Turnbulls Zeit ist gekommen

Australiens neuer Premier Malcolm Turnbull ist bemerkenswert bescheiden für einen Multimillionär. Und bleibt ein zu liberaler Liberaler.

Ein Politiker, der es eigentlich nicht nötig hätte, Politiker zu sein: Malcolm Turnbull im Parliament House in Canberra. Foto: Andrew Taylor (AP)

Ein Politiker, der es eigentlich nicht nötig hätte, Politiker zu sein: Malcolm Turnbull im Parliament House in Canberra. Foto: Andrew Taylor (AP)

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Die Zeit ist gekommen für Malcolm Turnbull. Am Montag löste er in einer parteiinternen Revolution den bisherigen Premierminister Tony Abbott ab. Den Mann, der ihn 2009 von der Spitze der damaligen Liberalen Partei geputscht hatte, weil er den Ultrakonservativen in der Opposition zu moderat gewesen war, sich für Klimaschutz einsetzte und für eine humanitäre Lösung des Flüchtlingsproblems.

Der neue Regierungschef ist mehr Unternehmer als Politiker.

Tony Abbott dagegen war ein Klimawandelskeptiker, als Katholik strikt gegen Abtreibung und Homoehe, überzeugt vom Devisenbringer Kohle als billigem Energielieferanten. Er war begeisterter Monarchist und schaffte es auch später als Premierminister, mit einer perfekten Mischung von Rassismus und Angst vor einer Invasion durch Asylsuchende das Wahlvolk in Dauerpanik zu versetzen.

Derweil wartete im Hintergrund Kommunikationsminister Malcolm Turnbull. Warten, zuschauen ist dem leistungsbewussten Mann schwergefallen – immer wieder zeigte er verhalten seinen Unmut über die oft extreme Politik seines Widersachers – und Chefs.

Ein überragender Intellekt

Aufgewachsen als Kind eines alleinerziehenden Vaters in Sydney, besuchte Turnbull dank Stipendien gute Schulen in seiner Heimatstadt. Studium der Kunst- und Rechtswissenschaften, Oxford. Eine Karriere als Journalist, dann als Rechtsanwalt. Immer brillierte er. Sein Intellekt sei überragend, sagt jeder, er mit ihm zu tun hat.

Dann wurde Turnbull Investmentbanker. Er übernahm Goldman Sachs in Australien, ein Jahr danach war er Partner. Sein grösster persönlicher Anlagecoup war das Ergebnis seiner Weitsicht, das Internet als ultimative Kommunikationsplattform der Zukunft zu erkennen. 1999 verkaufte er seinen fünf Jahre früher für 500'000 australische Dollar (315'143 Euro) erworbenen Anteil am Internetanbieter Oz E-Mail. Profit: 57 Millionen australische Dollar. Heute wird sein Vermögen auf rund 200 Millionen australische Dollar geschätzt.

Am Ziel seiner Ambitionen

Malcolm Turnbull ist ein Politiker, der es eigentlich nicht nötig hätte, Politiker zu sein. Doch das Amt des Premierministers war ihm immer wichtiger als finanzieller Erfolg.

Seinen ersten ernsthaften politischen Einfluss hatte Turnbull als Umweltminister unter dem konservativen Premier John Howard. Er setzte sich vehement für effektiven Klimaschutz ein. Ein paar Jahre später, wieder in Opposition, und Turnbull sah sich dem Ziel seiner Ambitionen nahe: dem Amt des Premierministers. Doch der konservative Flügel machte dem zu liberalen Liberalen einen Strich durch die Rechnung. Der Herausforderer Abbott gewann die Führung der damaligen Opposition mit einer Stimme Vorsprung. Dann Abbotts Wahlsieg vor zwei Jahren. Turnbull setzte sich auf die Wartebank.

Neuorientierung der Wirtschaftspolitik

Der neue Regierungschef ist mehr Unternehmer als Politiker. Die Probleme der Welt sehe er nicht als solche, sondern vielmehr als Herausforderungen, Chancen. Er stellte eine Neuorientierung der Wirtschaftspolitik in Aussicht. Wer aber eine Revolution erwartet, wird enttäuscht sein. Denn Turnbull sieht sich heute mit demselben Problem konfrontiert wie damals: einem dominanten ultrakonservativen Parteiflügel, der ihn hasst. Wenn er es nicht schafft, diese klimaskeptischen, pro Kohle, gegen Asylsuchende agierenden Parlamentarier innert nützlicher Frist auf seine Seite zu bringen, ist die nächste Rochade programmiert.

Er wird pragmatisch agieren, sogar frühere Prinzipien kippen. Er wird die im internationalen Vergleich minimalistische Klimapolitik Australiens nicht abrupt über Bord werfen. Die unmenschliche Politik gegenüber Asylsuchenden wird bestenfalls langsam gelockert. Und die mächtige Kohleindustrie – der Hauptverursacher der rekordhohen Klimagasemissionen Australiens – wird vorerst ruhig schlafen können. Eine radikale Abkehr von dieser zerstörerischen, aber lukrativen Industrie zugunsten sauberer Energieformen ist kein primäres Thema für Turnbull.

Bis die Zeit kommt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2015, 20:17 Uhr

Seit Jahren trägt Turnbull am Handgelenk eine einfache Uhr der Schweizerischen Bundesbahnen. «Ich mag das minimalistische Zifferblatt», hat er mir einmal gesagt. (Bild: Keystone )

Tony Abbott schaffte es als Premierminister, mit einer perfekten Mischung von Rassismus und Angst vor einer Invasion durch Asylsuchende das Wahlvolk in Dauerpanik zu versetzen. (Bild: Keystone )

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