Der russische Mann kann töten, und niemand hält ihn auf

Putin lobt die Frauen seines Landes als besonders schön und stolz. Im Alltag ergeht es ihnen aber schlecht, wie ein Bericht belegt.

Ein Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt scheiterte im Parlament: Eine junge Frau sitzt vor einem Porträt Wladimir Putins.

Ein Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt scheiterte im Parlament: Eine junge Frau sitzt vor einem Porträt Wladimir Putins. Bild: Keystone

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Als Irina das erste Mal von ihrem Ehemann, einem erfolgreichen Ingenieur aus Moskau, geschlagen wurde, rieten ihr Verwandte und Freunde, auszuhalten und bessere Zeiten abzuwarten; wahrscheinlich habe sie den Mann «provoziert». Schliesslich schlug Alexei Irina spitalreif, sie hatte Kopfverletzungen und ihr Körper war übersät mit Hämatomen und Striemen. Sie reichte die Scheidung ein, doch der Richter liess sich Zeit und drängte sie immer wieder, sich mit ihrem Mann wieder zu versöhnen.

Alexei attackierte seine Ehefrau in dieser Zeit 18-mal, auch direkt vor dem Gerichtssaal. Irina wurde mehrmals ins Spital eingeliefert, einmal mit zwei ausgerissenen Fingernägeln. Sie reichte acht Beschwerden bei der Polizei ein, doch es wurde keine Untersuchung eingeleitet. Schliesslich nahm sie sich einen Anwalt. Doch der Richter liess eine um die andere Anschuldigung fallen. Zuletzt wurde Alexei für seine Gewaltexzesse zu 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Irina bereitet nun eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor.

Fast 40 tote Frauen pro Tag

«Ich kann dich töten und niemand stoppt mich», heisst der Report der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, der neben Irinas Schicksal das von Dutzenden anderen russischen Frauen beschreibt. Etwa das von Jana, 36 Jahre alt, der es noch viel schlechter ergangen ist. Sie rief in der westrussischen Stadt Orjol die Polizei zu Hilfe gegen ihren prügelnden Ehemann. Doch die zuständige Beamtin erklärte: «Rufen sie nicht mehr an, wir kommen sowieso nicht.» Als die verzweifelte Frau insistierte, ihr Mann werde sie töten, war die sarkastische Antwort: «Keine Sorge. Wenn er Sie tötet, werden wir kommen und Ihre Leiche untersuchen.» 40 Minuten später war Jana tot.

Um die 14'000 Frauen werden gemäss Schätzungen in Russland jedes Jahr von Familienangehörigen ermordet, in den meisten Fällen vom Ehemann. Das sind fast 40 Tote pro Tag. Auf der ganzen Welt gebe es Gewalt gegen Frauen, sagen russische Menschenrechtler, doch kaum ein Land weigere sich dermassen konsequent, etwas dagegen zu tun, wie Russland. Die Liste der Empfehlungen an den russischen Staat, die Human Rights Watch in dem Bericht abgibt, ist mehr als vier Seiten lang.

Dabei liegt dem russischen Parlament seit Jahren ein Gesetzesentwurf gegen häusliche Gewalt vor. Doch als sich Präsident Wladimir Putin, der die russischen Frauen sonst gerne als besonders schön und stolz lobt, zu Beginn seiner dritten Amtszeit auf den Schutz der Familie und anderer «traditioneller Werte» verlegte, gab dies den konservativen Kräften im Land auftrieb. Die Vorlage wurde abgeblockt und stattdessen das geltende Gesetz noch gelockert: Häusliche Gewalt ist in Russland inzwischen keine Straftat mehr, sondern eine Ordnungswidrigkeit, zumindest solange bei der Prügelei keine Knochen brechen und es nicht mehr als einmal im Jahr vorkommt. Meist wird für häusliche Gewalt lediglich eine Busse verhängt, die dann nicht selten vom gemeinsamen Familienkonto bezahlt wird. Oder gar von der Frau selber.

Wie falsch parkieren

Wenn der Mann seine Frau misshandle, habe das nicht mehr Konsequenzen, als wenn er falsch parkiere, klagt die Menschenrechtlerin Julia Gorbunowa, die Autorin des Berichts. Gewalttätige Männer hätten sehr genau registriert, dass häusliche Gewalt nun keine Straftat mehr sei, und dies faktisch als Freibrief verstanden. Frauen erzählen in Gorbunowas Bericht immer wieder, ihre Peiniger seien sich absolut sicher gewesen, dass den Opfern niemand zu Hilfe komme. Denn selbst jenen Polizisten, die ihre Verantwortung wahrnehmen wollen, sind in Anbetracht der Gesetzeslage die Hände gebunden: «Wir können den Kerl für eine Nacht in die Zelle sperren, damit er schlafen und wieder nüchtern werden kann», sagt ein Polizist. «Doch dann geht er wieder heim. Und oft ziehen die Frauen ihre Klagen nach ein paar Tagen zurück.»

Viele russische Frauen sind wirtschaftlich abhängig von ihren Männern, vor allem dann, wenn das Paar Kinder hat. Einfach eine Wohnung zu mieten, ist in Russland fast ausgeschlossen: Es gibt kaum Wohnungen auf dem Markt, und wenn, sind sie extrem teuer. Die meisten Familien müssen sich eine Zweizimmerwohnung mit den Grosseltern teilen. Wenn eine Frau ihren Peiniger dennoch verlässt, gibt es zwar inzwischen staatliche Frauenhäuser. Allerdings fast nur in den grossen Städten, und die Anzahl der Plätze ist auf ein paar hundert beschränkt. Noch schlimmer aber ist, dass viele der Betten leer bleiben, weil die Hürden, in die Häuser reinzukommen, oft absurd hoch sind. Ein ganzes Bündel von Dokumenten wird verlangt, um überhaupt eine Antrag stellen zu können.

Aljona hatte alle Dokumente zusammen, musste dann aber gemäss dem Bericht einen Monat auf den Bescheid des Frauenhauses in Samara warten, während ihr Mann immer brutaler zuschlug. Schliesslich bekam sie eine Absage: Wegen ihres gewalttätigen Ehemanns sei es zu gefährlich, sie in das Frauenhaus aufzunehmen. Aljona hatte Glück im Unglück und fand Unterschlupf bei einem privaten Frauenhaus in einem anderen Teil des Landes. Vielen anderen Frauen bleibt nach der Abweisung jedoch nichts anderes übrig, als in die gemeinsame Wohnung zurückzukehren, wo das Martyrium weitergeht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.10.2018, 20:03 Uhr

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