Der Standhafte

Liu Xiaobos gewaltloser Kampf für die Menschenrechte in China brachte ihm den Friedensnobelpreis ein – aber auch viele Jahre im Gefängnis.

Auf dem Stuhl, auf dem Liu Xiaobo hätte sitzen sollen, liegt im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2010 lediglich die Urkunde, die der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo hätte entgegennehmen sollen. Links daneben: Thorbjørn Jagland, damaliger Vorsitzender des Komitees zur Vergabe des Friedensnobelpreises. (Foto: AP)

Auf dem Stuhl, auf dem Liu Xiaobo hätte sitzen sollen, liegt im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2010 lediglich die Urkunde, die der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo hätte entgegennehmen sollen. Links daneben: Thorbjørn Jagland, damaliger Vorsitzender des Komitees zur Vergabe des Friedensnobelpreises. (Foto: AP)

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Das bekannteste Foto von Liu Xiaobo ist eine Aufnahme, auf der er gar nicht zu sehen ist. Auf der Bühne im Rathaus Oslo stand ein leerer Stuhl, es war der 10. Dezember 2010. Eigentlich sollte Liu hier Platz nehmen – Chinas Friedensnobelpreisträger. Doch der sass im Gefängnis, elf Jahre Haft wegen «Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt».

Lius Dankesrede in Oslo hielt die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann. «Meine Straftaten», hatte Liu Xiaobo geschrieben «haben unterschiedliche Namen» und doch lassen sie sich in einem Wort zusammenfassen: «Sprechverbrechen.» Diktaturen haben davor Angst.

Chinas grosser Menschenrechtler ist am Donnerstag in Shenyang im Alter von 61 Jahren gestorben. Bis zum letzten Atemzug fürchtete sich die Führung in Peking vor ihm, einem Todkranken. Leberkrebs im Endstadium.

Seinen letzen Wunsch im Ausland behandelt zu werden, verwehrte ihm das Regime. Sein Sterben ein unwürdiges Gerangel, eine Propaganda-Show. Jeden Tag stellte das Krankenhaus in Shenyang ein Bulletin auf seine Website. Klinisch kalt und ohne Empathie: Nierenfunktion eingeschränkt, Bauchfell entzündet, der Krebs weiter gewachsen. Septischer Schock. Intensivstation.

Selbst der Tod wurde auf einer Webseite vermeldet. Ein Kämpfer für die Demokratie in China reduziert auf schlechte Nierenwerte und Metastasen. In den Zeitungen und im Fernsehen in China wird Liu Xiaobos Tod hingegen verschwiegen. Erst weggesperrt, dann wegzensiert.

«Was wirklich beängstigend ist, ist Unterwerfung»

«Um ganz ehrlich zu sein, egal wie bösartig eine Tyrannei sein mag, die Leute sollten weder Angst haben, noch sollten sie sich beschweren. Alle müssen sich entschliessen, ob sie sich unterwerfen oder rebellieren», schrieb Liu Xiaobo. «Tyrannei ist nicht erschreckend, was wirklich beängstigend ist, sind Unterwerfung, Stille und sogar Lob für Tyrannei.»

Sich unterworfen, still gewesen oder gar falsch gelobt, das hat Liu Xiaobao nie.

Geboren wurde er 1955, als der dritte von fünf Brüdern in Changchun, der Hauptstadt der nordostchinesíschen Provinz Jilin. Sein Vater war Professor für Chinesische Sprache an der Universität.

Nach Mao Zedongs Tod 1976 nahm er an der ersten Hochschulaufnahmeprüfung nach Ende Kulturrevolution teil. Er schrieb sich in seiner Heimatstadt für chinesische Philologie ein und gründete mit Kommilitonen einen Poesieclub. Auf Wachsmatrizen gaben sie eine Zeitschrift heraus. Liu Xiaobos erste Veröffentlichungen. Später studierte er in Peking und wurde 1988 promoviert. Da war er schon ein Star in China.

Als Doktorand hatte er 1986 auf einer Konferenz die gegenwärtige chinesische Literatur zerrissen. Die Zeitungen druckten das. Auf einen Schlag war Liu Xiaobo in China bekannt. In kleiner Runde, da stotterte er. Stand er aber auf der grossen Bühne sprach er klar, wurde er angriffen, blühte er auf.

Schnoddriger nordchinesischer Akzent und scharfes Urteil. Manchmal zu scharf? Kritiker gab es natürlich: Er sei zu grossspurig, mische sich überall ein, warf man ihm vor. «Es merkt niemand, wenn du nur ein Fenster aufmachst. Du musst schon das ganze Haus abreissen, bevor dich irgendjemand wahrnimmt», sagte Liu Xiaobo später einmal.

Das Massaker von Tiananmen veränderte sein Leben

Nach der Promotion ging er nach Oslo an die Universität, drei Monate, das erste Mal im Ausland, just in jener Stadt, in der 22 Jahre später einmal ein Stuhl leer stehen würde, für ihn, den verhinderten Nobelpreisträger.

Es folgten Aufenthalte auf Hawaii und schliesslich in New York, als Gastdozent an der Columbia University. In New York lernte er Ai Weiwei kennen und tauchte in die Dissidentenszene ein.

Dann aber kamen die Wochen die Lius Leben veränderten, genauso wie die jüngere chinesische Geschichte: Das Massaker auf dem Tiananmen.

Am 15. April 1989 starb der ehemalige Parteichef Hu Yaobang. 1987 war er entmachtet worden, er galt als Reformer und war beliebt. Studenten strömten auf den Platz des Himmlischen Friedens, die Trauerfeier wurde zur Demonstration. Sie forderten mehr Demokratie und zelteten bald auf dem Platz.

In New York kaufte sich Liu Xiaobo ein Flugticket – one way und landete wenig später in Peking. Er fuhr zu den Studenten und unterstützte sie. Er verfasste ihre Flugblätter. Die Führung um Premier Li Peng nannte er darin eine «Scheinregierung».

Er forderte unabhängige Gewerkschaften und Privatisierungen. Mit Freunden trat er in den Hungerstreik. Das amerikanische Fernsehen filmte ihn. Auch ausserhalb Chinas kannte man ihn nun: Der Universitätsdozent, der sich mit den Studenten verbündet hat.

Zwei Tage nach dem Blutbad von Tiananmen wurde Liu zum ersten Mal festgenommen

In der Nacht des 2. Juni versuchten Polizei und Armee zum ersten Mal den Platz zu räumen, sie scheiterten. Eine Nacht später schossen sie scharf. Das Rote Kreuz schätzte zunächst, dass 2600 Menschen bei dem Massaker ums Leben gekommen waren, der Schweizer Botschafter, der die Krankenhäuser der Stadt besucht hatte, sprach von 2700 Opfern. Es hätten noch deutlich mehr sein können.

Kurz vor dem Massaker ging Liu auf den Platz. Es gelang ihm, Hunderte Studenten davon zu überzeugen, den Tiananmen zu verlassen, bevor die Panzer rollten.

Zwei Tage nach dem Blutbad wurde Liu festgenommen. Das erste Mal im Gefängnis, für anderthalb Jahre.

Heirat im Lager

Einen Tag vor Liu Xiaobos Tod hat Liu Suli in ein Teehaus im Pekinger Norden gebeten. «Hier lassen sie mich rauchen, fast nirgendwo in Peking darf ich das noch.» «Schrecklich», sagt der 56-Jährige und zündet sich eine Zigarette an. In der Nacht zum 4. Juni 1989 war Liu Suli auch auf dem Platz, 28 Jahre war er damals, auch er Dozent an der Universität, er trug die Leichen der Studenten davon, das Blut noch warm an seinen Händen. Heute betreibt er einen Buchladen.

Im Qincheng-Gefängnis in Peking lagen ihre Zellen Wand an Wand. Liu Xiaobo und Liu Suli, beide in Einzelhaft. «Erst haben wir versucht, über die Wasserleitung miteinander zu sprechen. Wir mussten flüstern, damit uns niemand hört.» So leise, dass sie sich kaum selbst verstanden.

Also schrieben sie sich Kassiber. «Die Zettel haben wir an einen Stein gebunden und beim Freigang über die Mauer geworfen.» Auf der jeweils anderen Seite warte der Freund in seiner Betonbox. «Einmal wehte der Nordwind zu stark.» Der Zettel landete direkt vor den Stiefeln des Wachmanns.

1991 kamen beide frei. Liu Suli schwor sich, er werde sich nie mehr zum Massaker äussern, keine Interviews und auch keine Texte. Stattdessen verkaufte er Bücher. Liu Xiaobo aber machte weiter. Er unterwarf sich nicht, er wurde nicht still und Lob kam ihm auch nicht über die Lippen.

Er schrieb ein Buch über das Massaker. In ausländischen Zeitungen forderte er Reformen, in China selbst hatte er Auftrittsverbot. Vier Jahre ging das so, bis er im Mai 1995 von der Staatssicherheit abgeholt wurde. Weggesperrt, zum zweiten Mal – diesmal für vier Jahre.

Seine grosse Liebe und spätere Frau Liu Xia wollte ihn besuchen, weil aber der Trauschein fehlte, verweigerten die Behörden den Kontakt. 1998 bekamen sie schliesslich eine Sondererlaubnis: Heirat im Lager. Genau eine Nacht durfte Liu Xia bei ihrem Ehemann bleiben. Im Oktober 1999 kam er endlich frei – für knapp zehn Jahre.

Gemeinsam mit ein paar Freunden diskutierte Liu Xiaobo im Winter 2008, ob Chinas Demokratiebewegung eine Agenda brauche. Das Vorbild: Die Charta 77, verfasst von Oppositionellen in der Tschechoslowakei. Einer der Autoren damals: Václav Havel, der spätere tschechische Präsident. Liu Xiaobo bezeichnete Havel als einen «spirituellen Vater».

Die chinesische Charta 08 schrieb zunächst nicht Liu Xiaobo. Doch er editierte den Text stark und er war es, der viele seiner Freunde um Unterschrift bat. Als «Mitbegründer und Hauptorganisator» bezeichnete ihn später das Gericht. Als «schwarze Hand einer Subversion» die Propaganda.

Letztes Gespräch mit dem Freund

303 Freunde, Künstler und Anwälte unterschrieben die Charta 08. Auch seinen Freund aus dem Qincheng-Gefängnis fragte Liu Xiaobo. «Es war der 8. Dezember 2008, gegen 20.40 Uhr, Xiaobo war in den Buchladen gekommen», sagt Liu Suli. Zwei Tage später sollte die Charta veröffentlicht werden. Zum 60. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte. «Ich habe nicht unterschrieben.» Es sei ein politisches Programm, sagt Liu Suli. «Xiaobo ist aber kein Politiker, sondern ein Intellektueller. Wir haben uns deshalb gestritten.»

Es war das letzte Mal, dass er seinen Freund gesehen hat. Und es war das letzte Gespräch für Liu Xiaobo in Freiheit. Zwei Stunden später klopfte es an der Tür zu Liu Xiaobos Appartement: Die Staatssicherheit. Sie kommt oft nachts.

Das Smartphone auf dem Ratantisch im Teehaus vibriert. Das Krankenhaus in Shenyang hat ein neues Bulletin auf seiner Website veröffentlicht. Bilirubin auf 114 Mikromol pro Liter gestiegen. Drohendes Organversagen. Liu Suli drückt die vierte Zigarette aus. 2009, zum 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers, hat er seinen Schwur gebrochen. «Wir müssen erzählen, was damals passiert ist», sagt er. «Die Wahrheit darf nicht begraben werden.» Kein Unterwerfen, keine Stille und kein Lob für die Tyrannei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2017, 19:14 Uhr

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