«Das ist ein langlebiger Mythos»

Hat der Westen ein falsches Bild der Buddhisten in Burma? Religionsexpertin Karenina Kollmar-Paulenz über den Konflikt mit Muslimen.

Die Mönchsorganisation Ma Ba Tha soll in Burma Ressentiments gegen die Rohingya geschürt haben. Foto: Gemunu Amarasinghe (AP)

Die Mönchsorganisation Ma Ba Tha soll in Burma Ressentiments gegen die Rohingya geschürt haben. Foto: Gemunu Amarasinghe (AP)

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Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi nennt die muslimischen Milizen ­in Burma «Terroristen». Sind sie tatsächlich ­vergleichbar mit Milizen im Nahen Osten?
Nein. Die Bewegung ist erst durch die Missstände und die Verfolgung entstanden, der die Rohingya ausgesetzt sind. Der Islam steht nicht im Mittelpunkt, sondern diese soziale und ethnische Gruppierung. Das Wort «Terrormiliz» ist ein Totschlagargument, damit sich Suu Kyi nicht mit dem Schicksal der Rohingya auseinandersetzen muss.

Die UNO hält die Vertreibung der Rohingya für eine ethnische Säuberung. Ist es auch ein Religionskonflikt?
Es ist eine ethnische Säuberung im Gewande eines Religionskonflikts. Das liegt daran, dass sich viele Burmesen über den Buddhismus definieren. Ich bin Burmese, heisst auch: Ich bin Buddhist. Da haben andere religiöse Gruppierungen keinen Platz.

Anführer dieser Bewegung ist ein Mönch, Ashin Wirathu. Frappiert Sie das?
Angesichts der Geschichte des Buddhismus finde ich das überhaupt nicht frappierend. Der Buddhismus hatte seit Anbeginn eine Nähe zu den politischen Eliten. Der Buddha selber hatte sie an den damaligen Fürstenhöfen aufgesucht. Die Mönche waren auf materielle Unterstützung angewiesen, sie durften nicht arbeiten und bekamen ihr Essen von begüterten Leuten und Fürsten. Im Laufe der Geschichte haben buddhistische Mönche immer wieder gewalttätig agiert. Es gab in Tibet eine ganze Reihe von gewalttätigen Konflikten bis hin zu Bürgerkriegen, in denen Mönche Partei ergriffen und sogar mitgekämpft haben.

Die 2007 von Mönchen mitgetragene ­Safran-Revolution in Burma war gewaltlos.
Daran sieht man, dass im Buddhismus unterschiedliche Kräfte wirken. Auch im Vietnam-Krieg gab es Mönche, die sich für ein friedliches Miteinander engagiert haben. Es fragt sich, wie einflussreich dieser Ashin Wirathu ist. Von anderen monastischen Kräften wird er kritisiert. Man darf nicht vergessen: Die buddhistische Mönchsgemeinschaft hat keinen Papst an der Spitze, der sagt, wos langgeht.

Ist es wirklich normal, dass sich die ­Mönchsorganisation Ma Ba Tha um ­Wirathu so nationalistisch gebärdet?
Religionen sind nicht an sich gewalttätig oder an sich friedfertig, sondern werden häufig dazu benutzt, um menschliches Handeln und Machtansprüche zu begründen. Oft haben Buddhisten dazu beigetragen, Nationalität oder Ethnizität religiös zu begründen. Und das kann natürlich im Extremfall – da Ethnizität durch Abgrenzung gebildet wird und andere ausschliesst – zu Gewalt gegen diese anderen führen. Darüber hinaus gibt es weitere gewaltlegitimierende Strategien wie den gerechten Krieg.

Auch der Buddhismus kennt die Idee des gerechten Kriegs?
Der Angriffskrieg ist verboten. Aber in einem Sutra, einem indischen Lehrtext, gibt es ein schönes Bild von einem buddhistischen Königreich, das sich gegen Angreifer verteidigen muss. Als Herrscher des Dharma, der buddhistischen Lehre, muss der König für inneren Frieden sorgen. Das kann er nur, indem er für seine Untertanen, wenn nötig mit Gewalt, Bedingungen schafft, dass sie die buddhistische Lehre ausüben können. Das ist dann ein gerechter buddhistischer Krieg.

Dennoch: Mit den Lehren Buddhas kann man Gewalt im Prinzip nicht rechtfertigen. Gewalt bringt negatives Karma und Leid mit sich.
In den Normen, die dem Buddha zugeschrieben werden, lautet das wichtigste Prinzip, dass man nicht tötet. Von den fünf buddhistischen Sittlichkeitsgrundsätzen ist das Tötungsverbot der erste. Töten von Lebewesen, auch von Halbgöttern oder Tieren, ist verboten. Wobei das Töten einer Ameise nicht ganz so schlimm ist wie das eines Elefanten. Darum darf man als Buddhist auch das Henkeramt nicht ausüben. Im Tibet des 8. Jahrhunderts wurden bekennende Buddhisten vom Henkeramt ausgenommen. Wenn ein Buddhist tötet, begeht er eine unheilsame Handlung.

«Jetzt sieht man Aung San Suu Kyis ­anderes Gesicht.»

In Bezug auf sein eigenes Karma? Also nicht in Bezug auf die Opfer?
In Bezug auf das eigene Karma. Es ist eine Täterethik. Wenn zum Beispiel ein Bodhisattwa – ein Mensch, der die Buddhaschaft erreichen kann – sieht, dass ein Mensch 40 Personen umbringen wird, kann er diesen töten, damit dieser kein schlechtes Karma auf sich lädt. Nicht die 40 Opfer stehen im Vordergrund, sondern das durch den Mord an 40 Menschen bewirkte schlechte Karma. Das ist ein Unterschied zum Christentum.

Um grösseres Übel abzuwenden, darf auch der Buddhist Gewalt anwenden, etwa durch einen gerechten Krieg?
Ja. Religionen sind eben keine zeitlosen, sondern historische Gebilde, und ihre Normen werden im Alltag nicht immer angewendet. Buddhistische Schriften sind genauso heterogen und widersprüchlich wie muslimische und christliche. In Sri Lanka kam schon früh eine Debatte in Gang, wonach Menschen zu Nichtmenschen (Icchantika) werden, wenn sie keine Buddhisten sind. Durch das Töten dieser Menschen lädt man kein schlechtes Karma auf sich. Das hielt eine Chronik im 6. Jahrhundert fest, die bis heute in Sri Lanka eine riesige Rolle spielt; etwa im Bürgerkrieg der buddhistisch-singhalesischen Mehrheit gegen die hinduistisch-tamilische Minderheit. Anderes Beispiel: Als die Tibeter die Mongolen im 16. Jahrhundert missionierten, drängten buddhistische Mönche ihre Konkurrenten, die Schamanen, mit gewalttätigen Methoden an den Rand der Gesellschaft, damit sie deren Platz einnehmen konnten.

Und heute werden die Rohingya ­ausgegrenzt?
Mönch Wirathu will ja der Islamisierung des buddhistischen Asiens einen Riegel vorschieben. Da spielt der jahrhundertealte, bei uns wenig bekannte Konflikt zwischen Islam und Buddhismus in Zentralasien und auch in Südostasien eine Rolle. Der fing im 8. Jahrhundert an und spiegelt sich zum Beispiel in tibetischen Werken: Hier werden die Muslime als die grössten Häretiker gegenüber dem Buddhismus angesehen.

Die eigene Religion wird zum einzigen ­Heilsweg erklärt?
Wenn der Buddhismus vom Islam zurückgedrängt wird, wird nach Wirathus Meinung dem Menschen seine Heilsmöglichkeit verwehrt. Dahinter verbirgt sich ein Absolutheitsanspruch: Andere Religionen bieten keinen Heilsweg. In dieser Logik muss die Regierung gute Umstände schaffen, damit das Volk seine Religion ausüben und sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreien kann. Deshalb ist es das kleinere Übel, mit Gewalt gegen Andersgläubige vorzugehen, als die eigenen Gläubigen ihres Heilsweges zu berauben.

Naheliegend, dass Mönche das verlangen.
Natürlich, die Mönche sind die Hüter der Lehre.

Der Buddhismus hat demnach den gleichen Exklusivanspruch wie die monotheistischen Religionen Christentum und Islam?
Auf jeden Fall.

Damit widersprechen Sie der These des ­Ägyptologen Jan Assman, die besagt, die monotheistischen Religionen hätten ein ­Gewaltpotenzial ­entwickelt, das den ­gewaltlosen ­polytheistischen Religionen Asiens fremd ist.
Die Assmann-These kann man aus der Kenntnis der asiatischen Religionen heraus leicht widerlegen. Sie trifft einfach nicht zu. Sie wird aber stets wiederholt, auch deshalb, weil man die asiatischen Religionen nicht kennt. Jede Religion ist instrumentalisierbar. Auch der Buddhismus unterscheidet zwischen wahrer und falscher Religion, um seine kollektive Identität zu verteidigen.

Woher stammt der Mythos vom Buddhismus als gewaltlose Religion?
Dieser Mythos wurde im 19. Jahrhundert von Europäern begründet. Namentlich von Briten, die in Indien lebten, wo es damals keinen lebendigen Buddhismus mehr gab. Sie haben die buddhistische Weisheit in den edlen klassischen Sutras gefunden und sie eins zu eins auf die Realität übertragen. Sie frohlockten: Endlich eine Religion, die mehr Philosophie als Religion ist und einen rationalen Befreiungsweg lehrt. Die britischen Orientalisten der ersten Stunde haben so eine Religion kreiert, die sie in Gegensatz zu ihrer eigenen christlichen Religion stellten. Das war der Anfang einer Idealisierung, die sich erstaunlicherweise bis heute hält.

Sind Gandhi und der Dalai Lama als Ikonen des Friedens Ausnahmegestalten?
Das grosse Vorbild des 14. Dalai Lama ist der Hindu Gandhi gewesen und dessen Tradition der Gewaltlosigkeit. Aber der 13. Dalai Lama oder andere vor ihm waren begnadete, teils skrupellose Politiker. Wie Gewalt und Mitgefühl Hand in Hand gehen können, wird an den japanischen Kamikazepiloten deutlich, die im Zweiten Weltkrieg teils ein kleines Bild des Bodhisattwa des unendlichen Mitgefühls in ihren Bombern dabeihatten.

Der aktuelle Dalai Lama ist also nicht nur Projektionsfläche westlicher Pazifisten?
Der 14. Dalai Lama bemüht sich tatsächlich, das Ideal des fleischgewordenen Mitgefühls zu leben. Aber das ist nur eine Facette der komplexen buddhistischen Religion, die sehr divers und heterogen ist. Im Westen hat der Buddhismus eine ganz andere Gestalt als in Asien. Sie drückt eher eine Sehnsucht des Westens aus und macht aus dem Buddhismus teilweise eine Wellnessreligion mit starkem ­Fokus auf der Meditation. In Asien meditiert nur ein kleiner Teil der Mönche.

Das Image der anderen buddhistischen Ikone, Aung San Suu Kyi, nimmt Schaden.
Das tut uns Asienwissenschaftlern besonders weh. Sie war mit einem bedeutenden Tibetologen verheiratet, den ich noch kannte. Jetzt sieht man von ihr ein ganz anderes Gesicht. Sie ist Politikerin und ordnet ihrer politischen Macht, die sie endlich erreicht hat, alles unter. Ich bin unendlich enttäuscht. Ihr Verhalten ist skandalös. Und ich frage mich, ob auch sie in diesem übermächtigen Diskus gefangen ist: «Ein Burmese ist ein Buddhist.» Das ist eine Absage an den religiösen Pluralismus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 18:24 Uhr

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Die aus Bonn stammende ­Karenina Kollmar-Paulenz (58) ist Professorin für Religions­wissenschaft und zentralasiatische Kulturwissenschaften an der Universität Bern. Sie lebte einige Jahre in Indien und ist anerkannte Tibetologin.

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