Anonymer Autor berichtet aus der nordkoreanischen Finsternis

Der heutige Korea-Gipfel ist ein Propagandacoup für Kim Jong-un. Wie es in dessen Reich tatsächlich zugeht, schildert ein anonymer Autor.

Coup gelandet: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un betritt südkoreanischen Boden. (Video: Tamedia, AFP)

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Täglich weissen Reis mit Fleisch, Seidenkleider und ein Ziegeldach über dem Kopf, so stellt sich der LKW-Fahrer Yong-su «das neue demokratische Nordkorea» vor, «das wir aufbauen». Doch der Geheimpolizist des Dorfes, selber ein kleiner Fisch, ist hinter Yong-su her, weil er Militärpolizisten mit einer Axt bedrohte. Sie sägten für eine Telefon­leitung einen Ast der Ulme vor seinem Haus ab. Das brachte Yong-su in Rage, denn die Ulme war ihm heilig, er glaubte, mit ihren magischen Kräften bringe sie die «An jedem Tag Fleisch»-Zukunft früher. «Der Blitz trifft immer eine unschuldige Kröte», seufzt er.

Yong-sus Schicksal ist eine von sieben Kurzgeschichten, die der nordkoreanische Schriftsteller Bandi, ein Pseudonym, zwischen 1989 und 1995 geschrieben hat. Sie wurden voriges Jahr in Südkorea veröffentlicht und sind unter dem Titel «Denunziation» auch auf Deutsch erschienen.

In Südkorea sind in den letzten Jahren zahlreiche Bücher nordkoreanischer Überläufer erschienen. Aber Bandis Texte sind die einzigen, die in Nordkorea verfasst wurden. Der 1950 geborene Autor, dessen Identität geheim bleiben muss, lebt bis heute im Nordosten des Landes. Er ist Mitglied des nordkoreanischen Schriftstellerverbands und publiziert sonst in offiziellen Zeitschriften. Seine Texte sind eine Auswahl aus 750 Manuskriptseiten, die nach Süd­korea geschmuggelt wurden. In Nordkorea hat sie niemand gelesen. Soweit bekannt, gibt es dort keine Untergrund­literatur. Die Nordkorea-Experten sind sich allerdings nicht einig, ob das Buch echt oder eine Fälschung sei. Unbe­stritten ist dagegen, dass Bandi das Schicksal unschuldiger kleiner Leute, die vom Regime zerrieben werden, treffend abbildet.

Ganze Familien im KZ

Nordkorea unter Jungdiktator Kim Jong-un ist ein totalitärer Staat. Das Regime bespitzelt, foltert, steckt ganze Familien in Konzentrationslager und richtet Menschen selbst für banale Vergehen öffentlich hin. Bandis Figuren haben sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie handeln nur menschlich, wie der Mann, der seine sterbende Mutter in der fernen Provinz noch einmal sehen wollte, aber keine Reisegenehmigung erhielt und trotzdem fuhr. Oder die Grosseltern, die mit ihrem Enkelkind und tausend andern Fahrgästen in einem Provinzbahnhof 30 Stunden stecken bleiben. Die Bahnlinie ist für ein «Klasse-1-Ereignis» gesperrt, das heisst für den «Geliebten Führer», damals Kim Il-sung. Die Wartenden hungern und frieren, es können nicht einmal alle auf dem Boden sitzen.


In der Grabkammer der selbst ernannten Sonnen
In Nordkorea herrscht seit 70 Jahren eine absurde Familiendiktatur – eine Reportage aus dem heiligsten Ort des säkularen Gottesstaates. (Abo+)


Als etwas Brot geliefert wird, trampeln die Hungrigen die Grossmutter fast zu Tode. Später macht sich die alte Frau allein zu Fuss zu ihrer Tochter auf, sie lebe ja nur vier Dörfer weiter. Aber auch die Strasse ist gesperrt. Doch die «Katzen», wie sie die Geheimpolizisten nennt, lassen die Maus durch. Schliesslich taucht eine Wagenkolonne auf. Sie stoppt, der «Geliebte Führer» möchte die Oma sehen. Er hört von ihrem Plan und bietet ihr an, sie zur Tochter zu fahren. Später muss sie im Radio erzählen, wie sich «der grosse Führer, der Vater der Nation», der alle Nordkoreaner «wie seine Kinder liebt», fürsorglich um sie gekümmert habe.

Elf Holes-in-one

Die nordkoreanische Propaganda hat nach dem Kaiserkult des Vorkriegsjapan und dem Schöpfungsmythos der Bibel eine Pseudoreligion um die Kims geschaffen. Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il sind heilige Übermenschen. Sie können alles. Als der jüngere Kim 1994 erstmals einen Golfschläger in die Hand nahm, so die offizielle Legende, soll er elf Holes-in-one geschlagen haben.

Will die Propaganda erneuern: Kim Jong-un an einer Militärparade in Pyongyang. (Bild: Reuters)

Kim Jong-un habe verstanden, dieses Bild sei nicht mehr zeitgemäss, meint Eun A-jo vom Asan-Institut. Er wolle Nordkorea zu einem normalen Land machen. Dazu habe er begonnen, die Propaganda zu erneuern. Er kopiert zwar seinen Grossvater, will aber andererseits als zeitgenössischer Mensch gesehen werden. Dazu lässt er sich regelmässig von seiner Frau begleiten.

Frauen als Aushängeschilder

Überhaupt benütze er die Frauen, so Eun A-jo, um Nordkorea als modernen Staat darzustellen. An die Olympischen Spiele in Pyeongchang schickte er seine Schwester und eine Popgruppe in Stöckelschuhen und Miniröcken, die eine kulturelle Globalisierung Nordkoreas symbolisieren sollte. Er wolle nicht nur das Bild der Welt von Nordkorea ändern, sondern auch das Selbstbild der Nord­koreaner. Das heutige Gipfeltreffen mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in trägt zu dieser Imagekorrektur bei.

Für Bandis Figuren, die, gezeichnet vom Existenzkampf in einer totalitären Mangelwirtschaft, in Häusern wohnen, in denen sich im Winter Frost an den Wänden bildet, ändert eine Kurskorrektur der Propaganda freilich nichts. Das Regime hat sie über Jahrzehnte geschunden und ihnen die Menschenwürde geraubt. Das ist schlimmer als Mangel. Und kaum zu heilen.

Erstellt: 27.04.2018, 07:07 Uhr

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