«Überraschend, dass Angriffe von solcher Wucht möglich waren»

In Pakistan eskaliert der Kampf zwischen Taliban und Armee, Taliban-Kämpfer attackieren erneut den Flughafen von Karachi. Pakistanexperte Christian Wagner schätzt die Lage ein – und rechnet mit neuer Gewalt.

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Die Taliban haben am Sonntag den internationalen Flughafen in Karachi massiv angegriffen, inzwischen folgten weitere Attacken. Was ist der Hintergrund dieser Taliban-Offensive? Und warum erfolgt sie jetzt?
Die Friedensgespräche zwischen der Regierung von Ministerpräsident Nawaz Sharif und den pakistanischen Taliban (TTP) sind ins Stocken geraten. Die Taliban haben sich nicht an den Waffenstillstand gehalten. Sie bezeichnen den Angriff in Karachi als Racheaktion für die Luftangriffe der pakistanischen Armee und für die Tötung des früheren Talibanführers Hakimullah Mehsud, der im vergangenen November bei einem amerikanischen Drohnenangriff ums Leben kam.

Haben die Friedensgespräche noch eine Chance nach den Anschlägen in Karachi?
Mit dieser Eskalation der Gewalt sind die Friedensgespräche vorerst erledigt. Es gab von Anfang keine gute Grundlage für die Gespräche zwischen Regierung und TTP. Zum einen tobt innerhalb der TTP ein Machtkampf zwischen den Fraktionen, die Gespräche mit der Regierung befürworten, und denjenigen, die sie ablehnen. Zum anderen war nicht klar, worüber die Verhandlungen geführt werden sollten. Die Taliban forderten u.a. eine Freilassung ihrer Gefangenen und den Rückzug der Armee aus ihren Stammlanden. Rechtsfreie Gebiete wollen Regierung und Armee aber nicht akzeptieren.

Die Taliban haben in der grössten pakistanischen Stadt zugeschlagen und mit dem internationalen Flughafen einen neuralgischen und symbolträchtigen Ort getroffen. Haben Regierung und Armee Pakistans die Taliban unterschätzt?
Unterschätzt nicht. Denn es gab in den letzten Wochen immer wieder Angriffe der Taliban, bei denen auch hohe Armeeoffiziere getötet wurden. Ausserdem weiss man, dass die Taliban seit einiger Zeit massiv in Karachi vertreten sind. Der Flughafen gehörte zu den gefährdeten Objekten. Es ist aber überraschend, dass am Flughafen – trotz grosser Sicherheitsvorkehrungen – Angriffe von solcher Wucht möglich waren.

Die Taliban haben in Karachi gezeigt, wozu sie fähig sind. Sind nun weitere Attacken zu erwarten? Und wie werden Regierung und Armee reagieren?
Ich gehe davon aus, dass die Armee mit gezielten Militärschlägen aus der Luft und vereinzelten Bodenoperationen die Taliban weiter zurückdrängen wird. Gleichzeitig suchen Armee und Regierung die Zusammenarbeit mit gemässigten Stammesgruppen, um gegen die Taliban vorzugehen. Langfristig sollen damit die alten Strukturen in der Stammesregion wiederhergestellt werden.

Bisher verzichtete die Regierung auf eine Bodenoffensive in Nordwasiristan, dem Stammland der Taliban. Könnte es nach den massiven Anschlägen von Karachi nicht doch zu einer Bodenoffensive gegen die Taliban kommen?
Kaum. Regierung und Armee wissen, dass eine solche Bodenoffensive nicht wirklich erfolgreich sein kann. Die Armee kann zwar militärische Erfolge erzielen, war jedoch in der Vergangenheit nur selten in der Lage, die eroberten Gebiete dauerhaft zu sichern. Zudem würden neue Anschläge in anderen Städten Pakistans drohen.

Sehen Sie Hoffnung für eine Deeskalation im Konflikt zwischen Regierung und Taliban?
Nein. Im Moment gibt es auf beiden Seiten keine Gesprächsangebote. Es ist in den nächsten Wochen wohl eher mit einer Eskalation der Gewalt zu rechnen.

Erstellt: 10.06.2014, 17:36 Uhr

«Es ist in den nächsten Wochen wohl eher mit einer Eskalation der Gewalt zu rechnen»: Christian Wagner, Leiter der Forschungsgruppe Asien, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.

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