Die akute Kriegsgefahr ist gebannt – wenn es sie je gab

Kim Jong-un hat nun die Chance, die Wirtschaft Nordkoreas zu liberalisieren.

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Donald Trump nimmt für sich in Anspruch, er habe mit den paar Stunden, die er in Singapur mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zusammensass, «eine Atomkatastrophe abgewendet». In weniger dramatischen Tönen sagt auch Südkoreas Präsident Moon Jae-in, der amerikanische Präsident habe die «Kriegsgefahr abgewendet». Allerdings hat Moon, der Vermittler, Trump mit seinen Schmeicheleien an das Treffen mit Kim erst herangeführt – oder sogar dazu verführt. Er dankte Trump für den «historischen Gipfel» und sagte, jetzt beginne eine neue Ära des Dialogs, Friedens und Wohlstands.

Nicht alle glauben, dass die Welt im Vorjahr an einem Krieg vorbeischrammte. In Seoul war selbst während des übelsten Säbelrasselns, als Pyongyang monatlich Raketen abschoss und seinen sechsten Atomtest zündete, nichts von einem drohenden Krieg zu ahnen. Die Welt starrte alarmiert auf Korea, Trump drohte Kim vor der UNO-Vollversammlung mit der Auslöschung seines Landes, aber die Südkoreaner gingen ihrem Alltag nach. Sie lassen sich von den surrealen Drohungen der Propaganda des Nordens nicht mehr beeindruckten.

Ausser Grenzzwischenfällen, die nicht auszuschliessen seien, so der Tenor im Vorjahr, sei von Kim nichts zu befürchten. Er sei ja kein Selbstmörder. Derweil zeigten unabhängige Experten auf, dass Kims Raketen nicht gefechtstauglich waren. Sie würden es auch kaum je werden. Robert Schmucker von der TU München bezeichnete Kims Raketentests als «Bluff».


Viel Pathos: Ausschnitte aus dem Film der US-Regierung zum historischen Gipfeltreffen mit Nordkorea in Singapur. Video: Tamedia/The White House


Wer die akute Kriegsgefahr vorigen Sommer für real hielt, muss die hektische Diplomatie der letzten Monate begrüssen. Seit den Olympischen Winterspielen sucht Kim den Dialog. Er will sein isoliertes Land in die Staatengemeinschaft einbinden und hat sich zur Nuklearabrüstung verpflichtet, auch wenn er bisher nicht definiert hat, was er damit meint. Die akute Kriegsgefahr ist gebannt, wenn es sie je gab. Schon deshalb wäre der Gipfel von Singapur, obwohl seine Schlusserklärung hinter frühere Vereinbarungen zurückfällt, ein Erfolg.

Wer die Warnungen vor dem drohenden Krieg im Vorjahr für Propagandalärm hielt, wird gleichwohl begrüssen, dass Kim jetzt mit der Welt verhandelt. Sogar mit dem Erzfeind. Aus der Sicht Südkoreas und erst recht Chinas ist das ein grosser Schritt. Sie hielten Nordkoreas Atomwaffen nie für das einzige, vielleicht auch nicht für das grösste Nordkorea-Problem.

Das bisherige Nordkorea steckt in einer Sackgasse wie vor dreissig Jahren die Sowjetunion – auch ohne UNO-Sanktionen. Seine Infrastruktur ist marode, sie stammt zu guten Teilen noch aus der Kolonialzeit vor 1945. Die staatliche Versorgung der Bevölkerung brach schon vor 20 Jahren zusammen. Seither erstarrte Nordkorea in Stagnation und Repression. Irgendwann würde dieses Gebilde implodieren, schon morgen oder in 20 Jahren. Aber sicher plötzlich und gewaltsam.

Reformen sind billiger

Wenn Kim das verhindern will, muss er seine Wirtschaft umbauen. Repression nützt sich ab. Reformen sind billiger als die Implosion eines hochgerüsteten Landes. Von unten hat die Bewegung zur Marktwirtschaft längst begonnen. Kim wird Chinas Vorbild folgen, um sein Regime nicht zu gefährden. Das wird ohne ausländische Investitionen nicht gehen. Doch wer investiert, will Stabilität. Die bietet in dieser totalitären Diktatur nur Kim selbst. Das Ausland muss deshalb, ungeachtet der moralischen Argumente, auf ihn setzen. Trump hat das getan, er hat Kims Legitimität gestärkt. Zugleich gab er Südkorea implizit grünes Licht, die Annäherung voranzutreiben.

Ausgerechnet jene US-Experten, die im Vorjahr den Krieg an die Wand malten, werfen Trump nun vor, er habe Verhandlungspfänder weggeschenkt. Falls der Gipfel tatsächlich einen Krieg verhindert hat, ist er diesen Preis wert. Wenn kein Krieg drohte, und Kim es mit Reformen wirklich ernst meint, dann ist es nicht so wichtig, ob die Erklärung von Singapur nur die «komplette» Denuklearisierung vorgibt, während das Wort «verifizierbar» fehlt. Nordkorea wird sich nicht auf Druck der USA verändern und abrüsten, sondern weil Reformen in seinem eigenen Interesse sind. Und im Interesse des Regimes. Dann ging es in Singapur vor allem um die Symbolik eines Neubeginns.

Dennoch irritiert es, mit welcher Nonchalance und Ignoranz Donald Trump durch ein weltpolitisches Minenfeld stolpert.

Erstellt: 15.06.2018, 19:11 Uhr

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