«Das ist apokalyptisch»

Ein Himmel ohne Sonne und voll giftigen Nebels: Smog gefährdet Millionen Menschen in Peking. Unser Korrespondent beantwortet die wichtigsten Fragen.

Gefährlicher Smog: Viele Passanten sind mit Schutzmasken unterwegs.

Gefährlicher Smog: Viele Passanten sind mit Schutzmasken unterwegs. Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie schlimm ist heute der Smog in Peking?
Die Lage ist so schlimm wie seit Januar 2013 nicht mehr, als wir hier etwas erlebten, was die Leute als «Airpocalypse» bezeichnet haben. Das war damals ein derartiger Schock, dass die Regierung versprochen hat, endlich Massnahmen zu ergreifen. Und jetzt sehen die Leute mit Entsetzen, dass sich haargenau das gleiche Szenario wiederholt. Wir haben heute Feinstaubwerte, die vierzigmal höher sind als der Grenzwert, ab dem die Luftverschmutzung laut Weltgesundheitsorganisation gefährlich wird. Und das ist jetzt der fünfte Tag. Heute ist es nochmals schlimmer als gestern.

Was sieht und spürt man, wenn man auf die Strasse geht?
Es ist in vielen Teilen der Stadt so, wie wenn es gleich Nacht würde. Schwarzer, beissender Nebel, aus dem einem Menschen mit Schutzmasken entgegenkommen. Bei mir im Viertel ist der Nebel gräulich-orange. Gebäude, die hundert Meter entfernt sind, sieht man nicht mehr. Das ist absolut apokalyptisch, man kommt sich vor wie in einem Science-Fiction-Film. Man schaut zum Fenster hinaus und denkt, die Welt sei untergegangen. Meine Friseuse, die vom Land nach Peking gezogen ist, erzählte mir heute, sie habe allen Ernstes geglaubt, die Sonne habe sich davongemacht.

Welches sind die körperlichen Symptome?
Eine Bekannte sagte uns gestern, sie hätte noch nie in ihrem Leben solche Kopfschmerzen gehabt. Bei den meisten tränen die Augen, der Rachen brennt. Meine Frau und zwei meiner Kinder mussten in den letzten Tagen so stark husten, dass sie sich erbrochen haben.

Können Sie dagegen überhaupt etwas unternehmen?
Ich gehe möglichst wenig auf die Strasse. Meine Kinder müssen zwar den Schulweg erdulden, bleiben aber ansonsten ebenfalls zu Hause. Das Wochenende ist am schlimmsten, weil man die Kinder zu Hause einsperren muss. Wir haben in jedem Zimmer einen Luftreiniger installiert, der pro Stück 1600 Franken kostet – hergestellt von der Schweizer Firma IQ Air, das sind die beliebtesten hier. Versammelten sich die Familien früher um das Lagerfeuer, sitzen wir heute um den Luftreiniger herum und rühren uns nicht vom Fleck. Das Gerät läuft 24 Stunden, und doch habe ich in unserem Esszimmer vorher einen Wert gemessen, der sechsmal höher liegt als der Grenzwert der WHO. Und ich bin immerhin noch in der Situation des privilegierten Ausländers. Die meisten chinesischen Familien können sich solche Luftreiniger nicht leisten.

Was unternimmt die Regierung?
Wir erleben hier den Horror, aber die Pekinger Regierung hat zum Ärger sehr, sehr vieler nicht die rote Alarmstufe ausgerufen, sondern lediglich die zweithöchste, die orange. Das heisst, es werden einige Fabriken geschlossen, aber die Autos dürfen weiter ungehindert fahren. Und die Schulen bleiben offen. Wir haben das Glück, dass unsere Kinder auf die deutsche Schule gehen, die sich eine teure Anlage zur Reinigung der Luft leisten kann. Aber die meisten chinesischen Schulen haben keine solchen Apparate. Kinder aus armen Familien sitzen den ganzen Tag im Dreck.

Aber irgendetwas muss die Regierung doch tun.
Die Stadtregierung unternimmt viel zu wenig und tut es viel zu spät. Am Wochenende verkündete sie, sie werde einige Tausend Fabriken schliessen oder die Produktion drosseln, genützt hat es offensichtlich nichts. Wenn die Regierung einen wichtigen Event feiert, dann sieht das anders aus. Vor dem Gipfel des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsraums letztes Jahr und vor der Militärparade dieses Jahr wurde viel härter gegen die Verschmutzer durchgegriffen. Das ärgert die Leute zusätzlich, weil sie sehen, dass wirksame Massnahmen gegen den Smog eigentlich möglich wären.

Zum Beispiel?
Man müsste wirklich viel mehr Fabriken schliessen oder mit teuren Filteranlagen ausstatten, und wieder einmal die Hälfte der Autos mit einem Fahrverbot belegen. Davor schreckt die Regierung offenbar zurück. Andererseits spürt die Regierung den Zorn der Leute, gerade aus der Mittelschicht, die ihr politisches Rückgrat darstellt. Im Moment machen die Chinesinnen und Chinesen die traumatische Erfahrung, dass das Wachstum der letzten Jahre nicht nachhaltig war und sie jetzt mit ihrer Gesundheit und manchmal sogar mit ihrem Leben dafür bezahlen müssen. Jeden Tag sterben in China 4000 Menschen an der Luftverschmutzung.

Wie reagieren die Bevölkerung und die Medien auf solche Zustände?
Anders als vor zwei Jahren reagieren zum Beispiel die Nutzer im Internet nicht mehr vornehmlich mit Galgenhumor, viele sind einfach absolut resigniert und verzweifelt. In den sozialen Medien wird die Regierung oft hart kritisiert, während die Staatsmedien zwar die Lage nicht verschweigen, aber vor allem betonen, wie viel die Behörden unternehmen, um die Lage zu verbessern. Aber selbst die offiziellen Medien verbreiten über Twitter gelegentlich Horrorfotos vom Smog, und die Nachrichtenagentur der Kommunistischen Partei hat gestern eine Aufnahme publiziert mit der Überschrift: Atemlos, sprachlos.

Restaurants, Einkaufszentren, Kinos sind offen?
Ja, die sind alle offen.

Wer ist überhaupt schuld am Pekinger Smog?
Die beiden grossen Hauptschuldigen sind die Schwerindustrie und die Kohlenkraftwerke. Der Automobilverkehr hingegen macht laut Experten nur etwa 10 bis 15 Prozent der Luftverschmutzung aus. Im November wurden die Kohlenkraftwerke wegen der Kälte hochgefahren, deshalb ist die Lage im Winter jeweils viel schlimmer als im Sommer oder im Herbst.

Ganze Industriezweige einfach zu schliessen, ist aber nicht ganz unproblematisch.
Die Zement-, Stahl- und Betonfabriken in und um Peking finden wegen des wirtschaftlichen Einbruchs im Moment für ihre Produkte gar nicht genug Abnehmer. Sie produzieren für die Halde, können aber weitermachen, weil es sich um Staatsbetriebe handelt. Meiner Meinung nach sollte die Regierung unter diesen Umständen eine Güterabwägung vornehmen und sagen: Wir schliessen diese Betriebe, zumindest für die Tage, in denen die Wetterlage so verheerend ist.

China hat sich in den letzten Jahren den Ruf erworben, ein umweltpolitischer Pionier zu sein.
Ja und nein. Die chinesische Regierung hat erkannt, dass sie ein gravierendes Umweltproblem zu bewältigen hat. Sie tut auch viel, was zum Beispiel die Förderung nachhaltiger Energien angeht. Das Land ist mittlerweile sowohl bei der Solar- als auch bei der Windenergie Weltführer. Aber der springende Punkt ist der Konsum von Kohle – China erzeugt und verbrennt so viel Kohle wie der ganze Rest der Welt zusammen. Nun ist der Verbrauch in den letzten beiden Jahren zwar gesunken. Bloss fragt sich, ob dies an den Massnahmen der Regierung liegt oder nicht vielmehr am schwächeren Wirtschaftswachstum, das ja die Schwerindustrie besonders hart getroffen hat. Die offiziellen Versprechen, wonach die Emissionen bis 2030 nicht mehr steigen werden, klingen zwar gut – aber für uns Pekinger bedeutet das leider, dass sie bis zu jenem Zeitpunkt weiter zunehmen. Es kommen also noch mindestens 15 Jahre, in denen wir noch mehr Dreck schlucken dürfen.

Erstellt: 01.12.2015, 16:35 Uhr

Kai Strittmatter ist Korrespondent für Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Peking.

Artikel zum Thema

Smog-Alarm – überfüllte Spitäler in Peking

Die Luft in der Region Peking ist so schlecht, dass Einwohner zu Hause bleiben müssen. Flüge werden gestrichen. Mehr...

Chinas Luftverschmutzung erreicht die USA

Der Smog aus Asien weht direkt an die US-Westküste. Dort werden die verbesserten Ozonwerte gleich wieder zunichtegemacht. Mehr...

USA und China verkünden ihre Klimaziele

Die zwei grössten CO2-Sünder machen konkrete Versprechen. US-Präsident Barack Obama und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping einigten sich auf ihre individuellen Fahrpläne zur CO2-Reduktion. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Mamablog Mama, bleib doch mal stehen!

Never Mind the Markets Polen und Ungarn sind keine Schwellenländer

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...