Bloss ein Vorspiel

Die Olympischen Winterspiele bringen Nord- und Südkorea an einen Tisch. Was die ersten gemeinsamen Gespräche seit zwei Jahren bedeuten.

«Lassen Sie uns den Leuten ein wertvolles Geschenk zum neuen Jahr machen»: Die Vertreter von Nord- und Südkorea gaben sich positiv. Video: Tamedia/AFP

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Nordkorea hat Südkorea am Dienstag vorgeschlagen, eine grosse Delegation an die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang zu schicken. Sie soll Offizielle, eine Gruppe Cheerleader, einen Tanztrupp, Taekwondo-Kämpfer für Showauftritte umfassen. Und auch Athleten – zumindest das Eiskunstläuferpaar Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik, das sich offiziell für die Spiele qualifiziert hat.

Nordkorea ist zwar ein Winterland – aber bisher kaum ein Wintersportland. Nur im Eisschnelllaufen der Frauen haben Athleten aus Nordkorea schon Olympiamedaillen gewonnen: 1964 in Innsbruck und 1992 in Albertville auf der kurzen Bahn.

Zur Antwort schlug Seoul dem Norden vor, zur Eröffnungs- und zur Schlussfeier sollten die Athleten beider Koreas gemeinsam einmarschieren, so Südkoreas Vereinigungsminister Cho Myoung-gyon in einer kurzen Presseorientierung nach der Eröffnungsrunde der ersten gemeinsamen Gespräche seit zwei Jahren. Seoul schlug ausserdem vor, die beiden Koreas sollten eine gemeinsame Cheerleader-Truppe bilden.

Die Teilnahme Nordkoreas in Pyeongchang wird damit eher zum sportdiplomatischen als zum sportlichen Ereignis, zumal die Offiziellen, die die Delegation begleiten werden, nicht bloss Sportoffizielle sein werden.

Das ist nichts Neues. Zu den Asienspielen 2014 in Incheon tauchten für die Öffentlichkeit völlig überraschend die Nummern zwei und drei der nordkoreanischen Hierarchie hinter Kim Jong-un zur Schlussfeier auf. Und führten nach der Zeremonie informelle politische Gespräche mit der südkoreanischen Regierung. Übertreffen könnte Pyongyang diese Geste nur noch mit einem Abstecher von Kim persönlich – beispielsweise zur Schlussfeier.

Welche Wege führen nach Südkorea?

Im Waffenstillstandsdorf Panmunjom handeln die beiden Delegationen, die sich vor dem Auftakt der Gespräche sehr optimistisch gaben, die Modalitäten der Teilnahme Nordkoreas aus. Sie müssen zum Beispiel festlegen, wie die nordkoreanische Delegation nach Südkorea gelangt. Ganz im Osten der Halbinsel wurde während der Jahre der sogenannten Sonnenschein-Politik zwischen 2000 und 2007, der von Seoul initiierten und finanzierten Tauwetter-Periode, die alte Strassenverbindung von der nordkoreanischen Küstenstadt Wonsan in den Süden wiederhergestellt. Von diesem Grenzübergang sind es bis nach Gangneung, wo die Eislaufwettbewerbe durchgeführt werden, nur hundert Kilometer. Aber dieser Grenzübergang wurde seit zwei Jahren nie benützt.

Eine Einigung über Nordkoreas Beteiligung an den Spielen in Pyeongchang mag eine grosse symbolische Bedeutung haben. Politisch ist sie ist bloss die erste einfachste Hürde eines hochkomplizierten Prozesses zur Entspannung auf der Koreanischen Halbinsel, zu der auch Washington, Peking, Tokio und Moskau beitragen müssen. Also eigentlich bloss ein Vorspiel.

Leise Hoffnung für getrennte Familien

In der Nachmittagssitzung wollte die südkoreanische Delegation die Wiederaufnahme von Angehörigentreffen für jene Familien vorschlagen, die vom Koreakrieg (1950–1953) getrennt wurden und sich seither nie mehr gesehen haben, keine Briefe austauschen und schon gar nicht telefonieren können. Seoul wünscht, es solle bereits zum chinesischen Neujahrsfest, das auch in Korea gefeiert wird und dieses Jahr auf den 16. Februar fällt, zu einem ersten Treffen kommen.

Nordkorea hat solche Familienzusammenführungen seit 1985 immer wieder zugelassen. Sie dauerten jeweils zwei bis drei Tage und fanden unter strenger Aufsicht der Staatssicherheit in einem isolierten nordkoreanischen Hotel statt. Aber Kim hat sie seit mehr als zwei Jahren blockiert.

Dieser emotionsbeladene Vorschlag Seouls dürfte zum ersten Lackmustest werden, wie ernst es Kim mit seinem Angebot zur Entspannung ist. Lenkt er auch hier ein, wird Seoul seinen Vorschlag vom vorigen Sommer für Militärgespräche wiederholen und «weitere Schritte zur Reduktion der Spannungen an der Grenze, zur Wiederaufnahme des innerkoreanischen Dialogs für den Frieden auf der Halbinsel und zur nuklearen Abrüstung» vorschlagen. Nordkorea hat sich dazu bisher nicht geäussert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2018, 12:22 Uhr

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