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Der Feind im eigenen Lager

In Afghanistan häufen sich Attacken von einheimischen Soldaten auf die Isaf-Truppe. «Green on Blue» nennt die Nato diese Angriffe von innen. Schon kleine kulturelle Missverständnisse können fatale Folgen haben.

Missverständnisse und fehlendes Vertrauen: Ein amerikanischer Nato-Soldat teilt sein Feuerzeug mit einem afhanischen Polizisten in Kandahar.(12. September 2012)
Missverständnisse und fehlendes Vertrauen: Ein amerikanischer Nato-Soldat teilt sein Feuerzeug mit einem afhanischen Polizisten in Kandahar.(12. September 2012)
AFP

Am frühen Sonntagmorgen erschoss ein afghanischer Polizist im Süden des Landes vier US-Soldaten. Ein Tag zuvor hatte ein Bewaffneter in der Uniform einer regierungsnahen Miliz in der Provinz Helmand zwei britische Soldaten getötet. Und am Freitag hatten Talibankämpfer in amerikanischen Uniformen einen Militärstützpunkt angegriffen und zwei Soldaten der US-Marineinfanterie getötet.

Seit Beginn des Jahres kamen bereits 51 ausländische und 53 afghanische Soldaten bei solchen internen Angriffen in Afghanistan ums Leben. Im Jahr 2011 waren es 35 Tote, im Jahr 2010 noch weniger. Die Zahlen sprechen eine deutliche und beunruhigende Sprache: Die Angriffe von einheimischen Polizisten und Soldaten oder Aufständischen in entsprechender Uniformierung auf Soldaten nehmen zu.

«Wir wollen dich nicht hier»

Greg Buckley aus Long Island war in Helmand stationiert, um lokale Sicherheitskräfte der Nato zu trainieren. Am 10. August 2012 kam der Amerikaner 21-jährig durch eine Attacke aus den eigenen Reihen um. «Green on Blue» nennt die Nato solche Angriffe gemäss ihrem Farbcodierungssytem: Grün für die nationalen Streitkräfte, Blau für internationale Alliierte.

Gegenüber CNN berichtet der Vater über die letzten Gespräche mit seinem Sohn Greg vor dem Angriff, sie geben einen kurzen und schmerzvollen Einblick in die von Angst geprägten letzten Monate im Leben des jungen Mannes und zeigen, wie gering das Vertrauen zwischen den einheimischen und internationalen Kräften unter Umständen sein kann. Wenn man den Worten des Vaters glauben schenken kann, so hat sich der Angriff bereits im Vorfeld abgezeichnet.

Ein neuer afghanischer Auszubildender habe während einer gemeinsamen Nachtschicht laufend die Worte «Wir wollen dich nicht hier, wir brauchen dich nicht», wiederholt. Worauf Greg ihn angeschrien habe. Eine Gruppe von Offizieren habe die beiden Streithähne dann trennen müssen. Greg Buckley habe später seinen Vater gebeten, sich darauf einzustellen, der Mutter und den Brüdern schonend beizubringen, dass er in Afghanistan getötet worden sei – in der eigenen Militärbasis. Dass Greg Buckley, wie der Vater sagt, seine Vorgesetzten über seine Vorahnung informiert habe, konnte CNN nicht bestätigen. Entsprechende Anfragen an die Nato wurden nicht beantwortet.

Noch wissen Experten sehr wenig darüber, was genau zu der Häufung von Green-on-Blue-Angriffen führt. Die Geschichte von Greg Buckley deckt sich jedoch mit dem, was bisher als Ursache vermutet wird: Es sei eine Mischung aus fehlendem Vertrauen, kulturellen Missverständnissen und gelegentlich einem simplen Streit, der zwischen schwer bewaffneten jungen Männern fatale Folgen haben kann, schreibt der Economist in einer Analyse. Eine Rolle spielt auch die psychologische Belastung: Afghanische Soldaten würden häufig jahrelang an unruhigen Orten wie Helmand eingesetzt und erhielten nur wenig Heimurlaub, schreibt «The Economist».

Das Misstrauen steigt

Der Mangel an Vertrauen entstand durch mehrere Ereignisse in jüngster Zeit, bei denen das Verhalten der US-Truppen die Wut der afghanischen Bevölkerung auf sich zog: US-Soldaten hatten Koran-Exemplare verbrannt, in zwei anderen Vorfällen wurden Leichen geschändet. Ein US-Soldat hatte 16 afghanische Zivilisten erschossen, darunter Frauen und Kinder. «Die schrecklichen individuellen Taten einiger US-Soldaten haben die Beziehungen enorm verschlechtert», sagt ein afghanischer Major gegenüber dem Magazin «Newsweek». Zur schlechten Stimmung trägt nun auch der in den USA produzierte islamfeindliche Film bei: In Kabul kam es zu gewalttätigen Demonstrationen.

Auch die vielen zivilen Toten durch Luftangriffe sorgen für Spannungen. Erst gestern wurden afghanischen Angaben zufolge acht Frauen und Mädchen beim Sammeln von Feuerholz von einem Luftangriff der Nato-Truppen getötet. Das Militärbündnis geht allerdings bislang davon aus, dass bei dem Angriff lediglich Aufständische ums Leben gekommen seien.

Kulturelle Missverständnisse

Der Major beschreibt gegenüber «Newsweek», wie tägliche, eigentlich harmlose Missverständnisse zwischen zwei Kulturen zum Problem werden: «Amerikanische Soldaten benutzen ständig den Begriff ‹fuck›». Was bei den Afghanen als expliziter sexueller Begriff gewertet werde, würde von den US-Soldaten eher als Füllwort gebraucht. Beispielsweise habe es fast Streit gegeben, als ein Amerikaner einen fastenden Afghanen fragte: «‹Fucking hell›, wie schaffst du es nur, den ganzen Tag nichts zu trinken?»

Den Taliban spielen solche Vorkommnisse in die Hände, auch wenn sie selbst gar nicht immer bei den Attacken beteiligt sind: «Diese (internen) Angriffe sind vielleicht unser effektivstes Werkzeug, um eine Kluft zwischen Amerikanern und Afghanen zu kreieren», sagt ein Taliban-Führer gegenüber «Newsweek». Tatsächlich ist es so, dass sich die Entfremdung selbst antreibt. Ein afghanischer Oberst bestätigt gegenüber «Newsweek», dass sich die Beziehungen zwischen amerikanischen und afghanischen Soldaten enorm verschlechtert haben. «Früher gingen wir nach der Arbeit zu ihnen auf die Basis oder sie kamen in unsere Baracken um zu reden und zu essen», erinnert er sich. «Heutzutage trifft man sich einzig, um Fakten zu besprechen.»

US-Präsident Barack Obama und Afghanistans Präsident Hamid Karzai haben in letzter Zeit beide die Problematik der internen Angriffe angesprochen. «Mit grosser Besorgnis betrachten wir diese Green-on-Blue-Attacken», sagte Obama Ende August bei einer Pressekonferenz. Mit diversen Strategien versuche man dem Problem beizukommen und sehe auch schon einige Erfolge. «Doch ganz offensichtlich müssen wir mehr tun, denn es ist ein Aufwärtstrend erkennbar.»

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