Das chinesische «Game of Thrones»  

Die Chinesen sind verrückt nach Serien. Die erfolgreichste spielt am Kaiserhof des 18. Jahrhunderts. Doch auch sie muss zur politischen Agenda der Regierung passen.

Die junge Wei Yingluo am Kaiserhof in Peking aus der beliebten TV-Serie «Geschichte des Yanzi-Palasts». Foto: PD

Die junge Wei Yingluo am Kaiserhof in Peking aus der beliebten TV-Serie «Geschichte des Yanzi-Palasts». Foto: PD

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Die «Geschichte des Yanxi-Palasts» haben Sie noch nie gehört? Googeln Sie doch. Sie wären nicht allein. Die chinesische Serie war letztes Jahr online die meistgesuchte TV-Show der Welt. Und das, obwohl Google in China gesperrt ist. Die 70-teilige Serie ist so etwas wie das chinesische «Game of Thrones».

Der Plot ist schnell erklärt: Mitte des 18. Jahrhunderts kommt die junge Chinesin Wei Yingluo an den Kaiserhof in Peking, um den mysteriösen Tod ihrer Schwester aufzuklären. Dort gewinnt die aufmüpfige Frau das Herz des Kaisers und seines Hofstaates. Umgerechnet 45 Millionen Franken betrugen die Produktionskosten für die Serie. 15 Milliarden Mal wurden Episoden allein auf chinesischen Internetplattformen abgerufen. 530 Millionen Menschen sahen die Serie im August an nur einem Tag. Zum Vergleich: Zur finalen Folge der 7. Staffel von «Game of Thrones» schalteten 16,5 Millionen Menschen ein.

In China ist es fast normal, wenn Menschen im Restaurant beim Essen nebenbei eine Serie laufen lassen, bei der Arbeit ihr Handy neben den Computer legen, in der U-Bahn sowieso. Serien sind in China ein Suchtmittel. Cai Shenshen von der Swinburne University of Technology in Melbourne nennt das Format in ihren Publikationen die «vorherrschende Form des Geschichtenerzählens» in China.

530 Millionen Menschen haben die Serie an einem einzigen Tag angeschaut.

Fernsehen ist das wichtigste Medium im Land. 97 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu einem Gerät. Dabei nehmen TV-Dramen bei einzelnen Sendern bis zu zehn Stunden des Programms am Tag ein. 30'000 Episoden produziert die heimische Filmindustrie pro Jahr über die rasanten Veränderungen im Land, die schwierigen Lebensbedingungen von Wanderarbeitern, die Urbanisierung und die Konflikte zwischen den Generationen. Viele Serien kann man im Netz auch in Europa anschauen. Darunter die «Geschichte des Yanzi-Palasts». Oft mit englischen oder deutschen Untertiteln.

Das Dynastie-Drama hat die marktführende Streamingplattform iQiyi finanziert. Sinologin Cai glaubt, Serien gäben auch Menschen abseits der grossen Städte das Gefühl, am Wandel des Landes teilzunehmen. Gleichzeitig dienten sie als Ventil für Stress und den grossen ökonomischen Druck, der auf vielen Menschen lastet. Erst seit sich das Land aus dem ideologischen Griff Mao Zedongs befreit hat, gibt es genug Freiräume für moderne TV-Produktionen. Durch die Liberalisierung und Kommerzialisierung der Filmindustrie entwickelten sich Privatinvestoren zu den wichtigsten Entscheidern in der Branche.

Mit heimischen Serien das eigene Image aufpolieren

Im autokratisch regierten China bedeutet die Popularität aber auch, dass das Fernsehen weiter die politische Agenda der Partei stützen muss. «Der Staat hat sich nie als Regulator aus der Industrie zurückgezogen», schreibt Cai. Anstatt gegenseitig ein feindseliges Verhältnis zu entwickeln, kooperierten Staat und TV-Markt wie Komplizen. Die Regierung hält sich aus der Planung des Programms heraus, fordert aber Änderungen und verbietet Serien, die nicht in die politische Agenda passen. 2016 verbot China «vulgäre, unmoralische und ungesunde Inhalte», die die angeblich «dunkle Seite der Gesellschaft» zeigen würden.

Andere Produktionen fördert der Staat hingegen gerne. Koreanische und japanische Dramen haben weltweit Fans; Peking hofft, mit heimischen Serien das eigene Image aufzupolieren. Diese erzählten «gute chinesische Geschichten», wie jüngst der Staatssender CGTN erklärte. Das soll Chinas Softpower stärken.

Ein guter Alleinherrscher

Dass Dramen politisch wirken können, ist in China nichts Neues: «Ihr legt Lippenbekenntnisse zu dem Grundsatz ab, dass das Volk die Wurzel des Staates sei. Doch noch immer unterdrücken Beamte die Massen.» Die Zeilen des Schriftstellers Wu Han gelten heute als einer der Ausgangspunkte für den Ausbruch der Kulturrevolution in den 60er-Jahren. Sein Stück «Hai Rui wird seines Amtes enthoben» handelte von einem Beamten aus der Ming-Dynastie, der sich gegen die Politik des Kaisers stellte. Mao Zedong verstand die Zeilen als Kritik an seiner Staatsführung.

Dramen über die Kaiserzeit sind zwar etwas ganz anderes, aber auch sehr beliebt. Bisher waren die Zensoren auch zufrieden mit den Dynastie-Dramen. Immerhin werben diese für eine starke Zentralregierung und festigen den Glauben an einen guten Alleinherrscher, der gegen Korruption vorgeht und das Wohlergehen der Nation über sein eigenes Interesse stellt – zumindest in der Theorie.

Tugend der Sparsamkeit

Doch unter Präsident Xi wächst die Kontrolle. Die Sorge der Zensoren: Auch wenn die Regierung nicht mehr in der Verbotenen Stadt sitzt, sondern ihr Hauptquartier westlich des Kaiserpalastes in einem abgeschotteten Gebäudekomplex aufgeschlagen hat, könnten die Intrigen im engsten Machtzirkel des Landes an die Machenschaften innerhalb des Kaiserpalastes erinnern.

In einem Artikel warf das staatliche Magazin «Theory Weekly» den TV-Serien vor, «Sünden» zu befördern. Zuschauer würden ermutigt, ein glamouröses Leben im Stil der Kaiser zu führen, statt sich an den «Tugenden der Sparsamkeit und harter Arbeit» zu orientieren. Nach Erscheinen des Artikels strichen die Sender mehrere Serien aus den Programmen.

Willkommen sind hingegen Produktionen wie «Im Namen des Volkes», 2017 ein Megaerfolg. In dem Drama kämpft ein Ermittler in seiner Stadt gegen die Korruption innerhalb der Partei. Viele Zuschauer sahen in der Show Parallelen zur Antikorruptionskampagne von Präsident Xi. Ein Evergreen sind auch die Kriegsdramen über die Invasion der Japaner. Zappt man durch das Fernsehprogramm, scheint es manchmal, als wären die zwei Länder immer noch im Krieg. Dort greifen die Zensoren nur ein, wenn die japanischen Soldaten zu freundlich wirken.

Erstellt: 08.02.2019, 20:51 Uhr

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