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Abenomics ist nur Fassade

Japans Premier Shinzo Abe hat die Tokioter Börse immer starkgeredet. Der schwächelnde Nikkei-Index ist nun eingebrochen.

Das Regenwetter passt zum Abwärtstrend an den Aktienmärkten: Ein Passant betrachtet die Informationsbildschirme bei der Tokioter Börse.
Das Regenwetter passt zum Abwärtstrend an den Aktienmärkten: Ein Passant betrachtet die Informationsbildschirme bei der Tokioter Börse.
Keystone

Toyota erwartet Rekordeinnahmen. Sharp, Panasonic und andere japanische Exportgiganten, aber auch Tepco, die Betreiberin von Fukushima I, melden erstmals seit einigen Jahren schwarze Zahlen. Auch Japans Grossbanken haben 2013 Profite gemacht wie noch nie. Dennoch ist die Tokioter Börse in den letzten vier Tagen um fast acht Prozent getaucht, allein heute Dienstag um vier Prozent. Seit Jahresbeginn hat der Nikkei-Index 14 Prozent verloren. Die Wirtschaftszeitung «Nikkei» nannte die Ursachen: «Unsicherheiten an der Wallstreet» und «schlechte Zahlen aus den USA». Die Amerikaner sind schuld. Tatsächlich?

Ein Jahr lang haben Premier Shinzo Abe und sein Wirtschaftsminister Akira Amari die japanische Börse stark- und den Yen schwachgeredet. 57 Prozent legte der Nikkei 2013 zu, mehr als jede andere Börse ausser Portugal. Notenbankchef Haruhiko Kuroda pumpte dafür immer mehr Geld in die japanische Wirtschaft, er will die Geldmenge binnen zweier Jahre verdoppeln – angeblich, um die milde Deflation zu überwinden. In Wirklichkeit schwächte er damit vor allem den Yen.

Überfällige Strukturreformen lassen auf sich warten

«Japan is back»: Abe wiederholt es wie in einem Refrain. Sein von der Presse Abenomics genanntes Programm zur Sanierung der Wirtschaft setze sich aus drei Pfeilen im Köcher zusammen, sagt er. Der erste Pfeil war Kurodas Politik des billigen Geldes, der zweite massive Staatsinvestitionen, der dritte Pfeil sollten überfällige Strukturreformen sein. Das sei der wichtigste Pfeil, sagte Notenbankchef Kuroda noch voriges Frühjahr. Doch Abe hat während des ganzen letzten Jahres keine Anstalten gemacht, solche Reformen einzuführen.

Bis heute ist nicht einmal klar, an welche Reformen er dachte. Und ob überhaupt. Was er vorstellte, war kaum mehr als Kosmetik, etwa den Export von Sake zu fördern. Abes Wachstumsideen enthielten nichts fundamental Neues, bestätigt auch Atsushi Saito, der Chef der Tokioter Börse. Aber es wäre wichtig, wenigstens das umzusetzen. Saito kritisiert die Geldpolitik Kurodas: «Es gibt keine Nachfrage nach Krediten.»

Rechtsnationalistische Politik auf Kosten der Wirtschaft

Die Realwirtschaft hat trotz satter Profite der Vorzeige-Unternehmen bisher kaum von Abenomics profitiert. Die Firmen investieren nicht, die Löhne stagnieren, und im April wird die Mehrwertsteuer angehoben, was den Konsum zwangsläufig bremst.

Den Börsianern, die Abe so gerne geglaubt hätten, wird es allmählich bewusst: Abenomcis ist nur Fassade, zumal der Premier immer wieder demonstriert, dass seine Prioritäten in der Durchsetzung einer rechtsnationalistischen Politik liegen – auch auf Kosten der Wirtschaft. Etwa, wenn er die Spannungen mit den wichtigen Handelspartnern Südkorea und China verschärft. Inzwischen hat sogar die Notenbank ihren stets zur Schau getragenen Optimismus gedämpft. Vorige Woche brach die Vermögensverwaltungsfirma Myojo den Bann mit der Prognose, bis Ende Jahr werde der Nikkei auf 9000 Punkte zurückfallen. Dann müsste Abe sagen: «Japan is back – where it came from.»

Das Handelsbilanzdefizit wächst und wächst

Wie ist es möglich, dass die Realwirtschaft kaum profitiert, wenn die Exportfirmen Rekordprofite melden? Der Yen verlor im vergangenen Jahr 18 Prozent gegenüber dem US-Dollar, gegenüber dem Euro noch mehr. Ein gleichbleibendes Exportvolumen wird damit in einer Yen-Buchhaltung 18 Prozent mehr wert. Zudem repatriieren die grossen japanischen Unternehmen Gewinne ausländischer Töchter, auch sie werden in Yen umgerechnet. Obwohl die Exporteure stets über den starken Yen jammerten, hat seine Schwäche ihnen nicht geholfen. Sie exportieren heute nicht mehr als in den Jahren des starken Yen: Gegenüber 2008 sind Japans Exporte um 17 Prozent zurückgegangen, in die USA sogar um 23 Prozent, in die EU um 44 Prozent. Und es gibt keine Aussichten auf eine Besserung.

Seit drei Jahren notiert Japan ein stetig wachsendes Handelsbilanzdefizit. Der Staat ist mit 250 Prozent des Bruttoprodukts verschuldet, die Notenbank finanziert sein Defizit. Und die Regierung unternimmt nichts, um die lahmende Wirtschaft umzubauen.

Spekulationstourismus statt langfristige Investitionen

Dennoch sind die Amerikaner tatsächlich schuld – und einige Europäer auch. Der Boom des Nikkei im Vorjahr wurde nicht von langfristigen japanischen Investoren befeuert, sondern primär von Spekulationstouristen, die auf Abes «Story» setzten, wie es im Börsenjargon heisst. Mehr als die Hälfte der Trades in Tokio wird von Ausländern getätigt. Sie stürmten im letzten Jahr nach Tokio, jetzt nehmen sie ihre Gewinne mit.

Die Schwäche der Wallstreet und die Unruhe an den Devisenmärkten, auch das leichte Erstarken des Yen, gibt ihnen dazu nur den Anlass. Tetsuo Seshimo, ein Portfolio-Manager in Tokio, kommentierte gegenüber Bloomberg: «Der japanische Markt ist endlich zur Vernunft gekommen.»

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