Singapurs Übervater ist tot

Lee Kuan Yew führte Singapur praktisch im Alleingang aus der Dritten in die Erste Welt. Er war ein grosser Staatsmann in einem kleinen Land. In der Nacht auf Montag ist er gestorben.

Ein Mann, der weit blickte: Lee Kuan Yew (1923 – 2015). Foto: Kurokawa (AFP/Getty)

Ein Mann, der weit blickte: Lee Kuan Yew (1923 – 2015). Foto: Kurokawa (AFP/Getty)

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Eine Zukunft ohne Lee Kuan Yew ist in Singapur schwer vorstellbar, aber mit Garantie von langer Hand vorbereitet. Von ihm selbst. Der «alte Mann», wie er seit geraumer Zeit genannt wurde, pflegte nichts dem Zufall zu überlassen. Es zeichnete ihn im Guten wie im Schlechten aus. Der in der Nacht auf heute Montag Verstorbene prägte die Geschicke des Stadtstaates fast bis zum letzten Atemzug mit 91 Jahren massgeblich mit, freilich nicht mehr als Premierminister. Er brachte es im Gegensatz zu anderen Staatsgründern fertig, die eigene Nachfolge zu regeln.

Lee Kuan Yew (sein Name wird Li Guan Yü ausgesprochen) trat noch auf dem Zenit 1990 als Singapurs Regierungschef zurück, notabene nach 31 Jahren im Amt. Es war kein wirklicher Abschied von der aktiven Politik, dafür wusste Lee auf seine eigene Art – mit einem besonderen System – zu sorgen. Er übergab die Tagesgeschäfte zwar an einen handverlesenen Nachfolger, Goh Chok Tong, stand diesem jedoch als ­Seniorminister (SM) in strategischen Fragen zur Seite. Und als sein ältester Sohn, Lee Hsien Long, schliesslich im Jahr 2004 die Führung der Regierung übernahm, wechselte er in eine neue Position als Ministermentor (MM). Erst 2011 zog er sich offiziell aufs Altenteil zurück.

Er war und blieb die graue Eminenz: Bis zuletzt redete er der Singapurer Bevölkerung regelmässig über die Medien ins Gewissen als selbst ernannter Oberlehrer der Nation. Wenn er es für nötig befand, half er mit hohen Bussen und schweren Strafen nach, das erwünschte Verhalten zu erzwingen. Das Resultat sprach für sich: Singapur entwickelte sich unter seiner Führung von einem Entwicklungsland zu einem Industriestaat.

Autokrat und politisches Genie

Bewunderer wie Margaret Thatcher und Henry Kissinger attestierten ihm politisches Genie. Viele seiner Lösungsansätze fanden Nachahmung rund um den Globus, etwa die Ideen, mit sozialem Wohnungsbau für billige Eigenheime zu sorgen oder mit hohen Strassengebühren übermässiges Verkehrsaufkommen einzudämmen. Ihm war es stets ein ­Anliegen, dass der Stadtstaat auf der Tropeninsel üppig grünte und nicht unter Abgasen erstickte. Vielleicht wäre er als grösster Staatsmann seiner Epoche in die Weltgeschichte eingegangen, wenn sein Schicksal nicht untrennbar verknüpft gewesen wäre mit Singapur, «diesem kleinen roten Punkt auf der Landkarte», wie ein weniger talentierter Politiker im benachbarten Indonesien einmal abschätzig bemerkte.

Fakt ist: Der Ministaat, der auf einer Fläche von 718 Quadratkilometern rund 5,5 Millionen Einwohner zählt, stellt als 40. Volkswirtschaft und 14. Handelsnation der Welt zahlreiche grössere Länder in den Schatten. Lee Kuan Yew schuf ein System, das alle Leistungen, die der Mensch vernünftigerweise vom Staat verlangen kann, in bemerkenswerter Effizienz erbringt. Nur demokratisch ist es nicht. Das kollektive Wohl geht auf Kosten der individuellen Freiheiten. Die Singapurer nehmen es ohne nennenswerten Widerstand hin. Die Mehrheit von ihnen unterstützt das Verbot, Abfall einfach auf die Strasse zu werfen, ebenso wie die Todesstrafe für Drogenschmuggel. Der Umstand, dass sie nicht auf mehr Mitsprache pochen, stösst liberalen Geistern bitter auf. Der Singapurer Staatsgründer, wen wunderts, war eine Reizfigur für sie. Rechthaberei und Überheblichkeit machten ihn zu einer Herausforderung für jeden Demokraten.

Kaum jemand vermochte dem Mann mit den ausgeprägten Geheimratsecken intellektuell das Wasser zu reichen. Er war ein Weltbürger im Sinne des Wortes, eine eigentümliche Mischung zwischen Ost und West, wie sie wohl nur ein Handelsplatz hervorbringen kann, der seine Existenz der Globalisierung verdankt: Singapur, das von den Briten Anfang des 19. Jahrhunderts auf halber Strecke zwischen China und Indien gegründet worden war, um Tee und Opium umzuschlagen. Die Hafenstadt war eine Kronkolonie, eines der Juwelen des britischen Imperiums, als Lee am 16. September 1923 in einer Villa im Zentrum als Stammhalter einer wohlhabenden Familie geboren wurde, die drei Generationen zuvor von China zugezogen war. Sie nannten ihn Harry. Zu Hause wurde Englisch gesprochen. Der chinesische Vorname Kuan Yew, der «Brillanz» verheisst, blieb vorerst unbenutzt.

Der Junge tat sich als Musterschüler im kolonialen Bildungssystem so hervor, dass es ihn wie ein Schock traf, im Gymnasium von einem Mädchen in zwei Fächern überflügelt zu werden. Ihr Name: Kwa Geok Choo. Die beiden Intelligenzbestien kamen einander in der japanischen Besatzungszeit näher. Sie heirateten später, als sie beide Jurisprudenz in Cambridge studierten. Während er nach dem Abschluss bald einmal Aufsehen in der Singapurer Politik erregte, machte sie Karriere als Rechtsanwältin – und kümmerte sich nebenher um die ­Erziehung der drei Kinder.

Zuerst kam freilich der Krieg und mit ihm der Fall Singapurs, die Eroberung der für uneinnehmbar gehaltenen Festung durch die Japaner. Die Kaiserliche Japanische Armee errichtete ein Regime des Terrors. Mehr als 50 000 chinesischstämmige Männer wurden als britische Sympathisanten erschossen. Das Massaker stellte sicher, dass sich der Rest der Bevölkerung den neuen Machthabern sang- und klanglos fügte.

Aus Harry wurde Lee Kuan Yew

Lee Kuan Yew hält in seiner Autobiografie fest, dass die japanische Besatzung ihn so viel über Macht und Ohnmacht gelehrt habe, wie keine Universität es vermocht hätte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war für ihn klar, dass der britische Herrschaftsanspruch über weite Teile Asiens nicht mehr gerechtfertigt war. Er gründete die sozialistische People’s Action Party, die sich die Unabhängigkeit Singapurs auf die Fahnen schrieb. Allein: Die umfangreiche Arbeiterklasse, die aus einer chinesischen Mehrheit sowie beträchtlichen malaiischen und indischen Minoritäten bestand, vermochte er als Angehöriger der englischsprachigen Oberschicht nur schwer anzusprechen. Er ging ein Zweckbündnis mit den Kommunisten ein – und begann Chinesisch zu lernen. Aus Harry Lee wurde Lee Kuan Yew.

Am 1. Juni 1959, mit 35 Jahren, wurde er zum Premierminister der inzwischen autonomen Kronkolonie gewählt. Als machiavellistischer Machtpolitiker zog er in der Regierung alle Register, die Kommunisten an den Rand zu drängen und den Briten die Unabhängigkeit abzuringen. Er propagierte eine Union mit Malaya, wie der Nachbarstaat, der traditionell das Hinterland bildete, damals noch hiess, weil er Singapur allein nicht für überlebensfähig hielt. Nach zähen Verhandlungen kam 1963 die Malay­sische Föderation zustande. In den ­Landesnamen Malaya wurde ein «si» für ­Singapur eingefügt.

Politischer Führer nach der Kolonialzeit: Lee Kuan Yew hält 1955 eine Rede in Singapur. (Foto: The Straits Times/AFP)

Was folgte, waren Unruhen zwischen Angehörigen verschiedener Rassen. Die Malaien, wirtschaftlich weit weniger erfolgreich, fürchteten eine Marginalisierung. Die malaysische Führung setzte auf eine Rassenpolitik, welche die Malaien bewusst bevorzugte. Lee propagierte gleiche Rechte für alle. Ein Blutvergiessen schien nur noch abwendbar, indem sich beide Seiten auf die Auflösung der Föderation verständigten.

Lee Kuan Yew verkündete am 9. August 1965 die Unabhängigkeit Singapurs. Ihm kamen die Tränen, als er live im staatlichen Rundfunk die Gründe für die Trennung von Malaysia zu erklären suchte. Die Schuld, das Volk politisch ins Abseits geführt zu haben, und die Verpflichtung, den neuen Staat nun zu ­einem Erfolg zu machen, schienen – einen Moment lang – übergross.

Ein Sonderfall

Zeit seines Lebens predigte er den Bürgern: «Singapur ist kein normaler Staat.» Die Hafenstadt war bisher eine Drehscheibe gewesen, in die Menschen aus allen Himmelsrichtungen zum Arbeiten strömten. Manche blieben, viele zogen weiter. «Ich musste aus den verschiedenen Menschen eine Gemeinschaft schmieden, die diesen Ort nicht als Hotel sondern als Zuhause betrachtete», erklärte er später. Es handelte sich um die Errichtung eines Staates im wahrsten Sinne der Worte.

Lee sorgte nicht nur mit eiserner Hand und guter Entlöhnung der Regierungs- und Verwaltungsmitglieder dafür, dass das Land frei von der Korruption blieb, die so viele andere Staaten im asiatischen Raum zerfrisst. Er suchte auch, auf jede Herausforderung eine Lösung innerhalb des Systems zu finden. Der technokratische Vater Staat trieb die Entwicklung auf der Insel zielstrebig voran – und ordnete dem wirtschaftlichen Erfolg fast alles andere unter.

Der Staatsgründer setzte die Medien hemmungslos als Propagandawerkzeuge ein. Politische Widersacher wies er mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit – und des Gesetzes – in Grenzen. Wer seine Integrität anzuzweifeln wagte, riskierte eine Verleumdungsklage und den finanziellen Ruin.

Unbestritten ist, dass er einen bescheidenen Lebensstil pflegte. Er wohnte bis zum Tod in der Oxley Road Nummer 38 in einem Haus, das er bereits vor seiner Wahl zum Premier erstanden hatte. Seine Kinder wurden zu sozialer Verantwortung und enormer Leistung erzogen. Zweifel verbieten sich, ob sein Sohn wirklich die beste Wahl für die Regierungsspitze und seine Schwiegertochter für die Leitung der staatlichen Investitionsholding Temasek ist. Das machte Lee Kuan Yew unmissverständlich klar. In einer Ansprache erklärte er: «Selbst auf dem Weg ins Grab werde ich mich nochmals aufrappeln, wenn ich das Gefühl habe, (in Singapur) läuft etwas schief.»

Erstellt: 22.03.2015, 23:07 Uhr

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