Den Terror nach Südostasien tragen

Der Anschlag in Jakarta bestätigt Vermutungen, dass islamistische Extremisten in Asien zunehmend Einfluss gewinnen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rauch steigt auf über der Jalan Thamrin und verweht zwischen den Glitzertürmen im Herzen der Metropole Jakarta. Begonnen hatte der Tag in der Strasse so geschäftig wie jeder andere, doch dann erschüttern am Vormittag mehrere Explosionen das kommerzielle Zentrum Jakartas, Menschen rennen panisch über die Strassen nahe eines Kaffeehauses von Starbucks, wo es zu anhaltenden Schusswechseln kommt.

Indonesiens Präsident Joko Widodo erklärt kurze Zeit später: «Unsere Nation und unser Volk sollen sich nicht fürchten, wir werden von diesen Akten des Terrors nicht besiegt.» Er schickt Elitetruppen los, um die Angreifer zu jagen, deren Identität zu diesem Zeitpunkt noch niemand kennt. Der Präsident ruft zur Entschlossenheit auf, doch auf der Strasse herrscht Panik, alle suchen Deckung, die Polizei ruft dazu auf, sich nicht aus den Büros zu wagen.

Waren es Selbstmordattentäter? Anfangs wird dies so gemeldet, doch später heisst es, die Täter hätten mehrere Granaten geworfen. Am Nachmittag Ortszeit werden bereits sechs Tote gemeldet, darunter soll sich ein ausländischer UNO-Mitarbeiter befinden. Die Büros der Vereinten Nationen liegen ganz in der Nähe. Panzer fahren auf in der Jalan Thamrin.

Mit einem Anschlag war gerechnet worden

Wer hinter den Angriffen steckt und was die Täter antreibt, ist weiterhin unklar. Doch viele vermuten, dass die Taten einen islamistischen Hintergrund haben. Al-Qaida-nahe Terroristen in Indonesien steckten hinter den Anschlägen in Bali 2002. Inzwischen schliessen sich viele dem IS an, wollen seinen Terror auch nach Südostasien tragen.

Mit einem Anschlag dieser Art in der Region wurde schon seit längerem gerechnet. Die Behörden warnten, dass es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, und nun haben Terroristen Jakarta getroffen.

Die Regierungen Indonesiens und Malaysias – zwei grosse Staaten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung – wissen, dass ihre Länder erhebliches Rekrutierungspotenzial für Extremisten vom Schlage des IS bieten, obgleich moderate und tolerante Ausprägungen des Islam dort viel verbreiteter sind als etwa in der arabischen Welt. Durchgesickerte Polizeipapiere aus Malaysia enthielten Ende 2015 die Einschätzung, dass der IS derzeit versuche, Selbstmordattentäter aus dem Nahen Osten verstärkt nach Kuala Lumpur und nach Sabah auf Borneo einzuschleusen. Auch schon zuvor verhafteten malaysische Sicherheitskräfte Dutzende IS-Verdächtige, die Anschläge planten. Einige von ihnen wollten Nachtclubs und eine Brauerei in die Luft sprengen. Auch Indonesien geht hart gegen extremistische Zellen vor, konnte aber den jüngsten Anschlag nicht verhindern.

Das Kalifat als Hoffnung auf ein neues Leben

Zahlreiche Anhänger des IS kehren inzwischen aus den Kampfgebieten im Nahen Osten zurück. Sie werden, wenn man sie denn als IS-Mitglieder identifizieren kann, meistens eingesperrt, vor allem in Malaysia. Das allerdings ist keine ausreichende Antwort, wie Experten betonten. IS-Sympathisanten, die aus Südostasien nach Syrien oder in den Irak auswandern, tun dies häufig in Begleitung ihrer Frauen und Kinder. Nicht selten sind es Menschen, die hoffen, im Kalifat ein ganz neues Leben zu beginnen.

Es gibt Hinweise, dass der IS in Südostasien bald eine eigene Provinz ausrufen will.

Von den geschätzten 500 Indonesiern, die den IS im Nahen Osten verstärken sollten, wurden etwa 200 zurückgeschickt. Fast zwei Drittel davon sind Frauen und Kinder, wie die Terrorexpertin Sidney Jones in der «Straits Times» erklärte. Es ist schwierig, die richtige Strategie im Umgang mit diesen Gruppen zu finden. Schreckt man sie brutal ab, suchen sie nach Rückzugsräumen und tauchen ab. Zum Beispiel im Süden der Philippinen, wo alte Bekannte der Terrorszene ihre Claims abgesteckt haben. Dort hat sich Abu Sayyaf festgesetzt, die «Islamische Bewegung» vereint Banditentum mit Terror. Abu Sayyaf setzt auf Entführungen und das Erpressen von Lösegeld, auch mehrere Deutsche gerieten schon in ihre Gewalt.

Analysten werten derzeit Hinweise aus, die nahelegen, dass der IS in Südostasien bald eine eigene Provinz ausrufen könnte, als östliche Aussenstelle des Kalifats. Angeblich spielt dabei eine kleine, aber bedeutende Splittergruppe der Abu Sayyaf eine Schlüsselrolle. Ihr Anführer heisst Isnilon Hapilon, auf den die Amerikaner ein Kopfgeld von fünf Million Dollar ausgesetzt haben. Er kommandiert die Abu-Sayyaf-Miliz auf der Insel Basilan im Sulu-Archipel, mitten in den entlegenen Gewässern zwischen der Nordspitze Borneos und dem philippinischen Mindanao. Hapilon ist der einzige noch lebende Kommandeur eine Gruppe, die im Jahr 2000 ein Tauchresort auf der Insel Sipadan überfiel und 21 Geiseln nahm, darunter eine deutsche Familie.

Korrupte Soldaten, islamistische Extremisten

In der Zone zwischen den Inseln Mindanao und Borneo bilden separatistische Kräfte, korrupte Soldaten, kriminelle Banden und islamistische Extremisten einen gefährlichen Mix, der den philippinischen Staat schon seit langem überfordert.

In einem Video, das Anfang des Jahres im Netz erschien, verkündeten jetzt vier Milizenführer der Region ihren Zusammenschluss und schworen dem IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi Gefolgschaft. «Der IS ist entschlossen, zumindest eine Provinz in Asien im Jahr 2016 auszurufen», warnt Rohan Gunaratna, Sicherheitsexperte von der Rajaratnam School of International Studies (RSIS) in Singapur, in einer soeben veröffentlichten Analyse. «Der Aufbau von Trainingscamps wird nicht nur Südostasiaten anziehen, sondern auch Leute anderer Nationen, die nicht so leicht nach Syrien gelangen könne», befürchtet der Analyst. Etwa radikalisierte Australier oder Extremisten aus dem Kreis chinesischer Uiguren. Gelingt es dem IS, einen Brückenkopf auf Basilan aufzubauen, könnte er dazu dienen, neue Terrorangriffe in Malaysia und Indonesien vorzubereiten und auszuführen.

Die geografischen Verhältnisse spielen den Extremisten in die Hände, die Rückzugsräume suchen. Sowohl von Indonesien als auch von Malaysia aus ist die Sulu-See mit Booten zu erreichen, Küstenwache und Marineschiffe können den Austausch über den Ozean kaum lückenlos überwachen.

Die geografischen Verhältnisse spielen den Extremisten in die Hände, die Rückzugsräume suchen.

Die philippinische Armee, die seit Jahrzehnten gegen Rebellengruppen im Süden ihres Staates kämpft und mit manchen inzwischen einen Frieden ausgehandelt hat, widersprach zuletzt der Einschätzung, dass Abu Sayyaf und der IS gemeinsame Sache machten. «Es gibt keine glaubwürdige, verifizierte und direkte Verbindung», erklärte Militärsprecher Restituto Padilla mit Blick auf den befürchteten Zusammenschluss zwischen IS und Abu Sayyaf. Eine Quelle des philippinischen Geheimdienstes erklärte: «Was wir im Süden sehen, sind reine Kriminelle, die sich hinter IS-Masken verbergen, um ihre Prominenz zu steigern und höhere Lösegelder zu erpressen.»

Diejenigen, die dort tatsächlich eine islamistische Agenda verfolgten, würden immer noch eher in den Irak oder nach Syrien reisen als zu Hause eine IS-Provinz ausrufen, hiess es in philippinischen Sicherheitskreisen. Die Einschätzungen gehen also auseinander. Dennoch werden nun Stimmen laut, die fordern, dass die philippinische Armee ihre Kontrolle in der Sulu-See ausweiten müsse, damit es dem IS nicht gelingt, einen weiteren Rückzugsraum im Süden der Philippinen zu gewinnen oder gar eine Provinz aufzubauen.

Erstellt: 14.01.2016, 10:18 Uhr

Artikel zum Thema

Der IS bekennt sich zum Anschlag in Jakarta

In der indonesischen Hauptstadt wurde unter anderem ein Starbucks-Café angegriffen. Der US-Konzern schliesst bis auf weiteres alle Geschäfte vor Ort. Mehr...

IS bekennt sich zu tödlichem Angriff in Russland

Der Islamische Staat dehnt sein Operationsgebiet aus. Genau das hat die Terrororganisation zuvor angekündigt. Mehr...

«Lieber den Kopf in Würde verlieren, als würdelos zu leben»

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat eine Bloggerin ermordet. Die 30-jährige Kurdin Rukia Hassan hat ihren Tod offenbar kommen sehen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Geldblog Fürstliche Anlagen mit Potenzial

Sweet Home Willkommen im «Nouveau Boudoir»

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...