Das Meer aussperren

Japan baut wieder Schutzwälle an der Küste. Fünf Jahre nach dem verheerenden Tsunami fühlen sich die Bewohner dahinter aber nicht mehr sicher.

Ein Schutzwall mit integriertem Guckloch. Foto: Rodrigo Reyes Marin (Aflo, AP, Keystone)

Ein Schutzwall mit integriertem Guckloch. Foto: Rodrigo Reyes Marin (Aflo, AP, Keystone)

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Als der Tsunami am 11. März 2011 über Otsuchi hereinbrach, hatten Kozo Hirano und seine Kollegen im Rathaus gerade begonnen, eine Kommandozentrale einzurichten. Das vorangegangene Erdbeben hatte im Fischerstädtchen erhebliche Schäden angerichtet. Die Tsu­namiwarnung, die danach eingegangen war, hatte die Beamten dagegen kaum beunruhigt. Otsuchi hatte eine zehn ­Meter hohe Schutzmauer – so hoch, dass man die Bucht vom Rathaus nicht mehr sehen konnte. Als die Sturmflut über die Mauer schwappte und sie teilweise niederriss, versuchten die Beamten, sich aufs Rathausdach zu retten. Aber die Treppe war eng, die meisten schafften es nicht. Vierzig kamen um, auch der Bürgermeister. «Vor meinen Augen wurden einige meiner Kollegen vom Dach geschwemmt», erzählt Hirano.

Auf die Flut folgte ein Feuer, Otsuchi brannte drei Tage. «Ich dachte oft, es wäre einfacher gewesen, ich wäre auch gestorben», sagt der 60-jährige Hirano, der seit vorigem Jahr Bürgermeister ist. Von Otsuchis 16'000 Einwohnern sind 813 umgekommen, 421 gelten als vermisst. 60 Prozent der Häuser wurden zerstört. Es dauerte vier Jahre, bis die Trümmer wegräumt waren.

Streit um die Ruine des Rathauses

Vom Kulturzentrum auf einem Hügel, in dem die Verwaltung Unterschlupf ­gefunden hat, geht der Blick über das brachliegende Flussdelta, auf dem das Städtchen stand. Geblieben ist nur die Ruine des alten Rathauses, man streitet, ob sie als Mahnmal erhalten werden soll oder ob ihr Anblick die Überlebenden zu sehr schmerzt. Ansonsten ist der einstige Ortskern eine riesige Baustelle, die ganze Ebene wird um vier Meter angehoben. Die Schutzmauer, die den Fluten nicht standhielt, wird durch eine stärkere, mit 14,3 Meter noch höhere ersetzt. Den Tsunami von 2011 würde auch sie nicht zu stoppen, seine Wellen waren 16 Meter hoch.

Erst wollten die meisten Leute den höheren Schutzwall. «Nun sind viele dagegen», sagt eine junge Mutter, «Otsuchi ist ein Städtchen der Fischer, die vom Meer leben. Es sehen wollen. Aber man kann nichts machen.» Experten warnen, Tsunamiwälle wiegen die Menschen in falscher Sicherheit. «Die Zentralregierung hat das so beschlossen», sagt Hirano zur neuen Mauer. Tokio zahlt ihren Bau, wie insgesamt 400 Kilometer neue Schutzwälle entlang der Küste. Für den Unterhalt muss dann die Präfektur aufkommen, die dafür aber kein Geld hat.

Tausende leben in Containern

In Otsuchi wohnen nach fünf Jahren noch 3000 Menschen in Containern, ein Viertel der Einwohner. Der Bau neuer Häuser zieht sich hin. In den Containersiedlungen leben die Menschen eng zusammengepfercht. Es kommt zu Konflikten, Alkoholismus, Depressionen und Suiziden. Hilfsorganisationen versuchen, den Menschen einen Sinn zu geben. Im Komplex Kozuchi 8 mit 120 Containern wurden die Frauen in einer Nähgruppe organisiert, die in fünf Jahren für fast eine Million Franken Kleider produziert hat. Für Schüler aus den Notunterkünften gibt es eine Abendschule, wo vor allem die Hausaufgaben gemacht werden. Im Wohncontainer mit der ganzen Familie haben die Kinder keinen Platz zum Lernen.

Otsuchi hat immer vom Fisch und seiner Verarbeitung gelebt, vor allem vom Lachs. Auf der Nordseite der Bucht, wo die Betontrümmer der alten Tsunamimauer noch heute liegen, ist ein neuer Pier gebaut worden. Daneben hat sich eine kleine Verarbeitungskooperative eingerichtet. Aber die Fänge sind gering, nach dem Tsunami haben die Fischer 2011 keine Brütlinge ausgesetzt, das rächt sich jetzt. Schlimmer noch, meint Masakazu Haga, der Chef der Kooperative, sei, dass Otsuchi keine Kühlhäuser mehr habe. «Nicht einmal unsere eigenen Fischer wollen unseren Hafen anlaufen. Sie wissen nicht, wo sie ihre Ware lagern können. Wie sollen wir Fisch verarbeiten, wenn wir keinen bekommen.» Unklar ist, wer neue Kühlhäuser bauen sollte. Haga meint, Tokio müsste helfen. Aber in Tokio ist man damit abgeblitzt.

Die chinesische Mauer

Zwischen 1896 und 2011 ist die Sanrikuküste, an der auch Otsuchi liegt, von fünf grossen Tsunamis heimgesucht worden. Seit dem Jahr 1933 baut Japan Schutzmauern, nach jedem Tsunami höhere und jeweils mit dem Versprechen, der nächsten Katastrophe hielten sie stand. Auch jetzt wieder.

Taro, ein Städtchen 60 Kilometer nördlich von Otsuchi, verfügte sogar über zwei zehn Meter hohe Wälle, einem inneren und einem äusseren. Die Anlage wurde «Japans Chinesische Mauer» genannt. Zuversichtlich, sie sei stark genug, stiegen am 11. März 2011 einige Leute auf den Schutzwall, um den Tsunami zu beobachten. Sie kamen um.

Auch diese Wälle werden wiederaufgebaut, noch höher. Wohnen sollen die Menschen von Taro künftig jedoch weiter oben. Das Städtchen verteilt Merkblätter, mit denen es die Leute ermahnt, im Falle eines Alarms sofort in die Höhe zu fliehen. In die steilen Hänge wurden neue Treppen gebaut. Die Verantwortlichen in Taro behaupten nicht mehr, die Wälle schützten den Ort vor einem Tsu­nami. Bloss noch, sie würden den Menschen helfen, Zeit zu gewinnen. Und die Schäden vielleicht etwas reduzieren.

Im Fotoladen von Taro zeigt der 75-jährige Shigeo Tsuda Aufnahmen, die sein Vater vor und nach dem Tsunami von 1933 gemacht hat. Die Verwüstung war schon damals total. Auch Tsudas Geschäft war weggespült worden, er konnte es erst kürzlich wieder eröffnen. «Wir dürften hier auch wohnen», sagt er. «Aber wir wollen nicht. Wie hoch die Mauern auch sein werden, sicher wird man hinter ihnen nie sein.»

Erstellt: 10.03.2016, 23:35 Uhr

Die Katastrophe dauert an

Japan säubert mit riesigem Aufwand die Zone rund um das zerstörte AKW. Aber kaum jemand will zurück.

Die Nord-Süd-Strassenverbindung hinter der Kraftwerkruine Fukushima Daiichi ist wieder offen. Doch an jeder Kreuzung sind Strassensperren, Polizisten mit Atemschutz prüfen Sonderbewilligungen. Die Parkplätze im Städtchen Namie sind verbarrikadiert, die Läden verrammelt. Vor einem verlassenen Wohnhaus graben Arbeiter den Garten um. Sie tragen die oberste Erdschicht ab, eine Dekontaminierungsmassnahme. In Namie – zehn Kilometer nördlich des AKW – tobt der Kampf gegen die Radioaktivivät.

Tokio klassifiziert den Ortskern als «Zone, die für die Aufhebung der Evakuierung vorbereitet wird». In einem Jahr soll das Leben zurückkehren. Das übrige Gemeindegebiet, vor allem die Hänge im Nordwesten, bleiben auf Jahre unbewohnbar. Auf ehemaligen Reisfeldern liegen Millionen schwarzer 1000-Liter-Plastiktüten gefüllt mit verstrahlter Erde, bereit zum Abtransport. Doch ein Endlager hat man noch nicht gefunden.

Mehr als 93 000 Flüchtlinge aus der 213 Quadratkilometer grossen Sperrzone rund um das AKW Fukushima leben auch nach fünf Jahren noch in Notunterkünften. Von jenen, die aus Namie fliehen mussten, wollen nur wenige zurück. Dennoch tut Japans Regierung alles, die Zone so weit zu dekontaminieren, dass sie Evakuierungsbefehle aufheben kann. Denn dann muss sie die Flüchtlinge nicht mehr entschädigen. Vor allem aber will sie zeigen, dass selbst eine Atomkatastrophe dieses Ausmasses bewältigt werden kann. Sie will die Atomkraft im Land wieder salonfähig machen, um die AKW-Betreiber vor der Pleite zu retten.

Japans Öffentlichkeit dagegen lehnt die Atomkraft mehrheitlich ab. Inzwischen widersetzen sich auch die meisten Kommunen und die sonst regierungstreuen Richter. Am Mittwoch stoppte ein Bezirksgericht in Westjapan die Inbetriebnahme des AKW Takahama. Und überall in Japan, selbst in der Sperrzone, werden Solaranlagen gebaut.

Vor allem Alte kehren zurück

In der Ruine von Fukushima arbeiten täglich 7000 Menschen. Die Bergung der drei geschmolzenen Reaktorkerne soll nächstes Jahr beginnen, allerdings hat man dafür noch kein Konzept. In Tanks haben sich 700 000 Tonnen verstrahltes Grundwasser angesammelt. Niemand spricht mehr von 40 Jahren, in denen Fukushima bewältigt werden soll, jetzt sind es 70 Jahre. Die Katastrophe ist nicht überwunden, sie dauert an. Auch wenn die Regierung die Rückkehr zur Normalität propagiert.

Die Gemeinde Naraha südlich vom Kraftwerk ist die einzige in der Sperrzone, die bereits freigegeben wurde. Doch von 8000 Einwohnern sind nur 440 zurückgekehrt, vor allem alte Leute. Die Läden bleiben geschlossen, viele Häuser sind nach Erdbeben und Tsuna-mi noch nicht repariert. Ein Postbote leert leere Briefkästen, am Bahnhof kommen täglich acht Zügen an – fast ohne Passagiere. Hier ist Endstation.

Über dem Fahrkartenschalter hängt eine elektronische Anzeige: Sie misst 0,15 Mikrosievert pro Stunde. Diese Belastung ist mit in der Schweiz tolerierten Werten vergleichbar. Auf der Nord-Süd-Verbindung durch die Sperrzone betrug die Strahlung 4,4 Mikrosievert pro Stunde. Das Strassenamt veröffentlicht Tabellen, die vorrechnen, wie viel Strahlung man pro Fahrt durch die Sperrzone abbekommen hat.

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