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«Das ist kultureller Genozid»

Der Sozialwissenschaftler Adrian Zenz hat als einer der Ersten Indizien für die Internierung von Uiguren öffentlich gemacht. Ein Gespräch über die China Cables.

Adrian Zenz spricht über den Schutz der Grundfreiheiten in Xinjiang, am UNO-Hauptsitz in Genf (13. März 2019). Foto: Keystone
Adrian Zenz spricht über den Schutz der Grundfreiheiten in Xinjiang, am UNO-Hauptsitz in Genf (13. März 2019). Foto: Keystone

Herr Zenz, wie würden Sie beschreiben, was sich derzeit in der Region Xinjiang abspielt?

Es handelt sich um die grösste Internierung einer ethnisch-religiösen Minderheit seit der Nazi-Zeit. Die chinesische Regierung hat mehr als eine Million Menschen – vor allem Uiguren – in Lager sperren lassen, sie müssen Zwangsarbeit leisten, auch von Folter berichten Augenzeugen. Ausserdem werden regelmässig Kinder ihren Familien entrissen. Ziel ist es, die Kultur und Tradition der Uiguren auszulöschen. Das ist kultureller Genozid.

Warum geht die chinesische Regierung gegen die Uiguren vor?

Die Beziehung zwischen den mehrheitlich muslimischen Uiguren und den Han-Chinesen (der grössten Bevölkerungsgruppe in der Volksrepublik; Anm. d. Red.) ist seit jeher schlecht – das begann schon 1949, als Mao mit sowjetischer Einwilligung die Region annektierte. 2009 ist die Situation dann eskaliert. Damals demonstrierten in der Stadt Urumqi Tausende Uiguren gegen Unterdrückung. Die Proteste schlugen in Gewalt um, mindestens 197 Menschen kamen ums Leben. Die jahrzehntelange Unterdrückung ist hochgekocht, und der chinesische Staat reagierte mit staatlicher Überwachung, mit der Entsendung von Polizei und Militär. 2016 wurde dann Chen Quanguo zum Parteisekretär der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang ernannt – ein ganz scharfer Hund, der zuvor schon in Tibet die staatliche Überwachung massiv verschärft hatte. Nur wenige Monate nachdem er sein Amt angetreten hatte, begann er, in Xinjiang Hunderttausende in Lagern zusammenzutreiben

Sie haben als einer der Ersten das Ausmass der Internierungen öffentlich gemacht. Wie kam es dazu?

Ich habe gelernt, das chinesische Internet nach Finanzberichten und Projektausschreibungen abzugrasen. Zunächst habe ich das mit Blick auf Tibet gemacht, dann habe ich mir Xinjiang angeschaut.

«Ich gehe davon aus, dass alle grösseren Städte mehrere Lager haben.»

Waren Sie selbst in der Region?

Ja, aber das ist schon einige Jahre her. Um zu verstehen, was in Xinjiang vor sich geht, muss man aber auch nicht jahrelang dort wohnen. Wenn man sich offizielle Projektausschreibungen und andere Dokumente anschaut, dann wird vieles offensichtlich, das Besuchern der Region oft verborgen bleibt: Da ist beispielsweise von Wachpersonal die Rede und von riesigen Lagerkomplexen mit Stacheldraht und allerlei Technik, die sonst nur in Gefängnissen eingesetzt wird.

Wie viele Lager gibt es Ihrer Schätzung nach derzeit in Xinjiang?

Ich gehe davon aus, dass alle grösseren Städte mehrere Lager haben. Insgesamt schätze ich, dass es ungefähr 1200 Lager gibt: so viele, wie Xinjiang Verwaltungsbezirke hat. In den Umerziehungslagern werden die Insassen durch drakonische Mittel zu bedingungslosem Gehorsam gezwungen. Die Insassen müssen stundenlang kommunistische Lieder singen und ihre Fehler bekennen – das bedeutet im Fall der Uiguren: die Ausübung der Religion. Bevor jemand entlassen wird, muss er gut Chinesisch können und der Religion abschwören. Zusätzlich werden die chinesischen Traditionen gross gefeiert – und alle müssen mitmachen.

Sie und andere Experten gehen von mehr als einer Million internierten Uiguren aus – das wäre etwa jeder zehnte, Greise und Kinder eingeschlossen. Warum hat es so lange gedauert, bis die Welt davon Notiz genommen hat?

Jeder kennt Tibet oder Hongkong, viele Menschen waren auch schon mal dort oder kennen dort jemanden. Deswegen kriegen wir mit, was dort passiert. Tibet hat ausserdem den Dalai Lama, die Uiguren hingegen nur einige obskure Exilorganisationen. Die Region Xinjiang ist sehr abgelegen, fast niemand kennt sie. Ausserdem haben die Chinesen dort schon längst einen Überwachungsapparat installiert. Der Informationsfluss nach aussen ist fast vollständig unterbunden.

Die meisten Uiguren sind Muslime. Warum gibt es in der islamischen Welt keinen Aufschrei?

Die Chinesen setzen ihre Aussenpolitik ein, um das ganze Ausmass der Unterdrückung zu vertuschen. Viele muslimische Länder sind wirtschaftlich abhängig von China, ausserdem werden sie oft von autoritären Regimen regiert, die sich nicht für Menschenrechte interessieren und selbst Menschenrechte mit Füssen treten. Deswegen schweigen sie.

Die chinesische Regierung weist sämtliche Vorwürfe derweil zurück. Die Insassen könnten die Lager jederzeit verlassen, heisst es. Nun wurden dem International Consortium of Investigative Journalists interne Dokumente der Kommunistischen Partei zugespielt, die Sie auch eingesehen haben. Was zeigen die Papiere?

Die Dokumente belegen die Existenz der Gefangenenlager – und sie geben Auskunft über die Sicherheitsmassnahmen und Kontrollen. Vor allem belegen sie, dass die Uiguren keineswegs freiwillig in den Lagern sind und dass die Chinesen das ganze Lagersystem vor der Welt geheim halten wollten.

Was ist der Unterschied zwischen diesen Lagern und herkömmlichen Gefängnissen?

Ins Gefängnis kommt man grundsätzlich nur nach einem juristischen Prozess. Das kann ein Schauprozess sein oder auch eine Massenverurteilung, aber es ist immerhin ein Prozess. Die Lager hingegen sind extralegal. Man wird abgeholt und dort inhaftiert. Die chinesische Regierung behauptet, dass es sich um Berufsbildungszentren handelt … … die aber interessanterweise oft mit Stacheldraht umzäunt sind und Wachtürme haben. Meine eigene Forschung hat bisher nicht das geringste Indiz darauf gegeben, dass irgendetwas an dieser Umerziehungskampagne freiwillig wäre. Dabei hat man sogar noch «Glück», wenn man in diese sogenannten Berufsbildungslager kommt, denn von dort aus werden jetzt immer mehr Menschen entlassen: in die Zwangsarbeit.

Glück?

Es gibt sehr brutale Umerziehungslager. Dort geht es sehr hart zu, und es ist unklar, ob man jemals freigelassen wird. Und dann gibt es die Berufsbildungslager. Auch wenn dort Gewalt angewendet wird und Bestrafungen stattfinden, ist es doch eine abgemilderte Form der Umerziehung: Die Menschen, die dort landen, haben die Möglichkeit, in die Zwangsarbeit entlassen zu werden – wenn sie gehorsam waren, wenn sie die Früchte der Gehirnwäsche überzeugend darstellen können. Volkswagen betreibt in Xinjiang seit 2013 ein eigenes Werk. Auf die Lage vor Ort angesprochen, erklärte VW-Chef Herbert Diess der britischen Rundfunkanstalt BBC vor einigen Monaten, dass er von Menschenrechtsverletzungen an Uiguren nichts wisse. Mit dieser Einstellung sind viele Deutsche durch die Zeit des Zweiten Weltkriegs gegangen. Sie haben vor dem Unrecht die Augen verschlossen und schön Geld verdient. Die Präsenz deutscher Unternehmen in Xinjiang hilft nicht den Uiguren, sondern der Regierung in Peking. Volkswagen sollte aus seiner eigenen Geschichte lernen, sich zur moralischen Verantwortung bekennen und sich als Zeichen des Protestes aus der Region zurückziehen. Wenn das Unternehmen das nicht tut, machen sich die Manager der Teilhabe an einem beispiellosen Unterdrückungsstaat mitschuldig.

«Man musste um Erlaunbis bitten, wenn man zur Toilette wollte»: Ehemalige Gefangene berichten von ihren Erlebnissen in den chinesischen Internierungslagern. Video: ICIJ

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Lesen Sie auch: Die Hölle – eine Reportage zur Internierung von Uiguren, erschienen in «Das Magazin».

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