Hintergrund

Was wussten Pakistans Geheimdienste?

Osama Bin Laden soll jahrelang in einem ehemaligen sicheren Haus des Geheimdienstes ISI gelebt haben. Die pakistanische Regierung muss sich im In- und Ausland unangenehme Fragen gefallen lassen.

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Am härtesten gehen die pakistanischen Medien mit der Regierung und den Geheimdiensten ins Gericht. «Das Versagen Pakistans, die Anwesenheit des meistgesuchten Mannes zu entdecken, ist schockierend», kommentiert die pakistanische «The News». «Wie er sich verstecken konnte, ohne dass wir reagierten, wird den Amerikanern schwer zu verkaufen sein», schreibt die «Daily Times». «Wurden sie ins Vertrauen gezogen? Wenn ja, zu welchem Grad? Spielten sie in der Operation überhaupt eine Rolle?», fragt «Dawn».

Die Operation werfe viele Fragen über das Ausmass der Kooperation zwischen den Geheimdiensten und der Armee auf. Unterdessen werden am Fernsehen immer wieder Zitate von Premierminister Yusuf Raza Gilani und anderen Regierungsmitgliedern gezeigt, die immer wieder bestritten, dass sich Bin Laden in Pakistan aufhalten könnte. Jetzt stehen sie wie begossene Pudel da. Vor allem der grösste Geheimdienst Pakistans, der Inter-Services Intelligence ISI steht in der Kritik.

Bin Laden lebte fünf bis sechs Jahre in Abbottabad

Denn Bin Laden wurde nicht in irgendeiner Höhle im Grenzland zu Afghanistan getötet, sondern in einer gesicherten Villa in der 500'000-Einwohner-Stadt Abbottabad, ein paar hundert Meter von der Militärakademie entfernt. «Nach letzten Informationen war er die letzten fünf bis sechs Jahre auf diesem Gelände und er hatte keinerlei Interaktion mit anderen ausserhalb des Geländes», sagte John Brennan, Leiter Terrorabwehr des Weissen Hauses zum Sender CBS. «Aber er schien auf dem Gelände sehr aktiv zu sein.»

«Das Gelände wurde einst vom Geheimdienst ISI als sicheres Haus benutzt», zitiert Gulfnews.com einen hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter. «Vielleicht war es nicht exakt dasselbe Haus, aber das Gelände wurde einmal vom ISI benutzt», sagt ein weiterer Geheimdienstler zur Zeitung. Die Villa ist für pakistanische Verhältnisse ausserordentlich gesichert, von vier bis fünf Meter hohen Mauern mit Stacheldraht umgeben. Anders als die restlichen Anwohner stellten Bin Laden und seine Getreuen den Müll nicht auf die Strasse, sondern verbrannten ihn. Der Wert des Geländes werde auf eine Million US-Dollar geschätzt, so Gulfnews.com.

«Mutter aller Nachrichtendienste» hätte Verdacht schöpfen müssen

Das «recht groteske» Haus hätte «wie ein wunder Daumen» hervorstechen müssen und den Verdacht der «Mutter aller Nachrichtendienste» wecken müssen, «die routinemässig Telefonate abhört und die Ausrüstung hat, ein Mobiltelefon auf zehn Meter genau zu orten», schreibt der Analyst Khamran Shafi auf Dawn.com. «Indes sind wir angehalten, zu glauben, dass keiner in Pakistan, weder die Polizei noch die Geheimdienste, die leiseste Ahnung hatte, wer in diesem absurden Haus in der Nähe der Militärakademie lebte.»

In der Akademie würden Offiziersanwärter, die zukünftigen Leiter der pakistanischen Armee ausgebildet, schreibt Shafi. «Man müsste denken, dass ein Ausbildungslager mit der Akademie und drei Regimentszentren eine sehr sensitive Station sein müsste. Ich kann nur sagen: Wenn sie es nicht wussten, warum wussten sie es nicht?»

Republikaner und Demokraten wollen Antworten

«Es ist schwer vorstellbar, dass die Streitkräfte und oder die Polizei keine Ahnung hatten, was im Inneren vor sich ging», sagte der Vorsitzende des Militärausschusses im Senat, Carl Levin, zu den Medien. Pakistan habe viel zu erklären. Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari wies in der «Washington Post» jegliche Vorwürfe zurück, dass Pakistan Bin Laden Unterschlupf gewährt habe. Es handle sich dabei bloss um Spekulationen.

Im Kongress wollen Republikaner und Demokraten das nicht einfach hinnehmen. Sie wollen wissen, wie Bin Laden sich unter den Augen des Geheimdienstes in Abbottabad einrichten konnte. Die Abgeordneten überlegen sich, die milliardenschwere Finanzhilfe an Pakistan an strenge Bedingungen zu knüpfen. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben die USA Pakistan jährlich eine Milliarde Dollar für den «Kampf gegen den Terror» zur Verfügung gestellt. Dies, obwohl Mitglieder des ISI immer wieder in Verdacht standen, mit den Taliban und anderen Islamisten in enger Verbindung zu stehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.05.2011, 21:37 Uhr

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Zweifel auch in Paris und London

Der französische Aussenminister Alain Juppé zweifelt am angeblichen Unwissen der pakistanischen Regierung. Es sei «schwer zu glauben», dass pakistanische Beamte nicht gewusst hätten, dass der Terrorchef im eigenen Land lebte, sagte Juppé am Dienstag am Rande eines Treffens anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit. Es sei kaum vorstellbar, dass die Anwesenheit einer Person «wie bin Laden auf einem grossen Gelände in einer relativ kleinen Stadt» nicht bemerkt wurde.

Der britische Premierminister David Cameron sagte, er glaube, dass bin Laden in den Jahren vor seinem Tod ein «weitreichendes» Netzwerk der Unterstützung gehabt habe. Grossbritannien werde «suchende Fragen» über das Ausmass dieses Netzwerks stellen, sagte er britischen Abgeordneten am Dienstag. Allerdings werde London seine Hilfsprogramme für Pakistan fortsetzen und weiterhin mit Islamabad bei der Terrorbekämpfung zusammenarbeiten. (dapd)

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