Der harte Alltag nach dem Beben

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal, das 600'000 Häuser zerstörte, leben viele Menschen immer noch in Hütten.

Wie ein totes Gerippe steht die zertrümmerte Schule bei Lapilang in der Landschaft. Auch das Provisorium aus Wellblech ist bereits baufällig. Fotos: Benjamin Manser (SRK)

Wie ein totes Gerippe steht die zertrümmerte Schule bei Lapilang in der Landschaft. Auch das Provisorium aus Wellblech ist bereits baufällig. Fotos: Benjamin Manser (SRK)

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Ein Umkehren ist auf dem steilen Weg ins Bergdorf Lapilang nicht mehr möglich. Denn die einspurige Strasse wird erst zum Sandweg, dann zur Schotterpiste, zuletzt zur Geröllhalde. Der Motor des Geländewagens heult auf. Und der Fahrer muss am Lenkrad hin und her kurbeln, um nicht ins Stocken zu geraten. Zeit für einen Blick auf die vielen Terrassenfelder mit ihrem goldgelben Weizen oder der grünen Fingerhirse hat er nicht.

Auf der Fahrt wirkt die bei Touristen so beliebte Himalajagegend wie aus einer Reisebroschüre. Aber dann, bei der Ankunft in dem Ort auf 2007 Meter Höhe, offenbart sich das Ausmass der Katastrophe. Das Erdbeben, das im Frühling 2015 Nepal zweimal erschütterte, hat in Lapilang immensen Schaden und grosses Unheil angerichtet. 14 Dorfbewohner sind hier gestorben, viele wurden verletzt. Seither ist nur eines der Häuser noch bewohnbar. Alle anderen sind entweder einsturzgefährdet oder zusammengefallen.

Zum Glück hatten die Kinder Ferien

Es sei schrecklich gewesen, erinnert sich der Lehrer Yam Kumar Pandey. Die Wände stürzten ein, Felsbrocken fielen herunter, Berghänge rutschten, und riesige Staubwolken stiegen auf. Zum Glück hätten die Kinder Ferien gehabt und seien nicht in der Schule gewesen, sonst hätte es noch mehr Opfer gegeben, sagt der 35-Jährige. Ein jeder schrie damals, um andere blitzschnell noch zu warnen und zu retten. Ein fatales Rennen gegen die Zeit und gegen den Tod. Wer es überlebt hat, wird die Angst vor der zerstörerischen Kraft der Naturgewalten vermutlich nie mehr vergessen können.

«Ich habe meine Frau verloren», sagt der 23-jährige Tek Bahadur Thami, Vater von zwei Kindern im Alter von ein und drei Jahren. Seine Frau habe damals auf den Terrassenfeldern in der Nähe des Dorfes gearbeitet, als der Berghang gerutscht sei. Wie durch ein Wunder überlebte jedoch das damals 9-monatige Baby, das sie auf ihrem Rücken trug. «Zwei Stunden nach dem Unglück habe ich unsere Tochter gefunden und aus der Gerölllawine bergen können», sagt Thami, der die kleine Manta auf dem Arm hält. Wundersamerweise habe sie keine grossen Verletzungen gehabt.

Thami lässt sich nun als Zimmermann ausbilden. Er will lernen, wie man erdbebensicher baut, und hilft ein Modellhaus des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) fertigzustellen. Aus der Ferne hört man, wie ein Wasserbüffel sich lauthals beschwert. Er hat offenbar Durst bei 28 Grad Hitze und in der prallen Sonne.

150 Dollar Notzuschuss für jeden Haushalt

Seit einem Jahr leben die Familien in Lapilang in provisorisch gebauten Hütten aus Holzlatten, Bambusstangen und Wellblech. 150 Dollar hat jeder Haushalt als Notzuschuss von der Regierung erhalten. Weitere 2000 Dollar sind als Startkapital für ein neues Dach über dem Kopf versprochen, aber bisher ist noch nichts angekommen. Denn zuerst soll eine Bestandesaufnahme der Schäden im ganzen Land abklären, wer Anspruch auf die Gelder hat – ein Mammutprojekt, das seit Monaten läuft.

Tek Bahadur Thami konnte das Baby retten, seine Frau aber nur noch tot bergen.

Die Menschen in Lapilang gehören zu den Ärmsten der Armen. Viele von ihnen sind Bauern und Selbstversorger, die ihre Felder am Hang immer noch ohne Maschinen beackern. Die Naturkatastrophe im vergangenen Jahr hat ihnen fast alles genommen und oft auch noch ihre wenigen Sachen unter dem Schutt begraben. Tag für Tag müssen sich die Menschen somit irgendwie durchschlagen und den widrigen Umständen trotzen. Einen Monsun und einen Winter haben sie schon hinter sich. Die nächste Regenzeit beginnt in einem Monat. Eigene Mittel zum Wiederaufbau fehlen.

Ein politischer Schutthaufen

Auch Hilfsorganisationen können nicht einfach loslegen und mit dem Häuserbauen beginnen, sondern müssen sich in Geduld üben. Denn sie stehen ebenfalls vor einem Schutthaufen – sie jedoch vor einem politischen. So haben der zehnjährige Bürgerkrieg und der Sturz der 240-jährigen Monarchie ihre Spuren hinterlassen. Seit 2008 befindet sich das einstige Hindu-Königreich auf dem Weg zur Demokratie, aber mit permanenten Regierungswechseln. Im September 2015 bekam das Land zwar eine Verfassung. Doch dies führte zu Unruhen und löste eine mehrmonatige Handels- und Strassenblockade an der Grenze zu Indien aus, an den wichtigsten Importwegen etwa für Benzin und Gas. Mit der Folge, dass das Land zu grossen Teilen lahmgelegt wurde und erneut vor allem die Erdbebenopfer die Leidtragenden waren.

«Es ist frustrierend, zu beobachten, wie politische Rivalitäten und Machtkämpfe den Wiederaufbau monatelang hinausschieben und bremsen», sagt Max Santner, Delegationsleiter der Föderation des Roten Kreuzes und Roten Halbmondes in Kathmandu. Vor ein paar Tagen hat die Regierung aber endlich grünes Licht gegeben, sodass NGOs legal mit dem Wiederaufbau der Häuser beginnen dürfen. Bisher hat sich das SRK gemeinsam mit seinen Partnern aus Österreich und Nepal gezielt auf diesen Moment vorbereitet und 540 Handwerker in drei Distrikten je eine Woche lang in erdbebensicherem Bauen geschult.

In 18 Dörfern je ein Modellhaus gebaut

In Lapilang liegen überall Trümmerhaufen aus Steinen und Stapeln mit Holzlatten herum. «Alles Material ehemaliger Häuser, das man zumindest teilweise wieder verwenden kann», erklärt die Architektin Pilar Bravo vom SRK, die mit Kollegen die lokalen Maurer und Zimmermänner trainiert hat und dadurch bereits in 18 Dörfern jeweils ein erdbebensicheres Haus als Anschauungs- und Schulungsobjekt aufbauen durfte. Ziel dieses Programms ist es, dass in den stark betroffenen Distrikten Dolakha, Ramechhap und Sindhuli insgesamt 2000 solcher Häuser im traditionellen Baustil aus Steinmauerwerk gebaut werden.

Amu Karkis Kind kam kurz nach dem Beben auf die Welt.

Der angehende Zimmermann Thami arbeitet nun mit knallgelbem Bauarbeiterhelm an dem fast fertigen Modellhaus. Er hobelt ein paar Bretter für den Boden im ersten Stock und nagelt diese danach fest. Die Stabilität des Hauses ist im Vergleich zu früheren Bauten besser, weil ein Rahmen aus miteinander verankerten Holzbalken existiert und längliche Ecksteine versetzt aufeinandergelegt werden. Aber auch der Mörtel aus Lehm muss die richtige Konsistenz haben und darf nicht zu steinig sein. Zudem hat es in der doppelten Mauer längliche, quer eingesetzte Steine oder Holzbalken.

Kochen in der Ruine

Auch das Bergdorf Bhirkot, das sich wie Lapilang im Distrikt Dolakha befindet, ist stark vom Erdbeben betroffen. Ya-sho­da Karki, 43, dreifache Mutter und Bäuerin hat dabei praktisch alles verloren. Mit ihrer Familie wohnt sie jetzt in einer kleinen Hütte aus locker zusammengesteckten Bambusstangen und Wellblech. Die Tür steht offen, Tageslicht zerschneidet den dunklen Raum. Auf zehn Quadratmetern schläft die ganze Familie, die Kinder machen Hausaufgaben und spielen mit dem Welpen. Draussen laufen die Hühner herum.

Von dem ehemals zweistöckigen Haus sind nur noch die Wände im Erdgeschoss geblieben. Dort kocht Yashoda Karki jetzt auf dem Boden unter einem Wellblechdach. Ohne einen Stuhl, ohne einen Tisch. Die Wände sind schwarz vom Rauch, der kaum abziehen kann. Am Abend schlafen die Ziegen in einer mit Laub ausgelegten Ecke der Küche. Die Bäuerin hat 100 Dollar vom Roten Kreuz erhalten, damit sie warme Kleidung kaufen kann. Dennoch wurden ihre Kinder alle krank. Die Nächte sind hier im Winter sehr kalt. Und der Wind pfeift quer durch die Bambushütte.

Vom Lärm einstürzender Wände geweckt

Eine 21-jährige Dorfbewohnerin erzählt, dass sie damals hochschwanger gewesen sei. Nun sitzt Amu Karki, die einen schönen, roten Sari trägt, im Schneidersitz und mit Baby auf dem Bett in der grauen Wellblechhütte, wo sie auf engstem Raum mit den Schwiegereltern lebt. Weil ihr Mann in Kathmandu beim Militär arbeitet, ist er nur selten da. Als die Erde bebte, machte sie einen Mittagsschlaf und wachte erst durch den Lärm einstürzender Wände und Schreie der Menschen auf.

Zwei Monate später kam ihr Baby in einem Zelt zur Welt, da auch die lokale Krankenstation zerstört war. Um dort überhaupt hinzukommen, schleppten Männer die Hochschwangere eine halbe Stunde auf einer Trage über den holprigen Weg. Sie sei froh, sagt die junge Mutter, dass sie damals gerade noch rechtzeitig aus dem Haus geflüchtet sei.

Das SRK hat die Recherchereise nach ­Nepal unterstützt.

Erstellt: 22.04.2016, 01:26 Uhr

Erdbeben in Nepal

Risikoregion Himalaja

Im vergangenen Jahr erschütterten in Nepal zwei Starkbeben mit Magnituden 7,8 und 7,2 die Region um Kathmandu. Wie das Geo­forschungs­zentrum Potsdam mitteilte, wurde das Epizentrum des ersten Bebens am 25. April 2015 etwa 80 km nordwestlich der Millionenstadt lokalisiert und das zweite am 12. Mai 2015 etwa 100 Kilometer nordöstlich der nepalesischen Hauptstadt. Die Folgen der beiden Beben sind gravierend: Mehr als 8800 Tote, 22'000 Verletzte und über 600'000 zerstörte sowie 280'000 be­schädigte Häuser.

Nepal gehört zu den aktivsten Erdbebenzonen, da der Gebirgsstaat an einer konvergenten Plattengrenze liegt. Dies führt dazu, dass die indische Platte mit einer Geschwindigkeit von 45 Millimetern pro Jahr unter die eurasische drückt. Weil die beiden Kontinentalplatten in etwa die gleiche Dichte haben, findet keine vollkommene Subduktion statt, sondern beide Landmassen werden stark ineinandergedrückt. Die Himalajaregion ist die Knautschzone, das Faltengebirge erhebt sich jährlich um 5 bis 8 Millimeter.

In Nepal stossen zwei Kontinentalplatten zusammen. Bei anderen Kollisionszonen wie den Anden handelt es sich um eine ozeanische und eine kontinentale Platte. Beim aktuellen Beben in Ecuador vom 16. April 2016 mit einer Stärke von 7,8 waren es die Nazca- und die Südamerikanische Platte. Erdbeben entstehen, weil sich an den verkeilten Bruchstellen eine gigantische Spannung aufgebaut hat, die sich dann mit einem Ruck in den Gesteinschichten entlädt.

In Nepal ist das Beben von 1934 noch nicht vergessen. Damals wurde in Kathmandu ein Viertel der Häuser zerstört. Insgesamt gab es 10'600 Todesopfer. (bry)

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