Interview

«Wer zuerst die Waffen hervorholt, hat verloren»

In Thailand besetzten Demonstranten Teile des Regierungsviertels, die Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Sven Trakulhun, Historiker an der Uni Zürich, sagt, wie ernst die Lage ist.

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Die Protestbewegung, die Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra zum Rücktritt zwingen will, hat heute auch das Gelände des Hauptquartiers der thailändischen Armee gestürmt. Wie könnte das Militär reagieren?
Es wird so lange wie möglich abwarten, um die politisch aufgeheizte Situation nicht noch mehr anzuheizen.

Die Armee gilt als mächtig und kann auch in der Politik eine entscheidende Rolle spielen. Auf welche Seite werden sich die Generäle schlagen?
Das ist im Moment offen. Der Anführer der «Bürgerbewegung für Demokratie», Suthep Thaugsuban, ist kein Mann des Militärs. Aber auch Premierministerin Yingluck Shinawatra ist alles andere als fest in Armeekreisen verankert, genauso wenig wie ihr Bruder Thaksin Shinawatra, der dort mächtige Gegner hat. Im Zweifelsfall wird sich das Militär wahrscheinlich verpflichtet fühlen, für Ruhe im Land zu sorgen, also gegen die Demonstranten vorzugehen, wenn es zu ernsthaften Verletzungen oder gar Todesfällen kommen sollte.

Der Protestanführer Suthep Thaugsuban scheint mit der Besetzung immer neuer Regierungsgebäude auf eine Eskalation hinzusteuern. Er sagte auch, er sei bereit, «auf dem Schlachtfeld zu sterben». Wie explosiv ist die Lage tatsächlich?
Das sind politische Rhetoriken, die man nicht wörtlich nehmen muss. Die Oppositionsbewegung um Suthep glaubt nicht, dass sie die Regierung auf verfassungsmässigem Weg loswerden kann. Sie wählt deshalb den Weg der Strasse. Das ist ein bewusster Schritt ausserhalb des Rechts, den man ernst nehmen muss.

In den letzten Jahren scheint der Druck der Strasse zu einem probaten politischen Mittel geworden zu sein. Wie lange könnten die Proteste dieses Mal dauern?
In der Vergangenheit konnten sich Demonstrationen über längere Zeit hinziehen. Das liegt auch daran, dass die Demonstranten – egal welcher Couleur – immer darauf bedacht waren, friedlich zu bleiben. Es ist wie ein Schachspiel: Wer zuerst die Waffen hervorholt, hat verloren. Soweit ich das von hier aus überblicken kann, läuft es aktuell auf eine ähnliche Entwicklung hinaus. Das heisst, die Demonstranten werden versuchen, friedlich zu bleiben, ohne aber den von ihnen besetzten Raum im Regierungsbezirk zu verlassen. Das kann sich einige Wochen hinziehen und begünstigt Provokateure. Die Entwicklung ist im Moment aber schwer prognostizierbar.

Könnte es die bevorstehende Tourismussaison beeinträchtigen?
Direkt betroffen von den Protesten sind eigentlich immer nur sehr begrenzte Gebiete in der Hauptstadt Bangkok. Teilweise kommen nun Provinzen im Süden wie Phuket dazu. Die politischen Auseinandersetzungen betreffen die Besucher des Landes aber nicht. Die Sicherheit der Touristen ist augenblicklich nicht in Gefahr.

2008 wurde aber der Flughafen Bangkoks besetzt, viele Reisende sassen fest.
Theoretisch könnte das zwar wieder passieren. Die Demonstranten mussten damals jedoch sehen, wie sie ihrem Land schadeten. Einnahmen brachen weg. Ein grosser Teil der Wirtschaft des Landes hängt direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Die Besetzung des Flughafens war ein einschneidendes Erlebnis und hat in Thailand selber zu grosser Empörung geführt. Die Proteste sind immer auch von einem patriotischen Impuls getrieben. Die Demonstranten wollen nicht ihrem Land schaden, sondern sie wollen die Regierung stürzen. Sie werden es sich also gut überlegen, ob sie noch einmal den Flughafen besetzen wollen. Ich denke, sie werden es nicht tun.

Die Protestbewegung wirft Thaksin Shinawatra, dem exilierten, ehemaligen Premier und Bruder der aktuellen Premierministerin, Einmischung vor. Wie gross ist sein Einfluss tatsächlich?
Das mit letzter Sicherheit zu sagen, ist schwer. Aber es ist davon auszugehen, dass er in engem Kontakt zu seiner Schwester steht und ihre Politik mitsteuert.

Ein weiterer Vorwurf betrifft die Korruption: Ist die Shinawatra-Regierung denn korrupter als die der «Gelbhemden»?
Beide Seiten werfen dem jeweiligen Gegner Korruption vor. Über Thaksin selbst ist schon viel berichtet worden. Er ist korrupt. Er ist ein verurteilter Steuerbetrüger, der aus diesem Grund im Exil lebt. Auch viele seiner Parteigänger mussten sich Korruptionsverfahren stellen. Das gilt allerdings auch für seine politischen Gegner, die Demokraten. Auch sie waren immer wieder in Korruptionsaffären verwickelt. Der Vorwurf der Korruption trifft also beide Seiten und er ist in der derzeit angeheizten politischen Situation gut instrumentalisierbar.

Seit Jahren stehen sich die Lager von Shinawatras Rothemden, die eher die ländliche Bevölkerung repräsentieren, und die Gelbhemden gegenüber, die urbane Schichten sowie die königstreuen alten Eliten vertreten. Gibt es Aussicht auf eine Versöhnung oder einen Modus Vivendi?
Die frühere Zuordnung in Rothemden und Gelbhemden ist heute nicht mehr so klar. Die Rothemden hatten ihre Basis im ländlichen Nordosten, dort wo Thaksin herkommt. Das ist heute nicht mehr ausschliesslich so. Die Konflikte verlaufen nicht mehr nur zwischen Stadt und Land, sondern quer durch praktisch alle gesellschaftlichen Gruppen durch bis hin zu den Familien. Es sieht im Moment so aus, dass sich die Parteien unversöhnlich gegenüberstehen und wenig Kompromissbereitschaft zeigen. Das ist das eigentliche Problem. Ich sehe nicht, wie eine Lösung auf politischem Weg gefunden werden könnte, wenn sich nicht bald beide Gruppen, Demonstranten wie Regierung, auf ernsthafte Gespräche einlassen. Deshalb wird auch der Ruf nach dem König wieder lauter. Er soll die streitenden Parteien zusammenrufen und versöhnen.

Der König hält sich aber zurück. Gibt es Hinweise darauf, wie er sich verhalten könnte?
Nein, es dringt sehr wenig nach draussen. Man darf nicht vergessen, dass der König krank ist. Sollte er als Vermittler ausfallen, könnte das zur Verschärfung des Problems in Thailand beitragen. Andererseits aber würde das auch den Druck auf die feindlichen politischen Lager erhöhen, diesmal ohne den König zu einer Einigung zu kommen. Sollte das gelingen, dann könnten die gegenwärtigen Konflikte auch ihr Gutes haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.11.2013, 15:44 Uhr

Sven Trakulhun ist an der Uni Zürich Assistenzprofessor für Neuere Geschichte Asiens, mit Spezialgebiet Thailand.

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