«Wir sind Amerika, bitch!»

Zwei Gipfel, zwei Attitüden: In Québec verteilt Donald Trump Fusstritte, in Singapur schmeichelt er einem Despoten.

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Von dem preussischen Historiker Heinrich von Treitschke hat Donald Trump todsicher noch nie gehört. Wie Treitschke aber glaubt auch Trump, dass grosse Männer «Geschichte machen». So wie in Singapur am Dienstag. Von seiner eigenen Grösse war Trump schon immer überzeugt, in Singapur hat er den jungen Diktator aus Pyongyang tüchtig aufgewertet und gleichfalls in die Riege der grossen Männer berufen.

Niemand sollte Trump die Anerkennung für das Gipfeltreffen mit Kim Jong-un versagen: Statt drohender militärischer Auseinandersetzungen gibt es Gespräche, die Lage auf der Koreanischen Halbinsel ist bis auf weiteres entschärft worden, nachdem Trump zu ihrer Eskalation im letzten Herbst erheblich beigetragen hatte. Nun also wird geredet statt geschossen, wenngleich die Versprechungen in der Abschlusserklärung von Singapur eher vage sind. Was die nukleare Abrüstung Nordkoreas angeht, bleibt es bei Ungewissheiten und Absichtserklärungen.

Man stelle sich nur vor,
wie Republikaner reagiert hätten, wenn Barack Obama den Nordkoreaner mit Lob überschüttet hätte.

Das von Trump so heftig gescholtene Atomabkommen mit Teheran hat verifizierbare Ergebnisse gezeitigt, die leeren Sprachhülsen von Singapur aber müssen jetzt in langwierigen Verhandlungen mit greifbaren Fortschritten gefüllt werden. Dass Trump den Machthaber aus Pyongyang in den Augen der Welt legitimierte, war ebenso ein Preis für das Zustandekommen des Gipfels wie die Absetzung des für August geplanten amerikanisch-südkoreanischen Militärmanövers.

Der Gipfel aber stellt nicht nur eine Verminderung der Spannungen auf der Koreanischen Halbinsel in Aussicht. Indem sich Trump auf die Begegnung einliess, entkräftete er die Forderung der amerikanischen Rechten, Washington dürfe mit Diktatoren wie Kim nicht direkt verhandeln. Man stelle sich nur vor, wie führende Republikaner auf einen Gipfel Barack Obamas mit Kim Jong-un reagiert hätten, bei dem Obama den Nordkoreaner mit Lob überschüttet hätte.

Bereit, eine neue Geschichte zu starten: In Singapur kam es erstmals zu einem Treffen der Präsidenten von Nordkorea und den USA. Video: AFP/AP/Tamedia

Singapur zeigte einmal mehr, wie komfortabel sich Donald Trump beim Umgang mit Despoten fühlt. Seine Schmeicheleien für Kim waren überzogen und peinlich: Der junge Diktator habe eine «prima Persönlichkeit» und sei zudem «sehr smart», attestierte ihm der Präsident. Ausserdem sei Kim «sehr talentiert» und ein «geschickter Verhandlungsführer».

Alliierte sind die Fussabtreter

So viele Streicheleinheiten für einen Despoten, der sogar seine engste Familie säubern liess, sind schon erstaunlich. Umso mehr, als der Kontrast zu einem frei gewählten und zutiefst anständigen Politiker wie dem Kanadier Justin Trudeau grösser nicht sein könnte, was Trumps Wortwahl wie Wertschätzung betrifft. Denn zwei Tage nach dem Ende des G-7-Fiaskos von Québec drosch der US-Präsident unvermindert auf den Kanadier ein. Dessen Verhalten beim G-7-Gipfel werde ihn «eine Menge Geld kosten» in Form amerikanischer Strafzölle, wetterte Trump in Singapur.

Hier also wird das Fundament der trumpschen Aussenpolitik sichtbar: Alliierte werden wie Fussabtreter behandelt, Figuren wie Kim Jong-un oder Wladimir Putin hingegen über den grünen Klee gelobt. Drastisch erklärt hat diese Attitüde ein hochrangiger Mitarbeiter Trumps in einem Gespräch mit Jeffrey Goldberg, dem Chefredaktor der Zeitschrift «The Atlantic»: «Wir sind Amerika, bitch!», laute die Doktrin des Trumpismus.

Wer passt in die Reality-Show?

Dass die hässliche Formel bislang vor allem auf US-Freunde angewendet wurde, erstaunt nicht weiter. Trumps autokratische Tendenzen vertragen sich besser mit dem Staatsverständnis von Xi Jinping als mit dem des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Dass Justin Trudeau weder Familienmitglieder ermorden liess, noch über einen Gulag mit halb verhungerten Insassen gebietet, spielt keine Rolle.

Denn mit dem kanadischen Premier kann keine Geschichte gemacht werden. Dazu brauchte es Kim Jong-un, der sich mit seinen Talenten für Donald Trumps gigantische Reality-Show empfahl. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 19:10 Uhr

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