Zurück ins Paradies

Einst lebten auf dem Chagos-Archipel im Indischen Ozean 1500 Menschen. Dann mussten sie einer Basis des US-Militärs weichen. Jetzt – 50 Jahre danach – besteht Hoffnung, dass sie zurück in ihre Heimat können.

Die verbotene Insel: Auf Diego Garcia, dem US-Stützpunkt im Indischen Ozean, starteten die Bomber Richtung Afghanistan oder Irak. Foto: Reuters

Die verbotene Insel: Auf Diego Garcia, dem US-Stützpunkt im Indischen Ozean, starteten die Bomber Richtung Afghanistan oder Irak. Foto: Reuters

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Marie Lisette Talate war eine der Letzten, die noch von «Là-bas» erzählen konnte. Nun ist auch sie gestorben – ohne dass sie ihre Heimat im Indischen Ozean noch einmal gesehen hat. Jeweils am frühen Morgen war sie zum Treffpunkt der Chagossians Refugees Group gekommen, einem kleinen Haus im ­Armen­vier­tel der Hauptstadt von Mauritius. Hier sass sie und beobachtete, ­welches Auto von links nach rechts und welches von rechts nach links fuhr. Mehr gab es nicht zu tun. «Là-bas», dort ­unten, sagte Marie Lisette in ihrem ­melodischen Kreolisch, sei sie glücklich gewesen, «glücklich wie ein Fisch im Wasser». Bis sie vertrieben worden war. Marie Lisette nannte diesen Tag nur: «La catastrophe».

Marie Lisette Talate wurde im März 1941 auf Diego Garcia geboren, der grössten Insel des Chagos-Archipels. Die Bewohner der Inselgruppe waren Abkömmlinge von Leprakranken, die zweihundert Jahre zuvor in die Mitte des Indischen Ozeans abgeschoben worden waren. Oder sie stammten von Sklaven ab, die bis zu ihrer Befreiung hier Kokosnüsse verarbeitet hatten. Das Leben auf Chagos war einfach, doch die 1500 Menschen waren zufrieden. Ihr Glück endete 1965, als England den Archipel zur jüngsten Kolonie des Empire machte. Damit begann ein dunkles Kapitel der Weltgeschichte, das erst jetzt – möglicherweise – zu einem guten Ende findet.

Bedingung: Keine Menschen

Die USA als Allianzpartner des Empires suchten seit Mitte des 20. Jahrhunderts einen Stützpunkt, der ihnen mehr Einfluss im Nahen und Mittleren Osten ­ermöglichen sollte. Der Kalte Krieg war heiss, gleichzeitig wuchs China zur neuen Weltmacht heran. Der geostrategisch gut gelegene Indische Ozean stand deshalb im Zentrum der Suche. Die erste Wahl der US-Militärs fiel auf das Aldabra-Atoll nördlich von Madagaskar. Doch Zoologen entdeckten hier eine grosse Kolonie von Riesenschildkröten und wehrten sich erfolgreich gegen die Idee, das Atoll mit einer vier Kilometer langen Piste zu zerschneiden.

Die zweite Wahl fiel auf Diego Garcia. Vorteil: Es gab keine Riesenschildkröten. Nur Menschen. Das heisst ein paar «Tarzans und Freitags obskurer Herkunft», wie eine diplomatische Note aus der Zeit festhält. Jedenfalls bekundeten die USA Interesse, worauf England die Insel für 50 Jahre verpachtete.

Doch Amerika stellte eine Bedingung: Der gesamte Archipel musste menschenleer sein. Man wollte die Basis mit 5000 Mann Besatzung, Langstreckenbombern, Kriegsschiffen verschiedenster Grösse, U-Booten, einem Arsenal an ­Nuklearwaffen und modernsten Lauschanlagen möglichst unbeobachtet betreiben. Zudem fürchteten die Militärs, die Tarzans und Freitags könnten Anschläge verüben. England willigte ein.

In einem ersten Schritt hungerten die Vertreter der Krone die Inselbewohner aus, indem sie die Schiffsverbindung nach Mauritius unterbrachen. Ein Grossteil gab auf. Doch nicht alle. Weshalb die Briten zu härteren Mitteln griffen. Eines Tages trieben sie sämtliche Haustiere der Inselbewohner zusammen und vergasten sie – verbunden mit der Drohung, dass es den Menschen auf dem Archipel nicht anders ergehe, falls sie sich nicht fügten. Das wirkte. Am 27. April 1973 waren die Inseln mit den schneeweissen Sandstränden menschenleer. So, wie es die Amerikaner gefordert hatten: «swept clean» – «rein gefegt».

Gemeinsam mit der Mehrheit der Inselbewohner strandete Marie Lisette Talate in Mauritius. Ihr Zuhause war nun nicht mehr ein Häuschen mit Blick auf türkisfarbenes Wasser, sondern ein Wellblechverschlag, den sie mit einem Dutzend anderer Menschen teilte. Die Männer lebten nicht mehr vom Fischen, ihr Alltag waren Arbeitslosigkeit und Alkohol. Den Frauen blieb die Prostitution. «Là-bas» war Vergangenheit.

Die Chagossianer brauchten über zwanzig Jahre, um sich vom Schock zu erholen. Erst dann fanden sie in Olivier Bancoult einen engagierten Anführer. Bancoult, 1964 auf der Chagos-Insel ­Peros Banhos geboren, vermochte sich vage an die Heimat zu erinnern: an das Geräusch der Wellen und den Klang der Trommeln. Während er tagsüber als Elektriker seiner Arbeit nachging, kümmerte er sich in der Nacht um das Schicksal seines vertriebenen Volkes.

«Klar falsch»

Unterstützt von Anwälten und Menschenrechtsorganisationen, zettelte Bancoult einen jahrelangen Kampf vor den Schranken verschiedenster Gerichte an. Sein Ziel: die Rückkehr der Chagossianer in ihre Heimat. Einmal gewannen die Inselbewohner, einmal die Engländer. Doch auch wenn Bancoult als Sieger hervorging, fand das Empire einen Weg, um den Erfolg zu unterlaufen – etwa mit dem Trick, die Chagossianer für den Verlust der Heimat finanziell zu entschädigen. Mit der Annahme des Geldes verloren sie allerdings das Recht auf Rückkehr. Die Krone hatte diesen Passus in die Empfangsbestätigung geschmuggelt, ohne dass es die Chagossianer merkten. Sie konnten das englisch abgefasste Dokument nicht lesen.

Während die Inselbewohner ihren Kampf fortsetzten, nahm die Bedeutung der US-Basis ständig zu. Von hier aus wurde ausgeführt, was das Weisse Haus als Ziele der nationalen Politik definierte. Auf dem Atoll starteten die Bomber Richtung Afghanistan, Kuwait und Irak. Nach den 9/11-Anschlägen wurde die Basis zudem um ein geheimes Gefängnis erweitert. Einige der gefährlichsten Terroristen sollen hier für kurz oder lang interniert gewesen sein, um schliesslich in Guantánamo zu enden. Das sind aber Vermutungen. Nicht einmal der kürzlich publizierte, 6000 Seiten lange Report über das «Verhörprogramm» der CIA lässt sich darüber aus.

Die Öffentlichkeit weiss kaum Bescheid über die US-Basis im Ozean. Bis heute ist es erst einigen wenigen Aussenstehenden gelungen, die verbotene Insel zu betreten. 1985 segelte der englische Reiseschriftsteller Simon Winchester auf einer Yacht nach Diego Garcia. Vor der Insel setzte er ein Notsignal ab, weshalb er gemäss Seerecht in den Hafen gelassen werden musste. Winchester sass für ein paar Tage im Inselgefängnis.

2008 versuchten zwei Aktivisten der People’s Navy auf das Schicksal der ­Chagossianer aufmerksam zu machen, indem sie ebenfalls in den Hafen von Diego Garcia einliefen. Sie wurden verhört, gebüsst und abgeschoben. Legale Wege nach Diego Garcia gibt es nicht. Seit zwölf Jahren stellt der «Tages-Anzeiger» Gesuche, um die Heimat der Chagossianer zu besichtigen – vergeblich.

2009 dachten sich die Engländer eine neue Variante aus, um die Rückkehrpläne der Inselbewohner zu unterlaufen: die Gründung des weltgrössten Meeresreservates. Der gesamte Archipel, so gross wie Frankreich, sollte unter Schutz gestellt werden. Auf den ersten Blick eine überzeugende Idee, denn die 58 Inseln mit ihren palmengesäumten Lagunen und der faszinierenden Fauna stellen in westlichen Augen eines der letzten Paradiese dar. Doch das Empire hatte mit der Idee des Reservats anderes im Sinn, wie von Wikileaks veröffentlichte Dokumente nahelegen. Der Park werde den Chagossianern eine Rückkehr «sehr schwer, wenn nicht unmöglich machen», heisst es in einer Depesche. Denn die Schutzbestimmungen des – inzwischen realisierten – Parks enthalten ein generelles Fischereiverbot; die Chagossianer jedoch leben vom Fischfang. Nur die Soldaten der Basis dürfen fischen, 50 Tonnen pro Jahr, zum Vergnügen. Zum zweiten Mal mussten die Chagossianer erkennen, dass Tiere mehr Wert haben als sie. Einst waren Riesenschildkröten Grund für ihre Vertreibung gewesen; nun verhinderte ein Naturschutzreglement ihre Rückkehr.

Vor drei Jahren verloren die Chagossianer schliesslich ihren letzten juristischen Kampf. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befand, die Inselbewohner seien entschädigt worden und hätten damit das Recht auf weitere Klagen verwirkt, weshalb man den Fall nicht zulasse. Ein Verdikt, das Bancoult und seine Mitstreiter «sprachlos» machte. Ausgerechnet der Gerichtshof für Menschenrechte weigerte sich, inhaltlich auf das Anliegen der Vertriebenen einzugehen.

Aber so vernichtend das Urteil aus Strassburg war, es läutete dennoch eine Trendwende ein. Zwar stehen die Chagossianer seither rechtlich gesehen so schlecht da wie nie, aber dafür moralisch besser denn je. Ihr Engagement für das verlorene Paradies hatte ihnen in all den Jahren immer mehr Sympathien eingebracht. Ihre Gegner gewannen zwar vor Gericht, doch mit jedem juristischen Erfolg erlitten sie einen weiteren Imageverlust. Und so reagierte die Krone auf das Verdikt aus Strassburg mit einem unerwarteten Statement. Was eine «frühere Generation» den Chagossianern angetan habe, sei «klar falsch» gewesen. Es sei nun an der Zeit, das erlittene Unrecht wiedergutzumachen. Das Foreign and Commonwealth Office in London, zuständig für die Kolonie im Indischen Ozean, gab deshalb eine Studie in Auftrag, mit dem Ziel, die Möglichkeiten einer Rückkehr der Chagossianer in ihre Heimat zu prüfen.

Diese Studie soll nun Ende Januar 2015 veröffentlicht werden. Eine Entwurfsform ist bereits in Umlauf, und sie gibt den Chagossianern tatsächlich Anlass zu Hoffnung. Eine Rückkehr auf die Inseln sei zwar teuer, grundsätzlich jedoch machbar, hält das Papier fest. Idee ist es, vorerst eine Vorausdelegation von 150 Chagossianern auf der Hauptinsel anzusiedeln, wo sie entweder auf der US-Basis oder als Wächter des Meeresparks beschäftigt werden sollen. Als weitere Option sieht die Studie den Aufbau eines bescheidenen Ökotourismus.

Druck aus London

Ob das Papier nur Papier bleibt oder tatsächlich auch umgesetzt wird, ist noch ungewiss. In England stehen im kommenden Mai Wahlen an. Bis dahin werde man nichts entscheiden, sagt Nikki Lewkowicz, Sprecherin des Foreign and Commonwealth Office. «Es ist Sache der neuen Regierung, die Stossrichtung festzulegen.» Auch ist nicht klar, wie die USA auf die neuste Entwicklung reagieren werden. Bis anhin haben sie sich konsequent gegen jede Wiederansiedlung von «Là-bas» gesträubt.

David Vine, Anthropologe an der American University in Washington D. C. und profunder Kenner der Chagos-Materie, glaubt nicht, dass sich das ändern wird: «Ich erwarte keine Überraschung». Allerdings hat in England eine überparteiliche Gruppe von Parlamentariern unmissverständlich festgestellt, dass man eine Umsetzung der Studie nicht nur befürworte, sondern dabei auch «eine Kooperation seitens der USA» erwarte, ja, dass eine solche geradezu «Bedingung» für eine Verlängerung des Pachtvertrages sei. Das sind ungewohnte Töne, und sie könnten Wirkung zeigen: Der Vertrag läuft Ende 2016 aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2015, 07:01 Uhr

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