Impact Journalism

Coole Taschen aus Sitzleder

Die Sitzpolster von alten Autos bestehen oft aus hochwertigem Leder. Statt dieses zu zerstören, stellt eine Start-up-Firma in Südkorea daraus begehrte Taschen und Rucksäcke her.

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Von Wi Un-ji, «Dong-A Ilbo», Südkorea

Autos mögen zu den Produkten gehören, die am besten wiederzuverwerten sind. Das gilt für Ledersitze und Airbags aus Nylon jedoch nicht. Aber in Südkorea erhalten Autoabfälle, die sonst in einer Deponie landen würden, ein zweites Leben – dank einer Start-up-Firma, die Accessoires aus Leder herstellt.

Die 2015 gegründete Recycling-Firma Morethan aus der Hauptstadt Seoul bietet mit ihrer Marke Continew Rucksäcke und Portemonnaies an, die aus Leder von alter Autopolsterung hergestellt werden.

Ian Choi, Gründer und Chef von Morethan, kam die Idee, während er in England an der Universität Leeds studierte. «Eines Tages wurde mein geliebtes altes Auto von hinten gerammt und so schwer beschädigt, dass eine Reparatur keinen Sinn mehr machte», sagt Choi. «Ich liebte dieses Auto so sehr, dass ich den Rücksitz herausnahm und als Sofa benutzte. Einige meiner Freunde waren so sehr von seiner Qualität beeindruckt, dass sie mich ermutigten, noch andere Dinge damit zu machen. So kam ich darauf, Taschen herzustellen.»

Millionen Tonnen Abfall

Choi hatte sich für seine Abschlussarbeit ausgerechnet das Thema soziale Verantwortung in der südkoreanischen Autoindustrie ausgesucht. «Der Prozess der Autoherstellung produziert jedes Jahr Millionen Tonnen Abfall», sagt der 37-Jährige. «Aber wenn wir über Umweltverschmutzung sprechen, geht es meistens nur um Abgase, nicht um Abfall. Ich dachte mir, dass ein Upcycling von Autositzen, Sicherheitsgurten und Airbags zu neuen Produkten eine Antwort sein könnte.»

Nachdem er 2013 nach Südkorea zurückgekehrt war, wollte Choi ein Unternehmen gründen und suchte auf verschiedenen Autofriedhöfen nach Leder für seine Produkte. Anfangs ignorierten ihn die Betreiber der Schrottplätze. Andere hatten ihre Zweifel, weil es schon vergleichbare Produkte auf dem Markt gab. Choi nahm 2014 mit seiner Idee an einem Wettbewerb für sozial engagierte Geschäftsideen teil und wurde prämiert. Jetzt war er überzeugt, dass sein Plan umgesetzt werden konnte, und heuerte einige Kollegen an, um sein Ledergeschäft in Gang zu bringen.

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

Continew-Taschen wurden anfangs durch Mund-zu-Mund-Werbung bekannt; die ersten Kunden waren begeistert. Letzten Oktober machte die Nachfrage einen Riesensprung, nachdem der Leadsänger der südkoreanischen Boyband BTS in sozialen Medien ein Bild von sich postete, auf dem er einen Continew-Rucksack trägt. Derzeit bietet die Firma fast 70 verschiedene Produkte an. Bis März machte sie einen monatlichen Umsatz von etwa 190'000 Franken.

Choi hat grosses Vertrauen in die Qualität seiner Taschen, da das Leder für Autopolster haltbar und wasserfest ist. Nachdem es aus alten Autos entfernt worden ist, wird das Leder gereinigt, getrocknet, geglättet und gewachst, bevor es zur Fabrik in Seoul kommt, wo jede Tasche von Handwerkern einzeln gefertigt wird.

Leder zu färben, erfordert normalerweise grosse Mengen Chemikalien und Wasser, denn es muss fünf- oder sechsmal gewaschen werden, um üble Gerüche zu entfernen. Aber da im Prozess von Continew ausschliesslich mit Lederabfällen gearbeitet wird, werden keine Tiere getötet, und es wird viel weniger Wasser verwendet. Die Wiederververtung bedeutet auch, dass keine Färbemittel notwendig sind. Es werden nur Wasser, ein Waschmittel und Wollseife benutzt. «Mit jedem Rucksack sparen wir 1642 Liter Wasser», sagt Choi.

Arbeitsplätze für Bedürftige

Auch die Lederreste nach der Herstellung werden recycelt; die Firma zerstückelt sie in kleinste Schnipsel und mischt sie mit Latexgummi, um daraus einen Lederstoff zu machen. Aus Nylon-Airbags und Sicherheitsgurten werden Sommertaschen und Schultergurte.

Mit seinem Motto, aus Nutzlosem Nützliches zu machen, will Morethan mehr erzielen, als nur Autoteile zu verwerten; es sollen auch Arbeitsplätze entstehen. «Ich wollte bedürftigen Menschen, die nach Arbeit suchen, eine Chance geben», sagt Choi. Das gilt in Südkorea besonders für Flüchtlinge aus Nordkorea. «Vor allem Frauen aus Nordkorea haben sehr eingeschränkte Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Die Fabriken wollen sie nicht einstellen.» Heute arbeiten zwei Flüchtlingsfrauen aus Nordkorea bei der Firma. Eine wird als Prüferin für die Qualität des Leders ausgebildet, die andere arbeitet im Verkauf in Seoul.

Als Nächstes möchte Morethan mit seinen Continew-Produkten den globalen Markt erobern. Demnächst soll ein Pop-up-Store in Los Angeles eröffnet werden, ein weiterer am Flughafen von Jeju Island, dem beliebtesten Ferienziel in Südkorea. «Unsere Lösung ist überall umsetzbar», sagt Choi. «Denn der Abfall von Ledersitzen ist für alle Autohersteller ein Problem.»

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

(Wi Un-ji/«Dong-A Ilbo», Südkorea)

Erstellt: 15.06.2018, 16:39 Uhr

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