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«Das Morden ist für jedermann sehr einfach geworden»

Todesschwadronen sollen auf den Philippinen die Strassen säubern. Erstmals packt ein involvierter Polizist aus.

Sie werde sich «all diesen Vorwürfen stellen»: Senatorin und Duterte-Gegnerin Leila De Lima wartet an einer Pressekonferenz des Senats in Pasay City, Philippinen. (23. Februar 2017
Sie werde sich «all diesen Vorwürfen stellen»: Senatorin und Duterte-Gegnerin Leila De Lima wartet an einer Pressekonferenz des Senats in Pasay City, Philippinen. (23. Februar 2017
EPA/RENE LUMAWAG/PRIB, Keystone
Der Präsident der Philippinen, Rodrigo Duterte, will Kriminelle exekutieren lassen.
Der Präsident der Philippinen, Rodrigo Duterte, will Kriminelle exekutieren lassen.
Keystone
In Manila protestierten Studenten gegen die blutige Selbstjustiz. Duterte hält jedoch an seiner umstrittenen Strategie fest.
In Manila protestierten Studenten gegen die blutige Selbstjustiz. Duterte hält jedoch an seiner umstrittenen Strategie fest.
Keystone
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Seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Rodrigo Duterte wurden auf den Philippinen im Kampf gegen Drogen und Kriminalität mehr als 3600 Menschen ermordet. Aufgerufen dazu hatte Duterte höchstpersönlich. Jeder Verdächtige wurde zum Abschuss freigegeben. Vergangene Woche sagte Duterte: «Hitler liess drei Millionen Juden massakrieren. Bei uns gibt es drei Millionen Drogenabhängige. Ich wäre froh, wenn diese abgeschlachtet werden.» (Anm.: Während der NS-Herrschaft waren nicht, wie von Duterte behauptet, drei Millionen, sondern rund sechs Millionen Juden getötet worden.) Die Mörder kommen aus dem Nichts, oft auf Motorrädern und in der Nacht, schiessen ihre Opfer nieder und legen, bevor sie verschwinden, Schilder neben die leblosen Körper. Zum Beispiel: «Ich bin ein Dieb, folge nicht meinem Beispiel.»

Die Treffen vor einem Bordell

Am Modell der blutigen Selbstjustiz massgeblich beteiligt ist auch die Polizei, wie ein erfahrener Beamter gegenüber dem «Guardian» ausführlich erzählte. Stolz sagt er: «Wir sind wie Engel. Wie St. Michael oder St. Gabriel. Uns wurde von Gott das Talent gegeben, die bösen Seelen in den Himmel zu schicken, damit diese gesäubert werden.» Das Mitglied der nationalen Polizei gab an, in 87 Morde in den vergangenen drei Monaten involviert gewesen zu sein.

Es ist das erste Mal, dass ein Polizist offen über die inoffiziellen Spezialeinheiten spricht. Er tat dies vor einem Bordell, einem beliebten Treffpunkt der Offiziere. «Es ist ein diskreter Ort, um Dinge zu besprechen, die die breite Öffentlichkeit nichts angehen», erklärt der Mann, der sich mehr als Retter denn als schlechten Menschen ansieht. Schliesslich tue er der Gesellschaft ja einen Gefallen.

Es haben sich zehn neue geheime Spezialeinheiten gegründet, jede mit 16 Mitgliedern. Dabei führen die Polizisten nur aus, was die Regierung vorgegeben habe: «Sie haben uns erschaffen, ganz nach dem Motto ‹lasst die Bestien aus ihrem Käfig heraus›. So sollen diese Kriminellen neutralisiert werden.» Die Einsätze verlaufen schnell, präzise und leise, ohne Zeugen. Die Schilder neben den Leichen dienen einerseits zu Abschreckungszwecken, aber auch, um den Berufskollegen zu signalisieren, dass sich eine Aufklärung des Mordes nicht lohnt. «Wieso sollte ich als Polizist bei einem toten Drogendealer nach dem Täter suchen? Der Tod ist noch das Beste, was diesen Leuten passieren kann», sagt er dem «Guardian».

«Wer soll es sonst machen?»

Doch auch das Mitglied der Todesschwadronen erkennt den Nachteil der Selbstjustiz: «Das Morden ist für jedermann sehr einfach geworden. Ein Schild neben der Leiche, oder ihr den Mund mit Klebeband zukleben, und schon denkt jeder, das Opfer war ein Drogendealer.»

Die Gruppierungen erhalten Fotos von Verdächtigen, dann beginnt der Einsatz: «Zuerst klären wir ab, ob es sich wirklich um solche Parasiten handelt.» Die Einheit tut, was sie glaubt tun zu müssen. «Wir töten nicht einfach zum Spass», verteidigt sich der Polizist. Von den mehr als 3600 Toten gehen jedoch mindestens 2233 auf das Konto von Unbekannten, die nichts mit der Polizei zu tun hätten. «The Inquirer», eine Lokalzeitung, hat eine Todesliste zusammengestellt, auf der so viele Morde wie möglich dokumentiert werden.

Präsident Duterte hatte aber nicht nur den Kriminellen den Kampf angesagt. Er bedrohte auch schon einen Journalisten, der seine Methoden kritisierte: «Journalist zu sein, schützt dich nicht vor einer Exekution, solange du dich wie ein Hurensohn aufführst.» Manchmal denkt auch der ausführende Polizist, dass sie sich nur vormachen, im Recht zu sein. «Aber wir sind auch keine mörderischen Psychos.» Er und seine Kollegen gehen auch regelmässig in die Kirche, um Vergebung zu suchen. «Es tut uns wirklich leid, was wir tun. Aber wer sonst soll es fürs philippinische Volk machen?»

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