Barfuss aus der Hölle

Acht Fragen und Antworten zum eskalierten Konflikt zwischen der Armee und den Rohingya in Burma.

125'000 Rohingya auf der Flucht. (Video: Reuters)

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Wie ist aktuell die Situation im Grenzgebiet zwischen Burma und Bangladesh?
Die Gewalt in Burma treibt immer mehr Menschen in die Flucht. Der Grund dafür sind Kämpfe zwischen der Armee und Rohingya-Rebellen in Burmas westlichem Bundesstaat Rakhine. Dabei wurden seit Ende August Hunderte Menschen getötet. Die UNO erklärte, im Nachbarland Bangladesh seien in den vergangenen Tagen 123'600 Flüchtlinge angekommen, die mit ihrem kleinen Besitz barfuss durch den Matsch wateten. Viele Flüchtlinge haben angeblich Schussverletzungen, es drohen Krankheiten und Giftschlangen. Tausende stecken fest am Fluss Naf, der die Grenze zu Bangladesh bildet, mehrere Flüchtlinge seien bereits ertrunken, berichtet die BBC. Und offenbar hat nun die burmesische Armee damit begonnen, die Grenze zu verminen.

Hilft wenigstens die UNO?
Sie versucht es. Die UNO-Hilfsorganisationen bitten die Mitgliedsstaaten der Weltorganisation um 18 Millionen Dollar, um die Ankömmlinge in Bangladesh zu unterstützen. Die Menschen benötigten Zelte, Decken, Essen und medizinische Versorgung. UNO-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer humanitären Katastrophe und hat die Regierung in Burma aufgerufen, die Gewalt gegen die muslimische Rohingya-Minderheit in Rakhine zu stoppen. Er zeigte sich «zutiefst besorgt über Berichte von Exzessen» der Sicherheitskräfte. Die Rohingya müssten ein «normales Leben» führen dürfen, sagte Guterres. Das Leiden dieser Menschen und ihre «ungelöste Notlage» dauere bereits «viel zu lange an und werde ein unleugbarer Faktor regionaler Destabilisierung».

Wer sind die Rohingya?
Eine muslimische Minderheit in Burma. Sie leben hauptsächlich im nördlichen Teil des an Bangladesh grenzenden Rakhine-Staates. In Burma leben heute etwa eine Million Rohingya. Seit 1982 gelten sie nicht mehr als eine der 135 einheimischen Bevölkerungsgruppen und haben damit keinen Anspruch mehr auf den burmesischen Pass. Das heisst: Ältere Rohingya sind als Burmesen geboren worden, heute sind sie staatenlos. Das treibt viele in die Flucht. Wegen der anhaltenden Repressionen und Verfolgungen leben mindestens eine Million Rohingya als Flüchtlinge in Bangladesh und anderen Ländern Asiens.

Bilder: Flucht aus Burma

Seit wann gibt es den Konflikt zwischen den Rohingya und Burmas buddhistischer Mehrheit?
Seit Burmas Unabhängigkeit vom britischen Kolonialreich am 4. Januar 1948. Die burmesische Regierung hat seither gegen die Rohingya 20 gross angelegte Militäroperationen durchgeführt. Buddhistische Mönche agieren als Hassprediger. Folge der massiven Gewalt war der Tod vieler Rohingya, ihre Siedlungsgebiete wurden verwüstet, ihre Häuser und Heiligtümer systematisch zerstört. Immer wieder greifen radikale Buddhisten Angehörige der muslimischen Minderheit an oder brennen Moscheen nieder. Die Rohingya sind in Burma unerwünscht und rechtlos. Dazu kommt die bittere Armut.

Was hat zum jüngsten Gewaltausbruch geführt?
Aufständische Rohingya haben am 25. August in einer koordinierten Aktion 30 Polizeiposten und eine Kaserne angegriffen. Nach Regierungsangaben wurden dabei mindestens 77 Aufständische und zwölf Sicherheitskräfte getötet. Die Untergrundgruppe Arakan Rohingya Salvation Army, kurz Arsa, bekannte sich zu den Taten und drohte mit weiteren Aktionen. Nach Angaben aus Militärkreisen nahmen etwa 1000 Aufständische teil. Dabei hätten sie selbst gebaute Bomben, Kleinwaffen, Stöcke und Schwerter eingesetzt. Auch Brücken seien gesprengt worden. Die Armee reagierte mit grosser Gewalt und trieb Zehntausende Rohingya in die Flucht, die meisten von ihnen sind Frauen, Kinder und ältere Menschen.

Sind die militanten Rohingya Jihadisten?
Die Arsa, die sich früher Harakah al-Yaqin (HaY) nannte, deutsch Bewegung des Glaubens, formierte sich nach den Gewaltausbrüchen 2012. Erstmals in Erscheinung trat die militante Organisation im Oktober 2016, als sie wie neulich Polizeiposten angriff und dabei neun Beamte tötete. Die Arsa wird von Rohingya-Migranten in Saudiarabien gesteuert. In Burma selbst werden sie von Rohingya geführt, die im «Ausland geschult worden sind und Erfahrung haben mit modernen Guerilla-Taktiken», wie die International Crisis Group schreibt.

Die Arsa profitiere ausserdem davon, dass sie durch internationale und lokale Fatwas legitimiert worden sei. Der Anführer sei Ata Ullah, ein in Pakistan geborener Rohingya, der in Saudiarabien aufwuchs, wo er in Mekka eine Koranschule besuchte. Verbindungen zur islamistischen Ideologie scheinen daher naheliegend. Ein Sprecher dementiert jedoch, wie «Asia Times» berichtet: «Wir sind keine Jihadisten.»

Hat Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi deshalb so lange geschwiegen?
Könnte sein. Dennoch hat sie viel Kritik ausgelöst. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fordert die De-facto-Regierungschefin Burmas auf, ihre moralische Autorität geltend zu machen und die Gewalt an den Rohingya zu verurteilen. In ihren ersten Kommentaren sprach Aung San Suu Kyi dann allerdings von einem «riesigen Eisberg von Fehlinformationen» und von «Fake-News», was die Probleme zwischen den Volksgruppen verschärfe. Und dies sei ganz im «Interesse der Terroristen». Gleichzeitig bestritt Aung San Suu Kyi, die sich während Jahrzehnten für die gewaltlose Demokratisierung ihres Heimatlandes eingesetzt hatte, dass im Bundesstaat Rakhine eine ethnische Säuberung im Gang sei. Vielmehr würden alle Menschen in Burma beschützt. «Wir wissen sehr genau, besser als die meisten, was es heisst, wenn einem die Menschenrechte und der demokratische Schutz vorenthalten werden», rechtfertigte sich die frühere Freiheitskämpferin. Suu Kyis Zurückhaltung liesse sich auch so interpretieren, dass in der jungen Demokratie immer noch die Armee über am meisten Macht verfügt.

Haben die Rohingya keine Verbündeten?
Doch. Vor allem die muslimisch geprägten Staaten nehmen Burma in die Pflicht. «Die Sicherheitskräfte müssen sofort alle Formen der Gewalt einstellen und humanitäre Hilfe anbieten», forderte die indonesische Aussenministerin Retno Marsudi am Dienstag nach einem Treffen mit Aung San Suu Kyi sowie Generalstabschef Min Aung Hlaing. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte Suu Kyi am Telefon, die muslimische Welt sei tief besorgt. Auch Malaysia erhöhte den Druck auf Burma, indem es den Botschafter des Landes einbestellte. Aussenminister Anifah Aman sagte in Kuala Lumpur, Burma habe kaum Fortschritte bei einer friedlichen Lösung des Konflikts gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 15:12 Uhr

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Flüchtlinge an der Grenze zu Bangladesh. (Bild: Reuters / Mohammad Ponir Hossain)

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