Cyberwar

Wer steckt wirklich hinter der Attacke auf Sony?

Die Schuldzuweisung der US-Regierung an Nordkorea für den Hackerangriff auf Sony könnte Pyongyang in die Hände spielen.

Die USA haben Nordkorea zur alleinigen Urheberin des Hackerangriffs auf Sony erklärt – doch Experten melden Zweifel an. Foto: Keystone

Die USA haben Nordkorea zur alleinigen Urheberin des Hackerangriffs auf Sony erklärt – doch Experten melden Zweifel an. Foto: Keystone

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Mehrere Internetsicherheitsfirmen hegen anhaltende Zweifel an der Schlüsselrolle Nordkoreas im Angriff auf Sony. Und auch Suki Kim, die verdeckt als Lehrerin der Söhne der Elite des Landes ­gearbeitet hat, misstraut der strikten Schuldzuweisung durch die US-Regierung. «Ich sehe kein Motiv», meint sie. «Nordkorea ist dadurch in einer neuen Art als Cyberwar-Bedrohung anerkannt worden.» Ob schuldig oder nicht, so habe der Hackingskandal ihrer Ansicht nach dem Regime in Pyongyang genau den üblen Ruf verschafft, den es so sehr suche.

Obwohl die US-Bundespolizei FBI Nordkorea letzte Woche erneut und nachdrücklicher als zuvor zur alleinigen Urheberin des Hackerangriffs auf Sony machte und Präsident Barack Obama die Sanktionen verschärfte, ist der Sachverhalt nicht klar, wie Suki Kim gegenüber tagesanzeiger.ch/newsnet erklärt. «Das FBI hat versucht, Beweise vorzulegen, aber ein konkreter Beleg fehlt.» Letztlich sei der Film «The Interview», der den Macht­haber Kim Jong-un zum Gespött der ganzen Welt macht, «nur eine dümmliche Komödie und als Motiv nicht genug».

Die Tatsache, dass Sony ein Konzern des historischen Feinds Japan ist, sei kein ausreichender Erklärungsgrund. Zwar sei Nordkorea in der Lage, eine ­Attacke auf Sony auszuführen, da das Regime vermutlich Hacker in China ausbilde und sie als spezielle, von der ­Bevölkerung völlig abgetrennte Regierungseinheit führe. Doch selbst wenn die Hacker in der Vergangenheit in Banken in Südkorea eingedrungen seien, heisse dies nicht, dass auch die Attacke auf Sony aus Nordkorea geführt worden sei. Sicher sei nur, meint Kim, dass sich das Regime um Kim Jong-un in seinem Image als ernstzunehmender Bösewicht bestärkt fühlen dürfte.

Ein bekanntes Muster

«Der Skandal scheint dem üblichen Kurs der nordkoreanischen Propagandisten zu folgen, mit dem wichtigere, folgenschwere Geschichten unter sensationellen Schlagzeilen begraben werden, die niemandem anders als dem Regime dienen», führt Kim in einem Beitrag des ­Onlinemagazins «Slate» aus. Was durch den Skandal völlig überschattet wurde, ist die Tatsache, dass die UNO das ­Unrechtsregime an den Internationalen Strafgerichtshof überstellen und der ­Sicherheitsrat Nordkorea wegen seiner Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft ziehen will. Dieser bahnbrechende Entscheid kam gegen den Widerstand von Russland und China zustande. Nordkorea wünsche nichts mehr, als dass diese Zwangsmassnahmen nicht wahrgenommen würden, meint Kim.

Ein Grund für ihre Skepsis an der ­alleinigen Urheberschaft am Hacker­angriff ist mit ihrer Erfahrung als Lehrerin an der Pyongyang University of Science and Technology zu erklären. 2011 arbeitete sie unter dem Deckmantel einer Lehrerin und christlichen Missionarin an der Söhnen der Machthaber vorbehaltenen Elitehochschule. Sie lebte in der ständigen Angst, entdeckt zu werden und im schlimmsten Fall in ­einem Konzentrationslager zu enden. Kim wuchs in Südkorea auf; und ein Teil ihrer Familie verblieb ohne Spuren in Nordkorea. Sie berichtete seit 2001 mehrmals von offiziellen und kontrollierten Anlässen aus Nordkorea, zuletzt 2008 vom Gastspiel des New Yorker Symphonieorchesters in Pyongyang. Gelegenheit aber, sich mindestens teilweise im Innern des Landes umzusehen, hatte sie nie. Die Lehrerstelle verschaffte ihre diese Chance, und dies erst machte ihr nach eigenen Worten die Ausmasse der totalen Isolation und Paranoia des Landes klar.

Unbehagen beim Lachen

Obwohl die künftige Elite des Landes bei ihr Englisch lernte, wussten ihre Studenten weder um die Existenz des Internets noch um elementare Dinge des täglichen Lebens im Rest der Welt. In ihrem gleichermassen aufrüttelnden wie deprimierenden Erfahrungsbericht «Without You, There Is No Us» schildert sie eine tiefgreifende moralische Korruption in Nordkorea. «Die Studenten hatten eine Unschuld in sich, und doch ­logen sie permanent über alles. Ich brauchte eine Zeit, bis ich begriff, dass das Lügen ein Teil ihres Systems und ­ihrer Welt sind.»

Unbesehen davon, dass der Film «The Interview» in Nordkorea nicht ­gezeigt und ausser von den staatlichen Überwachern kaum von jemanden gesehen wird, so hält sie den Streifen dennoch für bedenklich. Der Film sei eine typische Schwarzweissdarstellung der Zustände und mache sich trotz der Brutalität des Regimes auch über die Bevölkerung lustig. «Was ist so lustig daran, dass 25 Millionen Menschen in einem Gulag leben?»

Erstellt: 12.01.2015, 19:50 Uhr

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Suki Kim, Lehrerin und Autorin. Foto: PD

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