Kasachstan will mit eigenem Alphabet sowjetisches Erbe loswerden

In Kasachstan arbeitet ein Mann daran, für sein Land ein neues Alphabet zu finden. Eine Geschichte über Identität, Selbstbewusstsein – und die richtigen Zeichen.

Wenn Erden Kazhybek seine Arbeit erklären soll, malt er Pfeile und eckige Klammern – es sieht aus wie ein mathematisches Problem. Foto: Frank Nienhuysen

Wenn Erden Kazhybek seine Arbeit erklären soll, malt er Pfeile und eckige Klammern – es sieht aus wie ein mathematisches Problem. Foto: Frank Nienhuysen

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Mit der 0 fängt es an. Die 0 ist seine Zaubertaste, ohne sie könnte der Professor nicht einmal seinen Namen richtig schreiben – Kazhybek. Und auch nicht den seines Landes. Kasachstan. Beides beginnt ja mit dem Buchstaben K. Klar, er könnte jetzt auf seiner Laptop-Tastatur einfach mal auf den Buchstaben K drücken, und schon steht er auf dem Bildschirm. K wie Kakadu. Aber das ist nicht das Gleiche, nicht der Buchstabe, den er braucht. Kasachen klingen anders.

Erden Kazhybek sitzt in seinem Büro und spricht seinen Namen laut aus. Das K klingt krächzend, kehlig, wie Kchazhybek. Wenn Kazhybek also seinen Namen auf Kasachisch schreiben will, muss er zuerst die Shift-Taste drücken und dann die 0 tippen, und auf dem Bildschirm erscheint ein kyrillisches K mit einem klitzekleinen Strich rechts unten. Es macht aus dem einfachen K ein kasachisches, ein dunkles Kch. Die Zeitung kann den Buchstaben hier jetzt leider nicht abdrucken, es ist dies ja auch nicht Kasachstan. Aber die Kasachen haben mit der Umständlichkeit ein Problem. Es geht um ihre Identität.

Erden Kazhybek ist Sprachwissenschaftler, Leiter des Instituts für Linguistik in Almaty. Der allmächtige Staatspräsident hat ihn für eine besondere Aufgabe auserwählt. Kazhybek soll für Kasachstan ein neues Alphabet austüfteln. Buchstabe für Buchstabe. Das bisherige ist kyrillisch und soll ersetzt werden durch ein lateinisches. Es ist eine Zäsur. Ein Bruch mit dem sowjetischen Erbe. Und die nächste Emanzipation von Russland. Das Kyrillische, und mit ihm auch die russische Sprache, verliert mehr und mehr seinen dominanten Status – nicht nur in Kasachstan.

Moskau macht sich Sorgen

Aserbeidschan, Turkmenistan, Usbekistan haben ihr Alphabet schon umgestellt. Von knapp 140 Millionen Menschen, die – Russland ausgenommen – in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion leben, beherrschen nur noch 60 Millionen die russische Sprache. In Moskau ist man bereits in Sorge und versucht, mit einer Stiftung die russische Sprache im Ausland zu fördern. Von einer «Derussifizierung» ist gar die Rede. Kazhybek, der Linguist, bestreitet, dass es einen Konflikt gebe mit Moskau über das Ende der kyrillischen Schrift. Aber er taucht ohnehin lieber ein in sein vertrautes Meer aus Buchstaben, Zeichen, Strichen und Bögen.

Bisher ist es ja so: Kazhybek hat auf seiner Computertastatur drei Buchstabentypen zur Auswahl. Englische, daneben russische und – eher versteckt – kasachische. Alle kasachischen Buchstaben sind wie die russischen Buchstaben in kyrillischer Schrift. So wie Briten, Italiener und Deutsche das lateinische Alphabet nutzen. Aber das Problem der Kasachen ist: Das russische Alphabet kann nicht alle Laute darstellen, die es in der kasachischen Sprache gibt, etwa das Kch. Also haben sie noch Varianten und Extrabuchstaben: ein gedrehtes, auf den Kopf gefallenes E zum Beispiel. Für sie alle braucht man die Shift-Taste. Kazhybek sagt mit professoraler Contenance: «Das ist nicht sehr angenehm.»

Die Umstellung des Alphabets wird ein irrer Aufwand. Dem ölreichen Kasachstan ist es das wert.

Er wird dafür sorgen, dass sich das ändert. Kazhybek ist jetzt der Herr des Alphabets. Einer Welt aus Buchstaben, die neu geordnet gehört und dem jungen Kasachstan den Weg in die Moderne ebnen soll. Denn modern, so sieht man das in Kasachstan, ist die Globalisierung, die Vernetzung. Das ist vor allem ein lateinisches Alphabet.

Die Kasachen waren früher ein Volk der Nomaden. Jahrhundertelang dominierten Khanate das Gebiet, der Islam war die prägende Religion, das Arabische die vorherrschende Schrift. Doch dabei blieb es nicht. Denn Buchstaben können Machtfragen sein. In der Nationalbibliothek in Almaty ist die Wandlung von Geschichte und Schrift zu sehen. Es gibt hier eine Abteilung seltener Bücher, sie ist an diesem Nachmittag eigentlich schon geschlossen, aber die Leiterin macht eine Ausnahme. Sie zieht feine, weisse Fingerhandschuhe an. Nichts soll die alten Bücher gefährden.

Da liegt schon eins, ein gebundenes Buch in arabischer Schrift, zu lesen von rechts nach links, 16. Jahrhundert. Fast 900 Jahre lang war die Schrift in Kasachstan arabisch. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches stellte das Land mit seiner Turksprache auf ein lateinisches Alphabet um, «damit man der europäischen Kultur näherkam», sagt die Leiterin. Sie zeigt eine Zeitung von 1929 in Arabisch, dann eine aus dem Jahr darauf: die eine Hälfte arabisch, die andere schon lateinisch.

«Unsere Sprache wurde in der Sowjetunion einer strengen Politik untergeordnet.»Erden Kazhybek, Sprachwissenschaftler

Kasachstan war Sowjetrepublik, Stalin befahl für 1940 die Einführung der kyrillischen Schrift. Sowjetische Gleichmacherei, eine ideologische Machtdemonstration. Seitdem dominierte die russische Sprache, die kyrillische Schrift. Kasachische Schulen wurden geschlossen, Eltern schickten ihre Kinder auf russische Schulen. Anfangs, weil es für viele opportunistisch war – später, weil es kaum kasachische Schulen gab.

Kazhybek erinnert sich an seine Kindheit in Karaganda, einer Industriestadt. In der Schule wurde Russisch geredet, zu Hause Kasachisch. Seine Mutter kann bis heute nur ein paar Worte Russisch. In den langen Sommerferien schickten seine Eltern ihn zur Erholung in ein Dorf. «Niemand sprach dort Russisch», sagt er. Als er nach dem Sommer zurück in die städtische Schule ging, lachten ihn die anderen aus. «Wir hatten eine schwere Zeit», sagt Kazhybek, «unsere Sprache wurde in der Sowjetunion einer strengen Politik untergeordnet. Das russische Alphabet wurde einfach auf die kasachische Sprache übertragen.» Für Kazhybek ein linguistischer Frevel.

Es soll ein Alphabet sein, das in 100 Jahren noch gilt

Heute erlebt die kasachische Sprache einen Boom. Auch weil es der Staat so will. Und angeblich die Kasachen. Zeitungen, Fernsehen und Radio berichten fast nur noch in kasachischer Sprache. Für die Staatsmacht ist die Sprache ein Symbol der Unabhängigkeit. Aber die kyrillische Schrift ist noch immer allgegenwärtig. Der grosse Schriftzug, der an der oberen Frontseite der Nationalbibliothek prangt, hat kyrillische Buchstaben. Autofahrer werden von Schildern gewarnt, dass sie jetzt in die Zone kostenpflichtiger Parkplätze fahren – auf Russisch und Kasachisch. Aber Kyrillisch sind beide Warnungen. Für Kazhybek sind dies unhaltbare Zustände. Deshalb muss ein neues Alphabet her. Eines, das in Hunderten Jahren noch gilt.

Und so versammeln sich nun jeden Monat Arbeitsgruppen und Kommissionen, Linguisten, Orthografen, Computertechniker. Sie besprechen zum Beispiel, was man mit dem Laut macht, der sich anhört wie das amerikanische W in Washington – ua oder so, geformt mit spitzem Mund. In bisheriger kyrillischer Schrift war es ein W, das dann aber wie Wasser klingt. Also auch nicht gut. «Das ist der umstrittenste Buchstabe», sagt Kazhybek, «noch immer ungelöst.» So geht die Suche nach dem neuen Alphabet. Etwa hundert Varianten sind schon debattiert worden.

Hohn und Spott

Es ist anstrengend, und gleich der erste Versuch ging schief. Er bestand zwar aus lateinischen Buchstaben, aber mit lauter Apostrophen. Das führte selbst bei einfachen Namen zu akrobatischen Ergebnissen: Dmitri'i' oder Poli'na. IT-Spezialisten, kritische Linguisten wie Kazhybek, der da noch nicht die Verantwortung hatte, die halbe Nation fragte sich: Wie soll man das googeln? Statt Anschluss drohte die Isolation.

Die Variante wurde mit Spott übergossen und schnell verworfen. Jetzt steht eine neue fest. Sie wird in einem zweijährigen Probelauf getestet. Statt einer Apostropheninflation sollen Buchstaben einen Akzent erhalten wie im Französischen. Bis 2025 soll der Übergang in die neue Welt beendet sein. Schulbücher, Dokumente, Strassenschilder gibt es dann nur noch in lateinischen Buchstaben. Heisst: neue Software in Unternehmen, neue Schreibprogramme, Schulungen für Lehrer, Dokumente müssen übersetzt und angepasst werden. Ein irrer logistischer Aufwand. Dem ölreichen Kasachstan ist es das wert. Schon jetzt werden Parlamentssitzungen nur noch auf Kasachisch abgehalten, der offiziellen Staatssprache.

Und Russisch, wird es anerkannte Verkehrssprache bleiben? Jurij Serebrjanskij ahnt wenig Gutes: «Für die russische Sprache, für die russische Kultur ist das ein grosser Verlust.» Serebrjanskij (43) sitzt in einem Café in Almaty. Er ist Kasache. Aber er gehört zu jener Generation, die noch in der Sowjetzeit aufwuchs und sich schwertut mit der Staatssprache. «Kasachisch? Ich verstehe etwa 70 Prozent. In den Geschäften komme ich klar», sagt er, «aber nicht in der Literatur.» Seine Muttersprache ist Russisch, so schreibt er seine Romane, seine Gedichte. Er sagt: «Ich bin Russe von Beruf. Mein ganzer kultureller Code ist sowjetisch.» Früher habe er nie darüber nachgedacht, welcher Nationalität er angehöre. Erst als die Sowjetunion zerbrach, ging es darum, wer Kasache sei, wer Russe, wer Ukrainer.

«Für die rein russischsprachige Bevölkerung ist das wie ein Signal zur Abreise.»Jurij Serebrjanskij

Ob der Wechsel der Schrift richtig sei? «Er ist wichtig für den Staat», sagt Serebrjanskij. Und ja, die Ausbreitung des Kyrillischen war künstlich, gelenkt. «Aber was wird aus der klassischen russischen Literatur, was aus all den kasachischen Schriftstellern, deren Werke auf Russisch sind?», fragt er. «Es wäre dumm, wenn all das verloren ginge. Für die rein russischsprachige Bevölkerung ist das wie ein Signal zur Abreise.» Und so ist für den Autor alles verknüpft: die lateinische Schrift, das Verblassen des Russischen.

Professor Kazhybek dagegen glaubt, dass Russisch eine wichtige Sprache bleiben wird. Sein Name aber wird sich verändern. Nachgefragt, wie er sich denn selber schreibe nach dem neuen Alphabet, tippt er: Qajybek. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 18:32 Uhr

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