Wohnungen für jüdische Siedler – mitten in der geteilten Stadt

Wo einst Geschäfte von Palästinensern standen, soll in Hebron im Westjordanland eine neue Siedlung entstehen.

Die Grenze geht mitten durch die Stadt: Zwei palästinensische Frauen bei einem Checkpoint der Israelis. Foto: Juan Teixeira (NurPhoto / Getty Images)

Die Grenze geht mitten durch die Stadt: Zwei palästinensische Frauen bei einem Checkpoint der Israelis. Foto: Juan Teixeira (NurPhoto / Getty Images)

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Der Palästinenser Ziad Jaber sitzt in seinem Wohnzimmer in der Ras-Aljorah-Strasse in Hebron und deutet immer wieder in eine Richtung. «Von hier sind es nur fünf Minuten bis zur Altstadt und meinem Geschäft. Aber seit 25 Jahren darf ich nicht mehr hin», sagt Jaber. Seit 1994 hat der 70 Jahre alte Palästinenser sein Geschäft auf dem Grossmarkt in der Al-Shuhada-Strasse 16 nicht mehr betreten. Dreissig Jahre lang hat er dort Obst und Gemüse verkauft. «Sie haben uns rausgeschmissen, sie haben einfach das Areal geschlossen und alles konfisziert. Wir konnten nicht einmal mehr unsere Sachen holen. Sie haben uns gezwungen, alles so zu lassen.»

Wünscht sich, noch einmal hinter der Verkaufstheke in seinem Geschäft im besetzten Gebiet stehen zu können: der Palästinenser Ziad Jaber. Foto: OH

Sie, das sind die Israelis, Soldaten, die Teile der Altstadt vor einem Vierteljahrhundert zum militärischen Sperrgebiet erklärt haben. Seit 1997 ist Hebron geteilt. Das Gebiet H 1 wird von den Palästinensern kontrolliert, H 2 von den Israelis. Dort leben 800 Juden, beschützt von etwa 2000 Soldaten. Hebron ist der einzige Ort im besetzten Westjordanland, in dem Siedler und Palästinenser so unmittelbar aufeinandertreffen. Mit mehr als 215'000 Einwohnern ist es die bevölkerungsreichste Stadt, und nur hier leben Siedler mitten im Zentrum.

Die Al-Shuhada-Strasse, einst eine der Hauptstrassen von Hebron, ist geteilt: Auf der palästinensischen Seite herrscht reges Treiben an den Verkaufsständen, hinter dem israelischen Checkpoint sind die Häuser verbarrikadiert und mit israelischen Fahnen geschmückt. In der Altstadt stehen Wachtürme, mannshohe Mauern und es gibt etwa zehn Checkpoints. Alle paar Hundert Meter sind Soldaten postiert.

Juden, Muslime und Christen

Genau dort, im Herzen der Stadt, soll nun auf dem Gelände des ehemaligen Grossmarkts an der Al-Shuhada-Strasse eine Siedlung für Israelis entstehen. Die zwei Dutzend Häuser stehen leer, ein Teil soll geschleift werden. Wo einst Jabers Geschäft war, hängt nun eine Erklärung auf Hebräisch und das Foto eines Vertrags: Der Sprecher der Siedler, Noam Arnon, verweist darauf, dass die jüdische Gemeinschaft von Hebron dieses Gebiet 1807 rechtmässig gekauft habe und es ihr Eigentum sei. Der 65-Jährige räumt allerdings ein, dass die Häuser mit den Geschäften unter jordanischer Herrschaft in den Sechzigerjahren gebaut worden seien und sie derzeit offiziell der Stadt gehörten.

Der Sprecher der Siedler, Noam Arnon. Foto: OH

«Ich kann mich auch noch an den Markt erinnern, an das Obst und das Gemüse», sagt Arnon, der 1972 nach Hebron kam. Den Grund, warum der Markt geschlossen wurde, streift er nur kurz: «Nach dem Goldstein-Mord hat der Markt zu arbeiten aufgehört und wurde in den Westen der Stadt verlegt, was viel näher an den Hauptstrassen ist und daher viel effektiver ist für einen Markt.»

Mit Goldstein-Mord ist das vom radikalen Siedler Baruch Goldstein verübte Massaker in der «Höhle Machpela» gemeint, dem Grab der Patriarchen. Dort sollen nach biblischer Überlieferung Abraham, Isaak und Jakob mit ihren Frauen Sara, Rebekka und Lea begraben sein – für Juden, Muslime und Christen ein heiliger Ort. Auch diese mächtige Anlage in der Altstadt ist geteilt: Die Juden dürfen rechts hineingehen, die Muslime links, für sie ist es die Ibrahim-Moschee. 1994 erschoss Goldstein dort 29 Muslime beim Morgengebet, 150 wurden verletzt. Daraufhin wurde das ganze Areal und die Altstadt mit dem Grossmarkt abgeriegelt und zum militärischen Sperr­gebiet erklärt.

Siedlersprecher Arnon redet auch oft von einem Massaker. Doch er bezieht sich auf das 1929, als Araber 67 Juden in Hebron ermordeten. «Die Überlebenden von damals und ihre Nachkommen haben uns gebeten, wieder jüdisches Leben hierher zurückzubringen. Wir haben das von der früheren jüdischen Gemeinschaft übertragen bekommen.» Um drei, vier Stockwerke sollen die Häuser auf dem Markt aufgestockt werden und neue Gebäude mit Wohnungen für Hunderte Siedler entstehen. «Das ist eine Form der Wiedergutmachung für die Menschen, die durch den Terrorakt 1929 ermordet wurden, die ihr Leben und Eigentum verloren.»

Vorwürfe an die USA

Der Palästinenser Jaber wartet ebenfalls seit Jahren auf eine Form von Wiedergutmachung. Finanziell entschädigt wurde er für sein 11 mal 40 Meter grosses Geschäft nicht. «Die Stadtverwaltung hat sich bemüht und einen Anwalt organisiert. Aber seit Jahren ist nichts dabei herausgekommen.» Auch der palästinensische Präsident Mahmud Abbas könne etwas machen, vermutet Jaber. «Ich fühle mich allein gelassen. Wir waren damals zwanzig Geschäftsbesitzer. Aber um unser Anliegen kümmert sich niemand mehr.»

Dem widerspricht Bürgermeister Tayseer Abu Sneineh. In seinem Büro im Rathaus von ­Hebron bezeichnet er die Vertreibung der Palästinenser aus ­Teilen der Stadt als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». 3400 Wohnungen wurden in den vergangenen Jahren in der Altstadt geräumt, 1500 Geschäfte geschlossen – ein Drittel auf Anordnung des israelischen Militärs.

Seit Washington die Siedlungen nicht mehr als widerrechtlich bewertet, fühle sich Israel zum Bau regelrecht «ermuntert».

Abu Sneineh war 1980 an einem Anschlag auf eine Gruppe jüdischer Studenten in Hebron beteiligt. Dabei starben sechs Menschen. Heute beteuert er, nicht gegen eine jüdische Präsenz in Hebron zu sein, wohl aber gegen die Siedler. Die Baupläne sieht er als eine gefährliche Entwicklung, weil daraus ein grosser Komplex vom Stadtzentrum bis zur Siedlung Kirjat Arba mit seinen 8000 Bewohnern direkt vor den Toren Hebrons wird. «Damit entsteht eine Siedlerstadt in der Stadt Hebron und das führt zur Judaisierung des Gebiets.»

Die Schuld daran gibt er auch den USA. Seit Washington die Siedlungen im Westjordanland nicht mehr als Verstoss gegen das Völkerrecht bewertet, fühle sich Israel zum Siedlungsbau regelrecht «ermuntert» (lesen Sie hier mehr darüber).

«Wie ein Ghetto»

Der Fatah-Politiker will abermals vor Gericht ziehen. «Das ist kein religiöser Konflikt, es ist ein politischer», sagt Abu Sneineh. Zudem hofft er auf Druck durch die internationale Gemeinschaft, um den Siedlungsbau noch ver­hindern zu können. In Hebron selber kam es zu Beginn dieser Woche zu Zusammenstössen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten. Dutzende Menschen sollen verletzt worden sein. Die Fatah hatte zuvor zu einem Generalstreik gegen die «Siedleroffensive» aufgerufen.

Siedlersprecher Arnon erklärt, dass die jüdische Gemeinschaft in Hebron wachsen werde und man sich allem widersetze, was darauf hinauslaufe, Hebron «judenrein» zu machen. Er spricht das Wort auf Deutsch aus.

Für den Palästinenser Jaber ist die Umgebung der Al-Shuhada-Strasse «wie ein Ghetto». Ihm selbst bleibe nichts anderes übrig, als abzuwarten: «Ich kann nichts machen. Die Besatzung übt Gewalt aus. Ich fühle mich der Gewalt ausgesetzt.» Seinen Traum aber hat der Palästinenser nicht aufgegeben: «Dass ich noch ­einmal zurückkehren und über die Shuhada-Strasse marschieren kann. Und dann noch einmal hinter der Verkaufstheke in meinem Geschäft stehen kann.»

Erstellt: 11.12.2019, 22:04 Uhr

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