Ein Fussball-Derby? Nein, ein Wahnsinn

Heute spielt Nordkorea in der WM-Qualifikation gegen Südkorea – das ist schon im Voraus ein diplomatischer Hochseilakt.

Mit letzter Kraft: Spieler der beiden Koreas in einem Freundschaftsspiel 2005. Foto: Kim Won-jin (AFP)

Mit letzter Kraft: Spieler der beiden Koreas in einem Freundschaftsspiel 2005. Foto: Kim Won-jin (AFP)

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In der arglosen Vorstellung der Fussballbevölkerung handelt es sich bei der Partie zwischen den Mannschaften Südkoreas und Nordkoreas um ein sogenanntes Derby. Um ein Treffen von Nachbarn also, bei dem es nicht nur um Punkte und Tabellenplätze geht, sondern auch um die Kräfteverhältnisse im Revier. Derbys sind normalerweise emotionale Höhepunkte der Saison, ehrlich und umstandslos. Beteiligte und Fans haben keine lange Anreise, man kennt sich, man mag sich nicht, und man mag es, dass man sich nicht mag, weil dadurch die Spannung steigt. Auf dem Platz geht das, was im Alltag nicht geht, nämlich den blöden Nachbarn vor aller Augen gepflegt in den Staub zu drücken.

So gesehen könnte das WM-Qualifikationsspiel zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea und der Republik Korea in Pyongyang am Dienstag eine Gelegenheit sein, bei der das Verhältnis der beiden Staaten für 90 Minuten mal auf eine andere Ebene kommt. Pyongyang in Nordkorea und Seoul in Südkorea sind nur 200 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Das Trainingszentrum der südkoreanischen Nationalmannschaft in Paju liegt ganz in der Nähe der Grenze.

Streng genommen herrscht noch immer Krieg auf der Koreanischen Halbinsel. 1953 endeten dort zwar die verheerenden Kämpfe mit einem Waffenstillstandsabkommen, das die Teilung der Halbinsel anerkannte. Aber einen Friedensvertrag gibt es nicht, auf beiden Seiten des demilitarisierten Grenzstreifens haben sich zwei sehr unterschiedliche Nachbarn entwickelt: ein blühender, klingender Tigerstaat nach US-Vorbild im Süden. Und ein straffes kommunistisches Regime im Norden.

Seit im Süden vor zweieinhalb Jahren ein liberaler Präsident die Regierung übernahm, der frühere Menschenrechtsanwalt Moon Jae-in, hat es Annäherungen mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un gegeben. Aber gerade ist das Verhältnis wieder frostig. Moon redet über eine gemeinsame Olympiabewerbung, spricht Einladungen aus, träumt laut von der koreanischen Einheit 2045. Kim lästert, veranstaltet demonstrative Raketentests und streitet mit den Amerikanern.

Kompliziertes Bruderduell

Kim Se-in, die Medienchefin des südkoreanischen Fussballverbandes, sitzt in einem Konferenzraum im städtischen Sportzentrum von Hwaseong, südlich von Seoul, fünf Tage vor der geplanten Abreise zur Partie gegen Nordkorea. Sie wirkt wie eine Fremde im Männer­kosmos Fussballverband. Intelligentes Lächeln, kein Gehabe. So sachlich wie möglich schildert sie den Stand der Vorbereitung auf das Bruderduell.

Eine Länderspielreise ist ein mächtiger Aufwand. Man muss viele Menschen bewegen, 25 Spieler, fünf Trainer, vier Physiospezialisten, zwei Teammanager, zwei Dolmetscher, zwei Videoanalysten, Mannschaftsarzt, Teamfotograf, Pressesprecher, Koch und noch ein paar mehr. Dazu die eigene Verpflegung, tonnenweise Fussballzeug, Trikots, Trainingsanzüge, Wäsche, Schuhe, Bälle. Austausch, auch mal Streit mit den gastgebenden Verbänden über Organisatorisches ist da normal. Aber die Kommunikation mit Nordkoreas Fussballverband ist nicht normal, sondern ein grösserer diplomatischer Akt, den durchaus auch die südkoreanischen Behörden erschweren können. Immer wieder braucht es für Anfragen Richtung Norden die Einwilligung des Ministeriums für Vereinigung in Seoul.

Die gute Stimmung ist von oben diktiert. Fussballfans im Kim il Sung Stadion. Foto: Jon Chol Jin (AP)

Und Nordkorea kommuniziert nur über den Asiatischen Fussballverband AFC. Wenn überhaupt. Kim Se-in wirkt etwas müde, wenn sie von der schleppenden Anbahnung des Spiels erzählt. Nach der Auslosung war zunächst nicht klar, wo es überhaupt stattfinden würde. In Pyongyang? An einem neutralen Ort? Über die AFC bekamen die Südkoreaner dann den Bescheid, dass in Pyongyang gespielt werde, wo das Team unterkommen könne, Basisinformationen. Klar ist, dass Nordkorea weniger Leute vom südkoreanischen Verband ins Land lassen möchte, als dieser zu brauchen glaubt. «Wir haben der AFC einen Beschwerdebrief geschickt», sagt Kim Se-in.

Jenseits der Grenze liegt eine andere Welt. Immerhin, das Frauennationalteam durfte am 7. April 2017 nach Pyong­yang, Kim-Il-sung-Stadion. Qualifikation für die Asien-Meisterschaft. Eindeutiger Favorit damals: Nordkorea. Neben der Fahne des Nordens mit dem roten Stern auf weissem Grund wehte die Flagge des Südens.

Einige südkoreanische Spielerinnen hatten sich die Haare blondieren lassen. Das ist in Nordkorea verboten.

Knapp 50'000 Menschen besetzten die Tribünen. Ausverkauft, aber die meisten Zuschauer waren auf Befehl da. Sie trugen graue Uniformen und hatten Holzklatschen bekommen. In jedem Block waren professionelle Trommler. «Sieg, Sieg, Sieg!», schallte es schon vor dem Anpfiff von den Rängen. Auf dem Dach des Stadions meterhohe Porträts von Staatsgründer Kim Il-sung und dessen Sohn Kim Jong-il. Das Kunstrasenfeld war umrahmt von Reklamebanden, die für Firmen aus der nordkoreanischen Staatsindustrie warben: Naegohyang. Royal Blood Fresh. Kumdang-2 Injection. Unbekannte Namen.

Auf der Gegengeraden hing ein Spruchband: «Lasst uns in eine neue Phase der Prosperität eintreten und eine Sportmacht werden dank des revolutionären Geistes des Mount Paektu.» Der Paektusan ist der höchste Berg Koreas. Kim Jong-il soll 1942 dort oben in 2750 Metern Höhe geboren worden sein - im Februar. Für die meisten Nordkoreaner ist das Normalität. Ungewohnt waren hingegen für das Publikum die Haare der südkoreanischen Spielerinnen, einige hatten sie sich blondieren lassen. Verboten in Nordkorea. In den Friseursalons des Landes hängen Schautafeln mit staatlich zugelassenen Schnitten.

Südkoreas Team übernachtete damals im Yanggakdo, einem hässlichen Betonquader, den Anfang der Neunzigerjahre französische Architekten auf eine Insel im Taedong-Fluss gesetzt hatten. Niemand konnte das Hotel unbeobachtet verlassen. An den Brücken standen Wachen mit Kalaschnikows. Auch das Spiel wirkte nicht wie ein Spiel. Als die Nordkoreanerinnen in Führung gingen, brüllte das Volk: «Vorwärts! Zeigt ihnen, wer wir sind!» Jeder Kopfball, jeder Einwurf wurde wie eine Rede von Kim Jong-un bejubelt. Das gesamte Stadion stand. Nur die paar Ausländer nicht, die man für 30 Euro pro Ticket reingelassen hatte. Ein Uniformierter zog seinen Schlagstock und sagte: «Aufstehen, ihr auch, aber hurtig!» Ein russischer Diplomat unterbrach ihn: «Nein, wir nicht!»

Die Zeitung schreibt über Pilze

In der Halbzeitpause konnte man mit Euro, Dollar oder chinesischen Yuan in einem winzigen Laden weisse Schokolade kaufen. Das Ablaufdatum war fast erreicht. Es gab auch Limonade aus Indonesien, keine Bratwurst. Spät in der zweiten Halbzeit erzielte Südkorea das 1:1. Man hörte die Südkoreanerinnen auf dem Feld jubeln. Sonst Stille. Eine Schmach.

Nach dem Abpfiff zischte einer der staatlichen Begleiter: «Bitte keine Fragen stellen. Das wäre nicht gut.» Die Zeitung am nächsten Tag erwähnte das Spiel mit keinem Wort. Stattdessen titelte die Rodgong Sinmun: «Der respektierte oberste Führer Genosse Kim Jong-un hat eine Vor-Ort-Anweisung in der Pyongyanger Pilzfabrik gegeben.» Die Partei habe die weise Entscheidung getroffen, «aus unserem Land ein Land der Pilze zu machen». Champignons, Pfifferlinge – aber kein Fussball.

«Es war gruselig»

Die südkoreanischen Spielerinnen erzählten von einem bedrückenden Erlebnis. «Die Mädchen haben gesagt, da sei viel Druck gewesen. Diese ganzen gleichgeschalteten Gesten», sagt Kim Se-in. Wie in einem Theater mit mechanischen Puppen. «Sie haben gesagt, es war gruselig.»

Auch Simon Cockerell erinnert sich. «Ein guter Start für Nordkorea damals.» Elfmeter in der vierten Minute, aber verschossen. Er ist der Chef der Reiseagentur Koryo Tours in Peking, jedes Jahr bringt er Hunderte Touristen ins Land, er ist ein Kenner des Fussballs in Nordkorea, seit Juni sogar offizieller Repräsentant des Fussballverbandes der Demokratischen Volksrepublik Korea.

Der neueste Stand zur Reise? Am späten Freitagabend meldet Kim Se-in: Nordkorea habe via E-Mail bestätigt, dass 25 Spieler und 30 weitere Verbandsleute Visa bekommen.

Beim Spiel gegen Südkorea ist Nordkorea nicht Favorit, und so wie Cockerell es schildert, brüten die Eminenzen des Kim-Staates über der Frage, ob man Ausländer ins Stadion lassen soll oder nicht, weil diese am Ende einen Triumph der südkoreanischen Profis erleben könnten. Cockerell hat gehört, dass die Südkoreaner vorsorglich Tickets für den Air-China-Flug am Montag gebucht haben. 18 davon für Journalisten. Das grösste Problem dürfte der Rückflug sein. Air China fliegt planmässig erst wieder am Donnerstag. Bleiben die Spieler also zwei Tage als Touristen in Nordkorea? Das kann Simon Cockerell nicht sagen. Er kann nicht mal sagen, ob er selbst Tickets für seine Reisegruppe für das grosse Spiel am Dienstag bekommt, am Montag fliegen auch sie nach Pyong­yang. Gut 50 Franken sollen die Karten kosten, das weiss er immerhin.

Dieses verdammte nächste Spiel. Die Spieler hatten ein Briefing der Regierung zur Nordkorea-Tour, jetzt zügeln sie sich. «Natürlich ist das ein besonderes Spiel», sagt Kapitän Son und scheint sich dann erst daran zu erinnern, dass er eigentlich etwas ganz anderes sagen sollte. Er lässt den Satz mit der Feststellung auslaufen: «Das ist ein normales Spiel für die WM.»

Der neueste Stand zur Reise? Am späten Freitagabend meldet Kim Se-in: Nordkorea habe via E-Mail bestätigt, dass 25 Spieler und 30 weitere Verbandsleute Visa bekommen. «Aber sie haben nichts über andere Parteien gesagt, Medien, Fans und so weiter.» Hauptsache, das Spiel ist bald vorbei.

Erstellt: 14.10.2019, 20:31 Uhr

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