Tod eines umstrittenen Strippenziehers

Der getötete Bruder von Afghanistans Staatschef Hamid Karzai war der mächtigste Mann im umkämpften Süden des Landes. Hier half er die Interessen seiner Familie abzusichern.

Der Bruder des Präsidenten: Ahmad Wali Karzai.

Der Bruder des Präsidenten: Ahmad Wali Karzai. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er betrachtete sich selbst als Strippenzieher und bewegte sich in einer Zwischenwelt der Geheimdienste, der Politik, der Stammesintrigen - und angeblich auch der Waffen und Drogen. Ahmad Wali Karzai, jüngerer Halbbruder des afghanischen Präsidenten, galt vielen als Belastung für die Regierung in Kabul.

Hamid Karzai weigerte sich dennoch beharrlich, ihn ohne überzeugenden Beweis eines Fehlverhaltens kaltzustellen. Der vierschrötige Mann um die 50 war ein Symbol der Vetternwirtschaft und zugleich Blitzableiter für Kritik an alldem, was unter diesem Präsidenten schiefläuft. Seine einzige offizielle Funktion war die Leitung des Provinzrats von Kandahar. Doch Wali Karzai, der heute von seinem eigenen Leibwächter erschossen wurde, war eine der einflussreichsten und umstrittensten Figuren in Afghanistan. Im Süden, dem Stammland der Taliban, half er die Interessen der Familie abzusichern.

Nach dem sowjetischen Einmarsch 1979 hatte er das Land verlassen und war mit einem grossen Teil der Familie in den USA gelandet, wo sie Restaurants in San Francisco, Boston, Chicago und Baltimore betrieben. Er führte das Restaurant in Chicago, das 1992 schloss. Sein Aufstieg in Afghanistan begann mit der Ernennung Hamid Karzais zum Chef einer Übergangsregierung nach dem Sturz der Taliban 2001.

«Mehr Gouverneur als der Gouverneur»

Als mächtigsten Mann Südafghanistans bezeichnete ihn nun der ehemalige Parlamentsabgeordnete Nurolhak Olomi - «mehr Gouverneur als der Gouverneur». Trotz aller «negativen Propaganda» gegen ihn sei er ein Quell der Stabilität in der Region gewesen, meinte Präsidentenberater Mohammed Jussuf Paschtun.

In einem Gespräch in seinem Haus in Kandahar Ende 2009 empörte sich Wali Karzai über die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Er warf politischen Gegnern vor, seinen Ruf in den Schmutz ziehen zu wollen. «Lächerlich» seien auch Behauptungen, er stehe im Sold der CIA. Zugleich räumte er freimütig ein, dass er mit den Amerikanern, Kanadiern und Briten zusammenarbeite und «jedem, der mich um Hilfe bittet», Informationen zukommen lasse.

Auch Vater von Taliban getötet

In seinem Haus hielt Wali Karzai Hof wie ein König, verteilte Gunstbeweise, strafte Kritiker ab und belohnte Freunde. «Ja, ich bin einflussreich, weil ich der Bruder des Präsidenten bin», räumte er damals ein. «Dieses Land wird von Königen regiert. Die Brüder des Königs, die Vettern, die Söhne sind alle mächtig. Dies ist Afghanistan. Es wird sich ändern, aber nicht über Nacht.»

Der Präsident und sein Bruder sind zwei von sieben Söhnen des Abdul Ahad Karzai, Stammesfürst des eine halbe Million Menschen zählenden Popalsai-Stammes. Für dessen Ermordung machte Hamid Karzai die Taliban verantwortlich.

(jak/Kathy Gannon und Mirwais Khan, sda)

Erstellt: 12.07.2011, 19:37 Uhr

Artikel zum Thema

Leibwächter erschiesst Bruder von Karzai

In Afghanistan ist ein jüngerer Bruder von Staatschef Hamid Karzai einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Ahmad Wali Karzai wurde in seinem Haus in Kandahar im Süden des Landes erschossen. Mehr...

«Al-Qaida ist auf der Flucht»

Der neue US-Verteidigungsminister Leon Panetta weilt zum Antrittsbesuch in Afghanistan. Er traf sich mit Präsident Karzai und zeigte sich zuversichtlich, dass das Terrornetzwerk zerstört werden kann. Mehr...

USA verhandeln mit den Taliban

Nach Angaben des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai führen die USA und Afghanistan Friedensverhandlungen mit den Taliban. Eine Premiere. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Kunst-Blumen: Zum Valentinstag schenkt Banksy der Stadt Bristol eine neues Werk. Das Blumen werfende Mädchen schmückt eine Wand im Stadtteil Barton Hill. (14. Februar 2020)
(Bild: Finnbarr Webster) Mehr...