Überfluss und Frust – die Schweizer Jahre von Kim Jong-un

Die Schulzeit in Bern lehrte den Diktatoren-Sohn vor allem eines: Ausserhalb Nordkoreas wäre er ein Mensch wie alle anderen.

Er wuchs komplett isoliert ohne Spielkameraden auf: Ein neues Buch beschreibt Kim Jong-uns Kindheit. Fotos: Keystone

Er wuchs komplett isoliert ohne Spielkameraden auf: Ein neues Buch beschreibt Kim Jong-uns Kindheit. Fotos: Keystone

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Die Schweiz hatte auf Kim Jong-un ihre Wirkung, aber nicht so, wie sich viele erhofft hatten. Als der 27-Jährige 2011 an die Macht kam, bestand die Hoffnung, er werde im steinzeitkommunistischen Nordkorea Reformen anstossen. Nur schon wegen seiner Schulzeit in der Nähe von Bern, wo er eine offene und demokratische Gesellschaft erlebt hatte. Doch das exakte Gegenteil sei eingetreten, schreibt die Nordkorea-Expertin Anna Fifield in «The Great Successor», ihrem neuen Buch über Kim Jong-un.

Als der junge Kim in der Schweiz gesehen habe, wie eine Demokratie funktioniert, habe er realisiert, dass das nichts für ihn sei, sagte Fifield in einem Interview mit dem «New Yorker». Ausserhalb Nordkoreas wäre er ein völlig normaler Mensch, der sich wie alle anderen um seine Angelegenheiten kümmern müsste, so die Erkenntnis des verwöhnten Diktatoren-Sprösslings. «Diese Erfahrung hat ihn bestärkt, das System intakt zu halten, um weiterhin der König seines Reiches zu sein.»

Kim Jong-un wuchs komplett isoliert auf

Als Korrespondentin der «Washington Post» hat Fifield Nordkorea ein Dutzend Mal besucht. Nun hat sich die neuseeländische Journalistin mit den frühen Jahren des Diktators von Pyongyang befasst. Darüber war bisher wenig nach aussen gedrungen. Demnach wurde Kim Jong-un in eine dysfunktionale Familie mit einer «sehr brutalen Ader» hineingeboren, die vom Grossvater über den Vater bis zu ihm verläuft.

Kim Jong-un wuchs komplett isoliert auf, er hatte keine Spielkameraden unter den Kindern der Elite, mit Buben aus dem Volk hatte er ohnehin keinen Kontakt, er wusste nicht, was im Land passiert. Kim Jong-un wurde von Anfang an für seinen heutigen Job erzogen, er konnte sich gar nicht anders entwickeln. Er und sein älterer Bruder Kim Jong-chol galten am Hof ihres Vater Kim Jong-il als «die kleinen Prinzen». Oft trugen sie olivgrüne Militäruniformen samt Hut und goldenen Knöpfen, auf den Schultern prangten Generalssterne.

Die Gäste an Kim Jong-uns Feier zu seinem 8. Geburtstag waren keine anderen Kinder, sondern Beamte und Offiziere. Ab diesem Zeitpunkt war Kim Jong-un der Thronfolger. Sein älterer Bruder war in den Augen ihres Vaters zu schwach, um die Macht der Familie zu erhalten und nebenher Nordkorea zu führen. Der Hofstaat und sogar die höchsten Offiziellen verbeugten sich fortan vor dem Knirps, der sich rasch daran gewöhnte, Befehle zu erteilen.

Kim Jong-un war besessen von Maschinen, vor allem von Modellflugzeugen und Spielzeugschiffen. Er wollte wissen, weshalb die Dinger flogen respektive nicht untergingen. Bereits in Bern drängte er offenbar stets darauf, einen Park aufzusuchen, wo die Modellflugfans ihre Spielzeuge fliegen liessen. Er spielte bis weit in die Nacht hinein damit, was eine grosse Gabe von Kim Jong-un zeigte: Er konnte sich enorm gut auf etwas konzentrieren. Wenn aber etwas nicht funktionierte, musste sofort ein Experte her, auch mitten in der Nacht, am besten ein Ingenieur.

Die Faszination für die Aviatik ist geblieben, Kim Jong-un fliegt heute selber ein Kleinflugzeug. Das nordkoreanische Fernsehen zeigte einmal, wie er Truppen inspizierte und danach unter dem Beifall der Luftwaffenpiloten wieder abhob. Als 2017 westliche Geheimdienste Satellitenbilder auswerteten, um herauszufinden, ob Nordkorea eine neue Rakete testen wolle, hielten sie in der Nähe der vermuteten Abschussrampen Ausschau nach Kims Kleinflugzeug.

Eine «brutale Ader» prägte die Familie vom Grossvater über den Vater (l.) bis zu Kim Jong-un (r.).

Seine Kindheit im darbenden Nordkorea war geprägt von Überfluss. In seinem Zimmer gab es mehr Spielzeug als in jedem europäischen Fachgeschäft. Sony-Fernseher und Computer waren da, um Super-Mario zu spielen, daneben standen Yamaha-Pianos und Steinway-Flügel. Ausserdem hatte er ein kleines Auto, mit dem er herumfahren konnte, und an seiner Hüfte trug er einen 45er-Colt, natürlich geladen mit scharfer Munition. Und wenn er einen James-Bond-Film anschauen wollte, gab es ein Kino mit bequemen Sesseln. Kim gilt heute noch als Film-Freak.

Zu den Residenzen von Nordkoreas Erster Familie, die Rede ist von einem Dutzend, gehören grosse Parks mit künstlichen Seen und Wasserfällen sowie Käfigen mit Bären und Affen. Am liebsten spielte Kim Jong-un zusammen mit seinem Bruder Basketball – eine Leidenschaft, die nicht nachgelassen hat, wie Kims Freundschaft zum Amerikaner Dennis Rodman zeigt, dem früheren Star der Chicago Bulls. Um genügend Spieler für einen Match zu haben, wurden andere Kinder herangekarrt.

Kim Jong-un hatte eine einsame Kindheit. Er und sein Bruder Jong-chol wurden zu Hause unterrichtet und hatten keine Freunde.

Eine andere Leidenschaft Kim Jong-uns ist Japan, seit der Besetzung durch die «imperialistischen Aggressoren» Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich Koreas Erzfeind, im Norden wie im Süden. Aber Kim Jong-uns Mutter Ko Yong-hui, eine Koreanerin, wurde in Japan geboren, wo sie die Primarschule besuchte. Als Teenager kehrte sie mit ihren Eltern nach Nordkorea zurück. Deshalb gab es am Kim-Hof häufig Sushi, was dem kleinen Jong-un schmeckte. (Sein anderes Lieblingsessen war Raclette.) Die Mutter reiste mit ihren Buben und gefälschten brasilianischen Pässen nach Tokio, wo sie auf Shopping-Tour gingen und das Disneyland besuchten. Noch Jahre später sprach Kim Jong-un davon, und seither faszinieren ihn Japan und Vergnügungspärke.

China, den Alliierten aus dem Koreakrieg, kann er hingegen nicht ausstehen, und es irritiert ihn angeblich, dass er von Peking abhängig ist. Während sein Vater und Grossvater zumindest vordergründig China ihren Respekt zollten, störte Kim Jong-un 2016 Xi Jinpings G-20-Gipfel in Hangzhou, als er einige Raketen abschoss, die von der Reichweite her auch den Tagungsort in China hätten treffen können. Die beiden bleiben jedoch aus strategischen Gründen aufeinander angewiesen, und erstmals seit 15 Jahren reist am Donnerstag der chinesische Staatschef nach Pyongyang.

Er will, dass das Herrschaftssystem für ihn und seine Familie funktioniert

Generell hatte Kim Jong-un eine einsame Kindheit. Er und Jong-chol wurden zu Hause unterrichtet und hatten keine Freunde. Sie spielten nicht einmal mit ihrem Halbbruder Jong-nam, dem ältesten Sohn von Kim Jong-il, der komplett von ihnen ferngehalten wurde. Und die jüngere Schwester Yo-jong war noch zu klein, um mitzuspielen. Das Verhältnis der drei leiblichen Geschwister, die ihre Mutter früh verloren, sei offenbar immer noch sehr eng, schreibt Fifield. Der ältere Bruder lebt in Nordkorea, spielt aber keine öffentliche Rolle. Die kleine Schwester hingegen entsandte Kim zu den Olympischen Spielen in Südkorea, wo sie auf Anklang stiess, und mithalf, die Entspannung zwischen den Erzfeinden einzuleiten. «Ein genialer Schachzug», wie Fifield schreibt.

Dass Kim Jong-uns Familiensinn begrenzt ist, bewies er jedoch bereits kurz nach seiner Machtübernahme, als er seinen eigenen Onkel öffentlich hinrichten liess. Und Kim Jong-nam, der Halbbruder mit dem er in der Kindheit keinen Kontakt hatte, wurde 2017 auf dem Flughafen von Kuala Lumpur mutmasslich mit dem Nervenkampfstoff VX ermordet. Kürzlich berichtete das «Wall Street Journal», dass Jong-nam ein Informant der CIA gewesen sei.

Seit seiner Kindheit geht es Kim Jong-un nur um den Machterhalt, das ist in seiner DNA, dazu wurde er erzogen, und diesem obersten Ziel ordnet er alles unter. Er will, dass das Herrschaftssystem in Nordkorea intakt bleibt und für ihn und seine Familie funktioniert. Nur so besteht Gewähr, dass der «Unbesiegbare», «der Triumphierende General», «der Hüter der Gerechtigkeit», «die Grösste Verkörperung der Liebe» als «Sonne der Menschheit» weiterstrahlen kann.

Erstellt: 18.06.2019, 20:14 Uhr

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