Die neue Zauberwaffe der Kommunisten

Peking erfüllt sich den Traum jedes autoritären Regimes: die totale Überwachung des Volkes. Gebaut von einem Start-up, das gerade Google und Facebook überholt.

Die totale Überwachung: China will bis 2020 über 600 Millionen Kameras mit Gesichtserkennungsfunktion installieren. Video: Reuters / Ryan Neukomm

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Ein Staat erfindet sich neu, und er tut das unter anderem hier, mitten in diesem Pekinger Büroturm, in diesem nüchternen Raum. Bildschirme, viele Bildschirme, darauf Gesichter, unsere Gesichter, Gesichter von der Strasse, Gesichter vom Flur, dazu Namen, Geschlecht, Ausweisnummern. Aufgeschnappt von den Kameras von Megvii Face++, hier gerade das heisseste Start-up einer heissen Branche, die angibt, die Welt verändern zu wollen und dabei wahrscheinlich nicht zu viel verspricht.

Künstliche Intelligenz, KI. Im Raum ein junger Mann, Xie Yinan arbeitet hier als Marketingdirektor. «Es ist wie im Film», sagt er. «Ich bin jetzt seit drei Jahren dabei, und ich hätte mir im Traum nicht vorstellen können, dass wir all die Dinge machen, die wir heute machen. Alles, was du aus Science-Fiction-Filmen kennst, werden wir in die Wirklichkeit holen.» Todmüde ist er. Und euphorisiert.

Sein Land will Nummer eins der Welt werden auf dem Feld der künstlichen Intelligenz. Und seine Firma die Nummer eins in ihrem Bereich. «Wir wollen die Augen der Stadt schaffen», sagt Xie Yinan von Megvii. «Und wir wollen sie intelligent machen.»

Video: Die Firma, die totale Überwachung ermöglicht

Der Mensch als Risiko: Xie Yinan macht mit seinen Freunden Sci-Fi zur Wirklichkeit. Video: YouTube / XilinxInc

Die Firma ist zu Hause im Pekinger Stadtbezirk Haidian, in nächster Nähe zu den Eliteuniversitäten des Landes. Die Glastür am Eingang öffnet sich, wenn die Kameras das Gesicht des Ankommenden erkennen. Dank der Technologie von Megvii konnten die Leute mit ihrem Gesicht schon die Smartphones von Huawei oder Vivo entsperren, lange bevor Apple auf die Idee kam. Ausserdem können sie so alle ihre Einkäufe mit der Alipay-App bezahlen, wie das schon 520 Millionen Chinesen regelmässig tun. Hotels in China überprüfen mit Megvii-Kameras, ob der Gast der ist, den er behauptet zu sein. Bahnhöfe wie in Wuhan gewähren nur dem Zutritt, der sein Gesicht scannen lässt.

25 Verhaftungen am Oktoberfest

Die Augen der Stadt. Die Augen des Staats. Für den Einzelnen wird sein Gesicht zum Schlüssel, der ihm den Zugang zur Welt öffnet. Für die Beobachter wird die Kamera zum Schlüssel, der ihnen das Tun des Einzelnen entsperrt. «Verbrecher müssen sich heute gut überlegen, ob sie überhaupt noch Verbrechen begehen», sagt Xie Yinan. «Unser Algorithmus kann Netze von 50'000 bis 100'000 Überwachungskameras unterstützen. Wir können dir sagen, welche Sorte Mensch sich zu welchem Zeitpunkt wo befindet. Wir können sagen: Wer ist das? Wo ist er? Wie lange hält er sich hier auf? Wohin geht er dann? Wir verfolgen die Spur eines Menschen von Kamera zu Kamera.»

Das System, sagt Xie, erkenne Gesichter längst besser, als Menschen das können. Megvii und die anderen Firmen bewerben ihre kommerziellen Anwendungen, aber es ist kein Geheimnis, wer wichtigster Investor und Kunde zugleich ist: der Staat, vor allem die Sicherheitsbehörden. 3000 Kriminelle, sagt er, seien der Polizei schon dank der Kameras in die Arme gelaufen, ihre Gesichter fanden sich in den Datenbanken der Behörden. Schlagzeilen machte das Oktoberfest in Qingdao voriges Jahr: 25 Verhaftungen lange Gesuchter, dank Gesichtserkennung.

Das System erkennt, wo sich Leute versammeln. Mehr noch: wo sich demnächst viele versammeln werden.

Die Kameras können noch mehr: Sie melden, wenn ein Gesicht an einem Ort – etwa an einer Bushaltestelle – verdächtig oft auftaucht. «Das könnte ein Taschendieb sein», sagt Xie. Der Mensch in der Menge, auch er ein Risiko. Beim Konkurrenten Sense­time führen sie vor, wie die Kameras Menschenmengen analysieren. Das System erkenne, wo sich Leute versammeln, sagt Sensetime-Sprecherin Yuan Wei. Mehr noch: wo sich demnächst viele versammeln werden. Der Algorithmus erkennt auch, wenn sich eine Menschenmenge in eine Richtung bewegt, während ein Einzelner gegen den Strom geht. «Das System identifiziert dann diese Person als unnormal», sagt Yuan Wei. Und schlägt Alarm.

Bei Megvii arbeiteten vor einem Jahr 200 Mitarbeiter, heute 700, einige von ihnen sind aus den USA zurückgekehrt. Im November haben sie bei einer Investmentrunde 460 Millionen Dollar eingesammelt, Weltrekord für ein KI-Start-up. Seitdem gewann ihre Technologie mehrere Wettbewerbe, auch gegen Teams von Google, Microsoft und Facebook. KI-Start-ups schiessen wie Pilze aus dem Boden in China. «Wir stehen erst am Anfang», sagt Xie Yinan. 176 Millionen Überwachungskameras gab es in China 2016, bis zum Jahr 2020 sollen es mehr als 600 Millionen sein.

Ein digitales Update für die Diktatur

Die Kommunistische Partei hat Big Data und künstliche Intelligenz als Zauberwaffen entdeckt. Partei- und Staatschef Xi Jinping will der Diktatur ein digitales Update verpassen. 2030, so die Vorgabe der Partei, soll Chinas KI-Industrie 150 Milliarden Dollar wert sein. Schon 2020 werde China mit den USA gleichgezogen haben, prophezeite Eric Schmidt, Chef der Google-Mutter Alphabet: «2025 werden sie uns überholt haben, 2030 werden sie die Industrie dominieren.» In der Grundlagenforschung lägen die USA noch vorne, sagt Xie Yinan von Megvii, «aber in der praktischen Anwendung sind wir ihnen schon weit voraus.»

Bilder: Xi Jinping zementiert seine Macht

Richter in der Provinz Hebei lassen sich von KI bei der Urteilsvorbereitung helfen, die Stadt Hangzhou sagt damit den Verkehrsfluss voraus. In der Provinz Sichuan und in ihrer Jugendliga testet die KP eine «smarte rote Cloud»: Der Algorithmus, schreibt die Parteipresse, soll die Auswahl ihrer Funktionäre modernisieren. Das System verfolge sämtliche Schritte und «menschliche Beziehungen» der KP-Kader, um «ihr zukünftiges Verhalten» vorherzusagen.

Wie beim Spacerace mit den Sowjets

In den USA ziehen manche den Vergleich zum Wettlauf ins Weltall mit der Sowjetunion vor mehr als einem halben Jahrhundert. Und nicht wenige sehen China im Vorteil: vor allem der schieren Masse an Daten wegen, zu denen Forscher und Firmen hier Zugang haben, kaum behindert durch Gesetze oder Debatten über Privatsphäre. Sensetime gibt an, über Regierungsstellen Zugang zu Datenbanken mit 500 Millionen Gesichtern zu haben, der Konkurrent Yitu behauptet sogar, 1,5 Milliarden Gesichter abgleichen zu können. Diese Vorteile könne «kein anderes Land wettmachen», heisst es in einer Studie des Technologie-Investors Sinovation. «Künstliche Intelligenz wurde im Westen erfunden», schrieb die «MIT Technology Review», Zeitschrift der US-Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology, «aber ihre Zukunft nimmt gerade auf der anderen Seite der Welt Gestalt an.»

Zugang zu Datenbanken mit 500 Millionen Gesichtern: Die Software von Sensetime identifiziert Passanten. Bild: Reuters / Thomas Peter

Die Partei verspricht sich mehrfachen Nutzen. Ob in der Erziehung, im Gesundheitswesen oder in der Infrastruktur, die neue Technologie soll Probleme lösen, die Produktivität steigern und zum Turboantrieb der Wirtschaft werden. China investiert in fahrerlose Autos, in smarte Städte. Gleichzeitig soll die künstliche Intelligenz dem zentralisierten Apparat ein Feedback- und Steuerungsmechanismus sein, mit dem sich in Wirtschaft und Gesellschaft potenziell systemgefährdende Krisen vorhersagen lassen. KI werde eine «unersetzliche Rolle in der effektiven Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Stabilität» spielen, heisst es im amtlichen «Entwicklungsplan». Schliesslich verspricht KI den Traum aller autoritären Herrscher wahr werden zu lassen: die totale Kontrolle und Überwachung der Untertanen.

Die Polizei in Jinan stellt Fussgänger an den Pranger, die bei Rot über die Strasse gehen: Ihre Gesichter erscheinen auf einem Videobildschirm am Strassenrand.

Am meisten Schlagzeilen macht die Gesichtserkennung. Universitäten kontrollieren damit die Anwesenheit ihrer Studenten, Automaten im Pekinger Himmelstempelpark die sparsame Entnahme von Klopapier (60 Zentimeter gibt der Automat pro Gesicht frei). Die Verkehrspolizei in Shanghai schnappt mit Überwachungskameras Fahrer, die ohne Führerausweis unterwegs sind; die Polizei in Jinan stellt damit Fussgänger an den Pranger, die bei Rot über die Strasse gehen: Ihre Gesichter erscheinen auf einem Videobildschirm am Strassenrand – zusammen mit dem Namen und der Adresse. Ihr landesweites Kameranetz hat Chinas Polizei vor Jahren schon auf den Namen «Himmelsnetz» getauft, wahrscheinlich ganz ohne Ironie und ohne Anspielung auf die «Terminator»-Filme, in denen das Himmelsnetz («Skynet») ein ausser Kontrolle geratener Künstliche-Intelligenz-Organismus ist, dessen Ziel es ist, die Menschheit zu vernichten.

Eine Revolution, die das alte Regime zementiert

Und das Himmelsnetz ist nur ein Teil einer viel umfassenderen «Polizei-Cloud», der die Organisation Human Rights Watch (HRW) im November einen Bericht gewidmet hat. Die Polizei-Cloud, ein Projekt des Polizeiministeriums, sammelt demzufolge sämtliche Daten über Hunderte Millionen Bürger: Krankheitsgeschichten, Essensbestellungen, Kurierlieferungen, religiöse Neigung, Onlineverhalten, Flug- und Zugreisen, GPS-Bewegungskoordinaten und biometrische Daten, Gesicht, Stimme, Fingerabdruck, von 40 Millionen Chinesen auch schon die DNA. KI werde China helfen, «im Voraus zu wissen, wer ein Terrorist sein und wer Böses im Schilde führen könnte», sagte Li Meng, Vizeminister für Wissenschaft und Technologie. Chinas Behörden träumen von der Vorhersage zukünftiger Verbrechen, lange Stoff von Science-Fiction-Romanen und Filmen wie «Minority Report» (2002) von Steven Spielberg.

Ziel ist ein «Frühwarnsystem», das Alarm schlägt bei «unnormalem Verhalten» von Bürgern.

Nur: Was ist ein Verbrechen? Und wer gerät ins Visier in diesem Staat, in dessen offiziellen Stellungnahmen auch der Autor und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo nichts anderes war als ein «verurteilter Krimineller»? Ziel ist es, laut einer Notiz des Polizeiministeriums von 2014, ein «Frühwarnsystem» aufzubauen, das Alarm schlägt bei «unnormalem Verhalten» von Bürgern. In Dokumenten des Ministeriums finden sich als zu identifizierende Zielgruppe auch «Petitionäre», «Störer» und Leute, die «die gesellschaftliche Stabilität unterwandern». Jeder also, der der Partei in die Quere kommt. Oder in die Quere kommen könnte. Selbst wenn er es vielleicht noch gar nicht weiss.

Die grösste Umwälzung seit der Industrialisierung

Vordenker im Westen prophezeien der Welt die grösste Umwälzung seit der Industriellen Revolution. Chinas KP erträumt sich eine Revolution, die das alte Regime zementiert. Sie soll dann Hand in Hand gehen mit dem schon im Aufbau befindlichen «System des sozialen Vertrauens», einem Bonitätssystem, welches von 2020 an mithilfe von Big Data das wirtschaftliche, soziale und moralische Wohlverhalten und die Fehltritte eines jeden Bürgers in Echtzeit erfassen, über Algorithmen bewerten und sodann belohnen oder bestrafen soll.

«Uns allen bleibt nur mehr, den einen selben Gedanken zu denken. Alles andere Denken gebt bitte auf.»YouShan­DaBu, Essayist

In ganz China springen sie in diese Zukunft, eine öffentliche Debatte über staatliche Überwachung aber ist tabu. Zuletzt gab es im Netz zaghafte Diskussionen über Datenschutz und Privatsphäre – aber es ging dabei stets um kommerzielle Auswüchse, nie um den Staat. Wenn einer online ein paar Zeilen wagt über die «Gedankenkontrolle durch KI», wie vor Kurzem der Essayist YouShan­DaBu, löscht die Zensur das sofort.

«Die Durchleuchtung des gesamten Volkes ist Wirklichkeit geworden», hiess es in dem Aufsatz. «Keiner hat mehr irgendeinen Winkel, in dem er sich noch verstecken könnte. Uns allen bleibt nur mehr, den einen selben Gedanken zu denken. Alles andere Denken gebt bitte auf.» Keine Sorge, mahnte das Parteiblatt «Volkszeitung»: «Einige mögen sich bedroht fühlen durch eine Technologie, die praktisch jeden unters Mikroskop stellt. Aber die grosse Mehrheit fühlt sich sicher, weil sie die Technologie in guten Händen weiss.»

* Dieser Artikel erschien erstmals am 28. Juni 2018.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2018, 17:43 Uhr

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