Frau Khatun flieht durch den Schlamm

Die 25-Jährige ist im siebten Monat schwanger, als sie sich über den Fluss Naf von Burma nach Bangladesh rettet. Wie sie suchen derzeit Hunderttausende Rohingya Schutz vor der Gewalt.

Nach ihrer Ankunft in Bangladesh waten Rohingya aus Burma durch den Schlamm. Foto: Zakir Hossain (Getty)

Nach ihrer Ankunft in Bangladesh waten Rohingya aus Burma durch den Schlamm. Foto: Zakir Hossain (Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Früher Morgen am Naf-Fluss. Nichts als Schlick, bis zum anderen Ufer. Aber nicht einmal die Ebbe kann die Boote stoppen. Viele sind überladen, einige gekentert. Und die Strömung ist tückisch. So haben sie aufgehört zu zählen, wie viele Menschen der Strom zwischen Burma und Bangladesh schon verschluckt hat. Ein Kahn kommt die Fahrrinne entlang, neben der Mole steuert er in den grauen Schlamm. Von Bord springt ein kleiner drahtiger Fährmann, er fuchtelt mit den Händen. Raus, raus, raus. Er will die drei Dutzend Flüchtlinge, die sich in seinem Boot zusammendrängen, eiligst loswerden. Auf der anderen Seite, in Burma, warten noch Tausende, die hinüberwollen. Drüben geben sie alles, was sie noch haben, um Platz in einem Boot zu erkaufen. Uhren, Telefone, Schmuck. Nur fort, auf sicheren Boden, wo burmesische Soldaten sie nicht mehr schlagen, foltern, erschiessen oder vergewaltigen können.

Zohura Khatun hat viel gebetet auf der Fahrt. Nun ist sie heil angekommen, Allah sei Dank. Der Bauch der 25-Jährigen wölbt sich schon weit vor, sie ist im siebten Monat schwanger. Ihr Mann stützt sie. Drei Söhne, zwei, vier und sieben Jahre alt, trotten hinterher. Schon bald kommt ihr viertes Kind zur Welt. Khatun setzt vorsichtig einen Fuss vor den anderen. Bloss nicht stürzen, so kurz vor dem Ziel. Einen grösseren Exodus hat das überwiegend buddhistische Burma noch nie erlebt. 400'000 muslimische Rohingya sind innerhalb von drei Wochen aus ihrer Heimat nach Bangladesh geflohen. Und die UNO befürchtet, dass es bald 800'000 sein werden. Oder eine Million. Das wäre fast die gesamte muslimische Minderheit, die bisher in der Küstenprovinz Rakhine im Westen Burmas gelebt hat.

Kein Journalist bekommt Zugang zu den Todeszonen. Doch die Hinweise auf systematische Gewalt sind erdrückend. Nach allem, was man weiss, machen drüben burmesische Truppen und radikale Buddhisten Jagd auf Rohingya, um sie aus dem Land zu treiben. Der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte prangert «ethnische Säuberungen» an, der Sicherheitsrat drängt auf ein Ende der Gewalt. Der UNO-Generalsekretär spricht von einer «letzten Chance» für Aung San Suu Kyi, die Friedensnobelpreisträgerin, und deren Regierung, die Armeeoffensive zu stoppen. Doch die Regierung von Burma hält stur an ihrer Botschaft fest: Die Armee bekämpfe Terroristen und beschütze Zivilisten.

Grösste staatenlose Gruppe

Das passt nicht zu den Grausamkeiten, von denen die Vertriebenen erzählen. Auch Zohura Khatun. Vor neun Tagen waren sie aus ihrem Dorf Friringdon geflohen. Durch Wälder und über Berge sind sie gehetzt. Meistens gingen sie nachts, um nicht Soldaten in die Hände zu laufen. Sie haben gegessen, was sie fanden, sie haben aus den Kanälen der Reisfelder getrunken.

Nun endlich, Bangladesh. Sicherer Boden. Keine Menschenjäger. Doch das Gesicht der Frau zeigt keine Erleichterung, so erschöpft ist sie. Wo ist Schatten? Ein Schluck Wasser? Eine Handvoll Reis? Erst muss sie noch die Mole hinaufklettern, die ins Dorf führt. Hunderte Flüchtlinge schieben sich den Damm entlang. Kinder in Lumpen schleppen Säcke auf dem Kopf. Verschleierte Frauen kommen mit Eimern und Koffern. Bucklige alte Männer halten mühsam ihr Gleichgewicht. Grossmütter und Urgrossmütter stützen sich gegenseitig. Und keiner spricht ein Wort.

Grenzschützer patrouillieren rund um die Anlegestelle von Hariakhali. Sie halten die Vertriebenen nicht auf. Wie könnten sie auch, wo jeden Tag bis zu 20'000 Menschen über die Grenze drängen. Links steht ein Wachturm, von dem die Grenzsoldaten hinüber nach Burma blicken können. Steile Hügel ragen dort im Osten in den Himmel. Wolkenfetzen ziehen über die Gipfel. Und vom Boden steigen Rauchsäulen auf. «Da drüben brennen die Dörfer», sagt ein Grenzsoldat. «Sollen wir da unsere muslimischen Brüder wieder zurückschicken?»

Bildstrecke: Hunderttausende Rohingya-Flüchtlinge haben Burma verlassen

Und Zohura Khatun? Ihr Blick irrt eine Weile umher, die Schwangere hält ihren Bauch, sie muss dringend in den Schatten. Schliesslich finden sie einen freien Flecken unter einer Plane, die Helfer im Dorf gespannt haben, Zeit zur Rast. Nur dass sie nichts zu essen und zu trinken haben. Der Mann geht los, Wasser zu holen, die Kinder fallen in einen komatösen Schlaf. Die Mutter schnürt ihren Sack auf. Töpfe und Teller kommen zum Vorschein, Kleider, Tücher. Und eine Plastikhülle mit Dokumenten. Sie haben weisse Erkennungskarten, aber keine gültigen Ausweise, wie sie andere Bürger in Burma besitzen. Deshalb gelten die Rohingya als die grösste staatenlose Gruppe der Welt. Burma behauptet, sie seien illegale Einwanderer, obgleich viele von ihnen schon seit Generationen dort leben. Als sie fortrannten aus ihrem Dorf, hatte die Mutter noch ihren Goldring im linken Nasenflügel. Doch den musste sie dem Fährmann geben. «Er war unser letzter Schatz.»

Auch Mohamed Zohor, der aus Maungdaw kommt, ist auf der Suche nach einem Flecken Erde. Ein paar Quadratmeter, um Bambuspflöcke in den Boden zu rammen, ein Gestell zu bauen und eine Plastikplane zu spannen. Das wäre schon mehr, als die meisten der 400'000 Flüchtlinge haben. Zohor ist ein hagerer Mann, mit einem kantigen Gesicht und wachen Augen. Auf dem struppigen Haar sitzt eine weisse Gebetsmütze. Mit seiner Frau und neun Kindern lagert er bei einem Wäldchen. Sie sind weit gelaufen, um fortzukommen vom Chaos am Fluss. Doch nun türmen sich Wolken.

Die Wut steigt, eben haben al-Qaida und der IS dazu aufgerufen, den leidenden Rohingya zu helfen.

Sie brauchen dringend ein Dach. Dass Zohor die Familie zusammenhalten konnte, gibt ihm Auftrieb. Aber da sind die Bilder in seinem Kopf. «Soldaten haben drei Nachbarn vor meinen Augen erschossen», sagt er. Doch noch mehr Angst hatte er vor jenen, die keine Uniformen trugen. Sie ziehen mit langen Messern durch die Gegend. Er sagt, es seien junge Männer von der Gruppe der Rakhine. Ein hasserfüllter Mob, der mordet und brandschatzt.

Angriff auf Sicherheitskräfte

Die Rakhine sind die grösste ethnische Gruppe der Provinz. Und sie sind Buddhisten. Seit langer Zeit schwelt der Konflikt mit den Rohingya, befeuert wird er von Armut, einem Mangel an Land, befeuert auch von buddhistischen Scharfmachern, die predigen, dass man Muslimen nicht trauen könne, dass sie versuchten, sich immer weiter auszubreiten. Geschehen ist das Gegenteil. Zehntausende Rohingya wurden schon bei Unruhen 2012 vertrieben und danach in Lager gepfercht, wo sie sehr beengt und in grösstem Elend leben.

Nun ist es aber auch nicht so, als wären Rohingya immer nur Opfer, niemals Täter. Militanz in ihren Reihen gibt es schon seit vielen Jahren. Im Oktober aber starteten sie erstmals koordinierte Attacken unter dem Namen Arakan Rohingya Salvation Army (Arsa). Zehn Monate später, am 25. August, folgte ein zweiter Angriff auf die Sicherheitskräfte. Um ein Uhr nachts riss damals ein lauter Knall den Bauern Zohor aus dem Schlaf. Vor einem Polizeiposten war eine Bombe explodiert. Dreissig Polizei- und Armeeposten attackierten die Aufständischen in jener Nacht. Neun Polizisten und Soldaten starben. Und schon bald erlebte Zohor, der Bauer, wie das Militär nun nach Rebellen suchte. «Sie sagen, dass sie überall unter uns seien. Dass wir sie versteckten.» Zohor bekam alles mit: wie Soldaten die Häuser der Nachbarn filzten, wie sie junge Männer herauszerrten und fortschleppten. Da wusste er, dass er keine Zeit mehr verlieren darf. Die Familie packte Eimer, Sack und Koffer. Sie schraubten ihr Solarpanel vom Dach. Und dann rannten sie los.

Das Boot, mit dem diese Frauen flohen, ist bei der Flucht gekentert. Ein Angehöriger der beiden ist bewusstlos. Foto: Dar Yasin (AP)

Mit Arsa, den Rebellen, will der 45-jährige Vater nichts zu tun haben. Doch viele Fragen bleiben: Welche Gewalt verüben die Rebellen? Und wie viel Unterstützung haben sie im Volk? Wie stark ist Arsa eigentlich von islamistischen Hardlinern unterlaufen? Ihr Anführer, der in Saudiarabien aufgewachsen ist, sagt, sie seien keine Jihadisten. Aber sicher ist, dass sich Gotteskrieger aus aller Welt nun für Arsa interessieren. Sie würden gerne die Früchte des Zorns ernten, der unter den Rohingya wächst.

Helfer fast niedergetrampelt

Fahrt nach Kutupalong, einem alten Lager für die Vertriebenen. Fluchtwellen hat es immer wieder gegeben, 400'000 Rohingya lebten schon vor der jüngsten Krise in Bangladesh. Ein schlammiger Pfad führt den Berg hinauf, in offenen Kanälen schwappt die Kloake. Oben auf der Kuppe thront eine kleine Moschee. Imam Moulubi Hossain sitzt am Boden. Er sagt, der Glaube gebe Halt. «Aber vom Glauben alleine kann keiner leben. Wir sind dankbar für Hilfe, aber die Enge ist kaum auszuhalten.»

Und wo sollen nun all die Neuankömmlinge hin? Bangladesh kämpft noch mit den Folgen des Monsuns, nun muss das Land auch noch Platz finden für Hunderttausende Vertriebene. Was das heisst, lässt sich draussen beobachten. Erschöpfte Menschen sitzen an Strassenrändern, in den Feldern, auf den Hügeln. Helfer werfen da draussen Altkleider von einem Truck, ein anderer hat Essen geladen. Es zu verteilen, ist allerdings schwierig. Kaum gehen die Türen des Laderaums auf, drängen schreiend Hunderte Flüchtlinge auf ihn zu. Ein Helfer wird fast niedergetrampelt, bevor die Leute den Laderaum stürmen. Dann gibt der Truck Gas. Etwas abseits steht eine alte Frau, die ihre Hand ausstreckt. Neben ihr humpelt ihr Enkel, er ist nackt und hat verkrüppelte Beine. «Ich werde blind», sagt die Frau. Der Bub schweigt und blickt voller Angst auf die Menge.

Video: Hunderttausende Rohingya auf der Flucht

(Video: Reuters)

Oben in der Moschee spricht der Imam über den Zorn. Wenn er junge Männer trifft, spürt er ihre Wut. Und mit jedem Erschöpften und Geschlagenen, der in die Camps kommt, wird sie weiter wachsen. Das wissen auch die Terroristen. Gerade haben al-Qaida und der Islamische Staat dazu aufgerufen, den leidenden Rohingya zu helfen. Der Imam aber sagt, dass deren Ziele nicht hilfreich seien. Er weiss, dass manche seiner Leute ein eigenes Land wollten. «Aber das wird uns nicht helfen», glaubt der Imam. «Was uns helfen würde, ist nur dies: Burma muss uns als das anerkennen, was wir sind: Staatsbürger mit Rechten, wie alle anderen auch.»

Die schwangere Khatun wartet noch immer auf einen Truck. Wasser hat sie gefunden, Essen nicht. Zumindest aber hat sie sich ausgeruht und beginnt zu erzählen. Aung San Suu Kyi, die frühere Freiheitskämpferin, war einst ihre Hoffnung. Khatun war glücklich, als diese starke Frau die Wahl gewann. «Wir durften nicht mitstimmen, aber wir haben auf sie gesetzt.» Und jetzt? «Ich weiss nicht, warum sie nicht hilft. Aber ich weiss, dass mein Kind im Bauch ein Zuhause braucht.» Sie weint.

«Zuhause ist Burma.»

Erstellt: 17.09.2017, 22:05 Uhr

Artikel zum Thema

Barfuss aus der Hölle

Acht Fragen und Antworten zum eskalierten Konflikt zwischen der Armee und den Rohingya in Burma. Mehr...

«Beim Konflikt um die Rohingya geht es auch um Identität»

Interview Paul Seger, Schweizer Botschafter in Burma, über die Eskalation in seinem Gastland und die Rolle der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Mehr...

Eine Ikone verliert ihren Glanz

Analyse Die Haltung der burmesischen Nobelpreisträgerin Suu Kyi gegenüber den muslimischen Rohingya ist zynisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...