Was kommt nach Lee Kuan Yew?

Der Tod des Staatsgründers in Singapur wirft die Frage nach der Nachfolgeregelung auf.

Wer tritt sein Erbe an: Singapurs Staatsgründer Lee Kuan Yew starb am 23. März im Alter von 91 Jahren.

Wer tritt sein Erbe an: Singapurs Staatsgründer Lee Kuan Yew starb am 23. März im Alter von 91 Jahren. Bild: Keystone

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Alle politischen Führungspersönlichkeiten sorgen sich um ihr Vermächtnis. Lee Kuan Yew, der sich in Singapur über ein halbes Jahrhundert entweder direkt oder indirekt an der Macht befand – und bis zu seinem Tod im Alter von 91 Jahren über grossen Einfluss verfügte – blieb dafür mehr Zeit als den meisten anderen. Mehrere Bände seiner Memoiren belegen Lees Sorge um sein Vermächtnis, obwohl Singapurs ausserordentlicher Erfolg unter seiner Führung für sich selbst spricht. Ob man ihn mochte oder nicht – und viele taten das nicht –, fest steht: der bemerkenswerte und dauerhafte Wohlstand sowie die Stabilität des Stadtstaates sind nicht zu leugnen.

Sein Vermächtnis im Hinblick auf Singapurs Erfolg in der Vergangenheit mag klar sein, aber wie steht es mit der Zukunft?

Strenge Hand

Natürlich handelt es sich dabei um eines der wenigen Dinge, die er nicht kontrollieren konnte. Dennoch könnte die strenge Hand, mit der Lee in der Vergangenheit regierte, in einer entscheidenden Hinsicht – nämlich bei der Bestimmung der neuen Führungs­generation Singapurs – die Zukunft schwieriger gestalten. Das Problem ist gewiss lösbar, insbesondere angesichts des hervorragenden Bildungssystems und der hochwertigen Institutionen aller Art. Allerdings legt Lees Vorgehen nahe, dass er Zweifel hegte.

Lees Nachfolge war klar geregelt: nach der Übergabe des Premierministeramtes im Jahr 1990 (im erstaunlich jungen Alter von 66 Jahren) an seinen loyalen Mitstreiter Goh Chok Tong, baute er seinen ältesten Sohn, Brigadegeneral Lee Hsien Loong, für diesen Posten auf. Dieser übernahm das Amt im Jahr 2004. Ungeklärt ist, wer als Nächstes an die Macht kommt.

Vielleicht wird die herrschende Volksaktionspartei einfach auf herkömmliche Weise einen Nachfolger bestimmen. Singapur verfügt über ein umfassendes Kader an qualifizierten Funktionären und Ministern. Doch aufgrund der einigermassen paradoxen Sensibilität Lee Kuan Yews hinsichtlich der vielen Familienmitglieder in höchsten Führungspositionen des Landes bleibt die Frage offen.

Während meiner Zeit als Chefredakteur des «Economist» war ich häufig Ziel von Einschüchterungsversuchen. Dabei stellte sich letztlich klar heraus, dass Lee Kuan Yew ein Wort unter keinen Umständen zu tolerieren gewillt war: Vetternwirtschaft. Schliesslich hatte er Singapur als überaus ausgeprägte Leistungsgesellschaft etabliert, in der Wettbewerb unter klaren und anerkannten Regeln an oberster Stelle stand. Als daher sein Sohn zum Premierminister aufstieg, galt jede Andeutung, wonach dies aus anderen als rein leistungsbedingten Gründen erfolgte, als inakzeptabel.

Lee gründete einen Ausschuss zur Wahrung moralischer Prinzipien, um klarzustellen, dass Vetternwirtschaft nicht der Grund für die Bestellung der Familienmitglieder war und um anschliessend alle zu klagen, die es wagten, Gegenteiliges zu behaupten.

Atmosphäre der Verwundbarkeit

Als kleine, multi-ethnische und von Malaysia im Jahr 1965 ausgeschlossene Gesellschaft entstand Singapur in einer Atmosphäre der Verwundbarkeit, des Mangels an Legitimität und Vertrauen sowie ethnischer Konflikte. Bis in die 1980er- und 1990er-Jahre begründete Lee die Fortsetzung autoritärer Politik häufig mit dem Verweis auf die lokalen Unruhen und die Möglichkeit des Verlustes an gesellschaftlichem Vertrauen und der Rückkehr des Konflikts.

Als er das Zepter seinem ältesten Sohn übergab, hätte man also sagen können, dass er mit diesem Risiko in der logischsten Art und Weise umgegangen war. Wem, wenn nicht dem Sohn des Gründers Singapurs, sollte man vertrauen, wenn man dem Gründer vertraute und ihn als legitimen Machthaber betrachtete? Tatsächlich blieb der Vater weiter auf der politischen Bühne präsent – als «Senior Minister», später als Mentor.

Das funktionierte und Lee Hsien Loong hat als Premierminister, ungeachtet aller Erklärungen für seinen Aufstieg, gute Arbeit geleistet. Gegenwärtig besteht keine Gefahr für Singapurs politische Stabilität und der jüngere Lee ist erst 63 Jahre alt.

Eine Frage bleibt allerdings: Was passiert danach? Lee Kuan Yews Umgang mit dieser Frage bestand darin, sie aufzuschieben. Sein Sohn wird darauf eine Antwort geben müssen.

* Bill Emmott war von 1993 bis 2006 Chefredaktor des «Economist».

Copyright: Project Syndicate, 2015

Erstellt: 26.03.2015, 23:27 Uhr

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