwei weitere wegen angeblichen Ehebruchs inhaftierte Frauen vertritt.

Eine seiner Mandantinnen, die 19-jährige Azar Bagheri, wurde mit 15 inhaftiert, nachdem ihr Ehemann sie beschuldigt hatte, eine aussereheliche Affäre zu haben. Bagheri sass wegen Ehebruchs schon in der Todeszelle, doch ihr Urteil wurde in 100 Peitschenhiebe umgewandelt, als Ashtianis Geschichte weltweit publik wurde. Das könnte sich wieder ändern. «Ich befürchte, das Iran Mariam und die beiden anderen Frauen nächstens hinrichtet, weil deren Fälle keine so grosse Medienpräsenz hatten», so Kian. 12 Frauen und drei Männern droht der Tod durch Steinigung.

Iran weist Brasiliens Angebot zurück

Sakineh Mohammadi Ashtianis Sohn hofft unterdessen auf Hilfe der UNO. Ausrichten können die Vereinten Nationen wenig, das zeigen Irans Reaktionen auf UN-Sanktionen überdeutlich. Eine Absage erhielt auch der brasilianische Präsident Lula da Silva, der Iran angeboten hatte, Ashtiani in Brasilien aufzunehmen. Iran schätze da Silvas Angebot zwar, sagte Moshen Shaterzadeh, der iranische Botschafter in den USA, aber: «Wir sind sicher, dass er sich nicht in interne Angelegenheiten des Iran einmischen will. Sein Angebot war primär von humanitären Gefühlen motiviert.»

Ashtianis Sohn und ihre 17-jährige Tochter Saida versuchen offenbar, die Politik auszublenden, schreibt «Welt Online» und zitiert die Menschenrechtlerin Mina Ahadi, die mit den Kindern in Kontakt steht. «Heute waren sie mit ihrer Grossmutter zusammen im Gefängnis und haben ihre Mutter besucht. Sie waren erleichtert, sagen sie, weil ihre Mutter ruhig gewirkt habe.» Aber sicher könnten sie nicht sein. Das streng überwachte Gespräch im Gefängnis habe per Telefon durch eine Glasscheibe stattgefunden.

Die Behörden erlauben Sajjad und Saida, während des Fastenmonats Ramadan einmal abends mit ihrer Mutter im Gefängnis zu speisen. Das gemeinsame abendliche Fastenbrechen ist für muslimische Familien eine wichtige Tradition. Die Kinder hoffen, dass dies von den Behörden nicht ein Akt der Barmherzigkeit gegenüber einer Todgeweihten ist, so Ahadi. «Ihren Vater haben sie schon verloren. Sie verstehen nicht, warum der Staat ihnen auch noch die Mutter nehmen will.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2010, 12:57 Uhr

Zur Aussage gezwungen: Sakineh Mohammadi Ashtiani.

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