Volksnähe hinter Plexiglas

Japans Regierung wünscht sich seinen Kaiser als blosses Landessymbol ohne wirkliche Einflussnahme. Dabei ist Akihito ein subtiler Volksversteher mit Wille zur Reform.

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Würdig lächelnd und etwas gebrechlich winkte Kaiser Akihito am Montag zur Feier seines 80. Geburtstags vom verglasten Balkon seines Palasts dem Volk zu, neben ihm seine Gattin Michiko und seine Familie. Mehr Volksnähe lässt das kaiserliche Hofamt nicht zu.

Der Tenno (himmlischer Herrscher) ist «das Symbol Japans und seiner Einheit», so sieht es die Verfassung vor. Ein Staatsoberhaupt ist er nicht. Er hat keine politischen Funktionen, auch keine zeremoniellen wie die gekrönte Häupter anderer konstitutioneller Monarchien. Er hat noch nicht einmal Spielraum, seine Rolle zu interpretieren. Umgekehrt darf die Politik ihn nicht instrumentalisieren. Das 800-köpfige Hofamt steuert jeden Schritt der kaiserlichen Familie. Dennoch ist es Akihito in den 25 Jahren seit seiner Thronbesteigung gelungen, ein eigenes Profil zu demonstrieren. Mit viel Menschlichkeit und Bescheidenheit setzt er sich von der gegenwärtigen Politik ab. Im Volk, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg vom Tenno abgewendet hatte, trägt ihm das grosse Sympathien ein. Die extreme Rechte dagegen, die in Japa durchaus salonfähig ist, attackiert ihn als zu lau. Sie möchten ihn in ihren aggressiven Nationalismus einbinden. Auch dafür dürfte Premier Shinzo Abe die Verfassung ändern wollen.

Verfassung in aller Eile entworfen

Als im Herbst ein junger Abgeordneter dem Tenno bei einem Empfang einen Brief überreichte, mit dem er ihn auf das Schicksal der Opfer von Fukushima aufmerksam machen wollte, reagierte das konservative Japan empört. Sowas tue man nicht, es beleidige den Tenno. Ausserdem könnte der Abgeordnete gegen die Verfassung verstossen haben. Das Parlament rügte in. Und das Hofamt triumphierte, der Tenno habe den Brief nicht gelesen. Der Kaiser selber jedoch deutete einige Tage danach Sympathie für den jungen Mann an.

Die japanische Verfassung wurde im Februar 1946 von den US-Besatzern in aller Eile entworfen. Dennoch ist sie eine gute, sogar beispielhafte Verfassung, entstanden als Synthese aus der Lektüre anderer demokratischer Grundgesetze. Dass sie das Kaisertum beibehielt, dem Monarchen aber keine Rolle zugedacht hat, versteht sich einerseits aus der bis heute nicht geklärten Mittäterschaft von Kaiser Hirohito, dem Vater Akihitos, bei den Aggressionen Japans im Zweiten Weltkrieg. Andererseits spiegelt dieses Sowohl-als-Auch – Japan hat einen Kaiser, aber der hat keine Funktion – des gegenwärtige Nippon, das in seinem Selbstverständnis bis heute in der Nachkriegszeit steckengeblieben ist: Es will sich seinen Nachbarn nähern, aber seine üble Rolle in der Geschichte dieser Nachbarschaft nicht aufarbeiten. Es will ein offenes Land sein, aber nicht auf seine rassistischen Vorurteile verzichten. Es will eine moderne Gesellschaft sein, ohne von sozialen Stereotypen wie den Geschlechterrollen abzulassen. Und es will eine globalisierte Wirtschaftsnation sein, aber nicht auf den alten Protektionismus verzichten. Dieses Japan steckt in einer Sackgasse. Es kann nicht mehr wie bisher, will sich aber nicht ändern. Zumindest seine Politiker wollen das nicht. Sie können sich noch nicht einmal darauf einigen, dass ein Tenno, wenn ihm kein männlicher Nachfolger geboren würde, den Thron einem Mädchen vererben könnte. Dabei gab es in der japanischen Geschichte durchaus Kaiserinnen.

Kremierung erwünscht

Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko haben jüngst auf ganz persönliche, stille Weise einmal mehr gezeigt, dass sich Dinge ändern sollen. Sie kündigten an, sich nach ihrem Tod kremieren lassen zu wollen, wie die meisten Japaner. Auch das ist subtile Volksnähe. Seit 300 Jahren ist in Japan kein Kaiser mehr feuerbestattet worden.

Erstellt: 26.12.2013, 23:50 Uhr

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