Wie lange trauert man, bevor das Leben weitergeht?

Nach dem Attentat mit 50 Toten muss Christchurch in die Normalität zurückfinden. «Es tut weh wie die Hölle», sagt eine Einwohnerin.

Trauernde trösten sich gegenseitig, zwei Tage nach dem Attentat auf zwei Moscheen in Christchurch. Fotos: Anthony Wallace (AFP)

Trauernde trösten sich gegenseitig, zwei Tage nach dem Attentat auf zwei Moscheen in Christchurch. Fotos: Anthony Wallace (AFP)

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Diese Woche gab es schlimme Unwetter auf der Südinsel Neuseelands, heftige Winde und Regenfälle. Strassen wurden überflutet. Eine Frau kam ums Leben, aber man kann sagen, dass Neuseeland die Sache bis dahin geradezu mit Erleichterung verfolgt hatte. Die rohen Gewalten der Natur, das ist ein Teil neuseeländischer Normalität.

Es ist nun fast zwei Wochen her, dass ein rechtsextremer Terrorist in zwei Moscheen in Christchurch fünfzig Menschen erschossen hat. Diese Art von Katastrophe kannte die Nation bislang nicht. Der 15. März ist für Neuseeland nun das, was für die USA der 11. September ist – der dunkelste Tag, der alles trennt in ein Davor und ein Danach. Die Unwetter: Vorerst ist das für viele natürlich nur die Simulation von Normalität.

Für die Stadt ist es die zweite Begegnung mit einem bösen Schicksal. Am 22. Februar 2011 bebte die Erde, das Epizentrum befand sich nur zehn Kilometer entfernt von der Innenstadt. 185 Menschen starben, bis heute legen Angehörige an Erinnerungsstätten Blumen für sie nieder, wie jetzt drüben am Zaun des Botanischen Gartens für die Opfer aus den Moscheen.

Es gibt ein Museum in Christchurch, «Quake City», in dem man eine Vorstellung bekommt von der Zerstörung. Der Mann an der Kasse legt ein hübsches Foto auf den Tresen, es zeigt die innere Stadt vor dem Beben, eine Luftaufnahme, ein dichtes Häusermeer. Der Mann markiert acht Häuser mit weissen Pfeilen. Er wartet ein paar Sekunden, dann sagt er: «Die sind übrig. Alle anderen sind weg.»


Video: Trauer und Entsetzen nach Angriffen auf zwei Moscheen in Neuseeland

Bei bewaffneten Angriffen auf zwei Moscheen in Christchurch starben 50 Menschen, darunter auch Kinder. Video: Reuters


80 Prozent der Gebäude im Zentrum sanken an jenem Februartag 2011 in Trümmer und Staub zusammen oder mussten später abgerissen werden. Manche stehen nur noch, weil sie sich an Wände aus Schiffscontainern anlehnen, die man wie Lego-Steine gestapelt hat. Wer heute durch Christchurch spaziert, läuft die Schneisen entlang, die das Erdbeben geschlagen hat. Es sind viele Parkplätze angelegt worden, denen allerdings etwas die Autos fehlen. Auf anderen freien Flächen hat man Rasen gesät, ein Angebot, das von wilden Hasen gut angenommen wird.

«Es tut weh wie die Hölle»

Normalität? In Christchurch war das schon vor dem Anschlag mehr Wunsch als Wirklichkeit. Und jetzt?

«Es tut weh wie die Hölle», sagt Coralie Winn. An einem Picknicktisch im Park ist sie damit beschäftigt, ihr Mittagessen kalt werden zu lassen. Man hat sie vorher auf Fotos im Erdbeben-Museum gesehen, eine optimistische junge Frau, nie ohne ein Lachen im Gesicht. Wenn die Natur den Tod bringe, sagt Coralie Winn, sei das schlimm genug. Aber wenn es der Mensch sei und sein Hass, dann wisse auch sie nicht mehr, woher sie ein Lachen nehmen solle.

Wenn man sich in Christchurch erkundigt, wer dafür verantwortlich war, dass das Leben nach dem Erdbeben weiterging, wenigstens irgendwie, hört man immer wieder: Coralie Winn. Sie hat durch das Beben ihr Haus verloren und ihren Job in einem Kunstmuseum, sie war Ende zwanzig. Dann hat sie mit Freunden «Gap Filler» gegründet, Lückenfüller, eine Gruppe von Künstlern, Aktivisten, Architekten. Leuten, die nicht nur auf die Regierung und die Baukonzerne vertrauen wollten beim Wiederaufbau ihrer Stadt.

Im Museum wischt man sich also durch alte Fotos, sie zeigen die ersten Aktionen der fröhlichen Truppe um Coralie Winn. Rührend wirkt das heute: Minigolf und Pétanque in den Ruinen, ein Freilichtkino, bei dem die Zuschauer auf alten Rädern den Strom für den Projektor erzeugen. Den «Dance-O-Mat» gibt es noch, auf einem grosszügig dimensionierten Parkplatz an der Colombo Street: Man wirft eine 2-Dollar-Münze in eine umgebaute Waschmaschine, worauf Discolicht und Lautsprecher anspringen.

Trauernde gedenken der Opfer von Christchurch, 24. März 2019.

Es gibt natürlich auch einen offiziellen «Christchurch Central Recovery Plan». Es ist die Vision einer grünen Stadt mit viel Platz für Fussgänger und Radfahrer, was man im autoverliebten Neuseeland durchaus für eine originelle Idee halten darf. Das neue Christchurch hat viele Hoffnungen geweckt. Aber: «Viele Chancen wurden nicht genutzt», sagt Coralie Winn. «Es ist immer noch eine Autostadt, es ist viel schlechte Architektur entstanden», seelenlose Bürogebäude.

Christchurch wurde 1880 gegründet als pazifisches Modell der englischen Klassengesellschaft, es gab lange mehr Kirchen als Bars. Okay, sagt Coralie Winn, ein Lächeln klettert zurück in ihr Gesicht: «Es ist eine bessere Stadt als je zuvor.» Mehr Lebensfreude, mehr Buntheit. Man hat hier keine Probleme, einen veganen Friseur zu finden, wenn man denn einen sucht.

Lebensfreude und Buntheit, das hat der Mörder ja ins Visier genommen. Manche vergleichen Neuseeland nun mit Norwegen nach den Anschlägen, ein kleines Land, das jäh seine Unschuld verliert. Der Terror träufelt das Gift der Spaltung in eine Gesellschaft. Wird das Gift wirken, in Christchurch zumal, wo die Verletzungen durch das Beben noch nicht geheilt sind? Es gibt hier seit 2011 überdurchschnittlich viele Probleme mit psychischen Krankheiten, häuslicher Gewalt, Suizid.

In Christchurch prüft sich gerade die freie Gesellschaft.

Nachrichtenfetzen: Die grösste Buchhandelskette des Landes nimmt die Bücher des kanadischen Konservativen Jordan Peterson aus dem Angebot, zu kontrovers. In den sozialen Medien streiten sie, ob die Linken die Trauer instrumentalisieren, manche Gedenkfeier sei eher eine Kundgebung gewesen. Ist es angemessen, dass jemand seinen Job verliert, weil er es an Mitgefühl für die Opfer vermissen liess? Darf man schon darüber diskutieren, ob Premierministerin Jacinda Ardern ihren «Heiligenschein» im Alltag behalten wird?

In Christchurch prüft sich gerade die freie Gesellschaft. Und es gibt viel mehr Grund, zuversichtlich zu sein als ängstlich. Am vergangenen Freitag hat man nach den Schweigeminuten im Hagley Park Amin Yassir zugehört, einem jungen Mann aus Pakistan. Gemeinsam mit seinem Vater war er vor dem Mörder davongerannt, der Vater wurde von zwei Kugeln getroffen, er liegt im Koma. Yassir sagte: «Wir hätten niemals so viel Mitgefühl und Liebe von den Menschen in Christchurch erwartet. Wir merken jetzt, dass die Gemeinschaft sich um uns sorgt. Es stimmt nicht, dass wir aus anderen Welten stammen.»

Die Regierung hat sofort die Waffengesetze verschärft, viele Menschen geben ihre Gewehre freiwillig zurück, die Polizei bittet dringend: nicht einfach mit dem Ding in der Hand aufs Polizeirevier spazieren.

Fertig «Sieg heil»

Der gute Geist von Christchurch ist sogar in die Maori-Motorradrocker des Mongrel Mob gefahren, berüchtigt für ihre Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Die Mongrels, «Mischlinge», wollen sich nicht mehr mit «Sieg heil» grüssen, wie das offenbar ein halbes Jahrhundert lang Sitte war. Beim Freitagsgebet im Hagley Park standen tätowierte Mob-Mitglieder in Lederkluft Wache, um den muslimischen Mitbürgern eine Andacht ohne Furcht zu erlauben.

Man wird die weiteren Entwicklungen beim Mongrel Mob gewiss noch beobachten müssen, aber: So viel guter Wille, das macht doch Hoffnung für Christchurch. Oder? Vielleicht sollte man jemand fragen, der Christchurch von innen kennt und sich dennoch den Blick von aussen bewahrt hat.

«Das alte England lebt hier noch», sagt ein deutscher Einwanderer.

Café Berlin in Strowan, einem Viertel, in dem sich die Leute die «Bavarian Weisswurst» vom deutschen Metzger und den importierten süssen Senf dazu auch leisten können.

2006 sind sie ausgewandert, Neuseeland hatte ihnen im Urlaub gefallen und Christchurch besonders, weil das Leben so entspannt zu sein schien für eine Stadt mit 370000 Einwohnern. Entspannt war bald nur noch wenig. 2010 das erste Erdbeben, 2011 das zweite, das verheerende. Die Mollys hatten sich aber nicht getäuscht in ihrer neuen Heimat. «Es gab so einen Spirit», sagt Markus Molly (51), «die Leute sind wirklich zusammengerückt.»

Nach dem Beben haben die Mollys zehn Abende lang mit den Nachbarn zusammengesessen, keiner wollte allein sein. Und nach dem Anschlag auf die Moscheen war es wieder so, man traf sich und redete, auch wenn irgendwann alles gesagt war.

Markus Molly, Ingenieur eigentlich, schwarze Schürze über dem roten Polohemd, hat in Neuseeland sein Glück gefunden, aber er macht nicht mit bei der Verklärung als Paradies. «Es gibt viel, was hier nicht funktioniert.» Krankenversicherung, Rente, alles nicht auf deutschem Niveau. Und die bunte Gesellschaft? «So bunt», sagt Molly, «ist sie nicht.» Natürlich sei es schön, wie die europäischen und asiatischen Neuseeländer, die Maori und die Muslime zusammenkämen in der Not. «Aber normal bleibt man unter sich.» Auf welche Schule man gegangen sei, das zähle etwas. «Das alte England lebt hier noch.»

Der einfachere Teil

Am Freitag werden sie noch mal zusammenkommen, im Hagley Park bei der nationalen Gedenkfeier für die Opfer. Yusuf Islam wird singen, der vormalige Cat Stevens. Jacinda Ardern und die Bürgermeisterin von Christchurch reden viel darüber, dass sie versucht hätten, alle Wünsche der muslimischen Gemeinde zu berücksichtigen. Die Gedenkfeier dürfte der einfachere Teil sein von all dem, was Land und Stadt erwartet.

Der Gerichtsprozess gegen den Täter dürfte ebenso wichtig wie schmerzhaft werden, eine «Königliche Kommission» soll klären, wie es zu dem Blutbad kommen konnte. Es wird unangenehme Fragen geben, für die Behörden, aber auch für die Stadtgesellschaft. Sie werden darüber sprechen müssen, ob sie sich dem Erbe der «weissesten Stadt Neuseelands» wirklich gestellt haben. Ob sie die kleinen Neonazi-Aufmärsche, die es hier gab, ernst genug genommen haben.


Video: Ich fragte ihn: «Wer zur Hölle bist du?»

Abdul Aziz erzählt von seiner Begegnung mit dem mutmasslichen Attentäter Brenton T. Video: Reuters, Tamedia


Sie werden auch entscheiden müssen, in welcher Form sie sich erinnern wollen an den 15. März 2019. Erinnert man nur an die Toten? Oder auch an die Verantwortung – und wenn ja, wessen?

Ganz akut stellt sich die Frage: Wie lange trauert man? Die Fernsehteams, die den Gedenkzaun am Botanischen Garten belagerten, sind wieder weg. Dabei liegen vier Opfer noch in kritischem Zustand in Krankenhäusern, auch die vierjährige Alen, deren Lockenfoto ganz Neuseeland kennt.

Wann also darf die Normalität beginnen? Markus Molly sagt, das solle jetzt nicht zynisch klingen: «Aber jeder will doch irgendwann sein Leben weiter­leben.»

Erstellt: 29.03.2019, 17:05 Uhr

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