«Die chinesische Regierung will Hongkong zerstören»

Ray Wong ist aus Hongkong geflohen und lebt als politischer Flüchtling in Deutschland. Er erläutert, warum das geplante Auslieferungsgesetz so grosse Proteste hervorruft.

Hunterttausende demonstrieren in Hongkong. (9. Juni 2019) Video: Tamedia

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Wenn es nach dem Willen der Regierung in Peking geht, dann soll Hongkongs Justiz künftig Verdächtige auf Ersuchen an die chinesische Justiz überstellen. Ein entsprechendes Auslieferungsgesetz sorgt gerade für heftige Proteste in Hongkong – am Wochenende demonstrierten Hundertausende dagegen.

Ray Wong (25) ist ein pro-demokratischer Aktivist, der heute in Deutschland lebt und dem als politischer Flüchtling Schutz gewährt wird. In der chinesischen Sonderverwaltungszone ist seine Flucht umstritten. Dort wird ihm vorgeworfen, zu gewalttätigen Protesten angestiftet zu haben. Aus Hongkong ist er geflohen, nachdem er auf Kaution freigekommen war. Im Interview erhebt er schwere Vorwürfe gegen Peking.

Herr Wong, warum haben Sie sich 2017 entschieden, in Deutschland Asyl zu beantragen?
Ray Wong: Deutschland ist bekannt für seinen Einsatz für Menschenrechte und hat in der Vergangenheit schon in China verfolgte Uiguren aufgenommen, die der muslimischen Minderheit in Westchina angehören.

Wurden Sie oder Ihre Familie bedroht, als Sie noch in Hongkong waren?
Im Februar 2016 wurde meine Mutter auf der Strasse von chinesischen Agenten gefragt, wie viel Geld sie und ich verlangen würden, damit ich aufhöre mit den Protesten. Als sie ihnen klargemacht hat, dass wir nicht bestechlich sind und sie auch keine Informationen über mich preisgeben wollte, haben sie ihr gedroht: Wenn ich nicht aufhören würde, würden sie mich kidnappen und aufs chinesische Festland bringen. Ständig sind uns Leute gefolgt, haben uns beobachtet und fotografiert.

Sie sind seit fast eineinhalb Jahren in Deutschland, aber erst jetzt haben Sie Ihren Fall öffentlich gemacht. Warum?
Der Grund ist das Auslieferungsgesetz mit Festlandchina, das Ende Juni in Kraft treten soll. Wenn dieses Gesetz verabschiedet wird, ist das das Ende des Prinzips «ein Land, zwei Systeme», das China bei der Übergabe vertraglich zugesichert hat. Unsere Demokratiebewegung wäre zerstört. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Aufmerksamkeit auf dieses Problem zu lenken.

«Wenn dieses Gesetz verabschiedet wird, ist das das Ende des Prinzips ‹ein Land, zwei Systeme›, das China bei der Übergabe vertraglich zugesichert hat», sagt Ray Wong: Demokratie-Aktivist Wong (links) spricht nach seiner Flucht nach Deutschland zu den Medien. (4. Juni 2019) Bild: AFP

Inwiefern hat das Gesetz Auswirkungen auf Ihren Fall?
Sollte meine Familie Kontakt zu mir aufnehmen, kann die chinesische Regierung behaupten, sie wäre ein Risiko für die Sicherheit des Landes. Peking muss nur sagen, dass ich ein Separatist bin. Dann kann es die Auslieferung meiner Familie fordern. Ich glaube, ich muss Ihnen nicht erklären, wieviel Unrecht es im chinesischen Rechtssystem gibt. Wenn das Abschiebegesetz in Kraft tritt, werde ich nicht nach Hongkong zurückkehren können.

Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, dass die chinesische Regierung in Hongkong zu viel Einfluss nimmt?
Ich habe 2012 angefangen, mich um die Lage in Hongkong zu sorgen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Regierung begonnen, an Schulen zu unterrichten, dass das kommunistische System besser ist als eine Demokratie. Es war für mich offensichtlich, dass Peking sich immer stärker einmischte.

Sie sind erst 25 Jahre alt, Ihr Mitstreiter Alan Li ist 27. Warum sind es vor allem junge Menschen, die sich gegen das System auflehnen?
Hongkong ist heute anders als zu Zeiten, als meine Eltern jung waren. Die Lage hat sich fast in allen Bereichen verschlechtert. Die Stadt hat ihre Einzigartigkeit verloren. Deshalb ist mein Verhältnis zu Festlandchina so schlecht. Ältere Generationen mischen sich auch deshalb nicht ein, weil viele von ihnen Schuldgefühle haben.

Warum das?
Die Generation meiner Eltern fühlt sich schuldig wegen des Tiananmen-Massakers 1989. Sie bereuen, dass sie den Demonstranten in Peking nicht helfen konnten. Ein erfolgreicher Protest hätte auch die Lage in Hongkong verbessert. Gleichzeitig haben viele weiterhin die Hoffnung, dass sich China doch noch demokratisiert.

Ihre Bewegung «Hong Kong Indigenous» vertritt deutlich radikalere Positionen als ein Grossteil der pro-demokratischen Aktivisten in Hongkong. Sie wollen nicht nur den Status Quo erhalten, sondern haben wiederholt die Unabhängigkeit der Sonderverwaltungszone gefordert. Das ist für Peking eine rote Linie.
Ursprünglich war unsere Forderung eine Abspaltung vom Festland. China wird Hongkong niemals die Demokratie bringen. Im Gegenteil: Die chinesische Regierung will Hongkong, so wie es heute ist, zerstören. Mittlerweile geht es uns aber vielmehr darum, Schlimmeres zu verhindern.

Viele pro-demokratische Aktivisten kritisieren auch gezielt Ihre nationalistischen Forderungen.
Uns wird häufig unterstellt, wir seien Nationalisten oder sogar Rassisten, aber das stimmt nicht. Meine Eltern kommen aus der Volksrepublik und sind nach Hongkong immigriert. Ich habe noch Familie dort. Alles, was wir von Migranten aus Festlandchina erwarten, ist, dass sie sich in unsere Gesellschaft integrieren. Hongkong steht für Werte wie Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wenn wir gegen das totalitäre System kämpfen wollen, ist das Bewahren unserer eigenen Kultur das Wesentliche.

Bei den von Ihnen organisierten Demonstrationen kam es bereits zu Kämpfen zwischen Ihnen und der Polizei. Sie werden beschuldigt, dazu angestiftet zu haben.
Das stimmt nicht. Die Polizei hat Pfefferspray eingesetzt und uns provoziert. Wir wollten nicht, dass die Situation eskaliert und sind zunächst auch nicht davon ausgegangen, dass die Polizei Gewalt anwenden würde. Beim ersten Mal bin ich durch das Pfefferspray sogar ohnmächtig geworden und wieder aufgewacht, als die Polizei in die Luft geschossen hat. Bei späteren Demonstrationen hatten dann einige von uns nur Schutzschilde aus Holz dabei, um sich zu schützen.

In einem Artikel, den Sie in der New York Times veröffentlicht haben, vergleichen Sie sich selbst mit dem religiösen Oberhaupt der Tibeter, dem 14. Dalai Lama und Friedensnobelpreisträger. Kommt Ihnen das nicht etwas übertrieben vor?
Die Tibeter werden von China unterdrückt. Etwas Ähnliches passiert auch in Hongkong, wenn auch nicht militärisch, sondern wirtschaftlich. Ich glaube, die Menschen aus den verschiedenen Regionen des Landes müssen sich zusammenschliessen. Dazu zählt auch der Austausch mit Staaten wie Taiwan, die ebenfalls unter dem Druck Pekings stehen. Die Kraft Hongkongs wird allein nicht ausreichen.

Erstellt: 09.06.2019, 19:48 Uhr

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