Wie schafft es Singapur an die Pisa-Spitze?

Schüler aus dem Kleinstaat sind die Überflieger im internationalen Vergleich. Das geht nur mit viel Druck von den Eltern.

Büffeln für die Zukunft – und das während der Ferien: Singapurische Primarschüler erlernen in einem Computerseminar problemlösendes Denken. Foto: David McLain (Laif)

Büffeln für die Zukunft – und das während der Ferien: Singapurische Primarschüler erlernen in einem Computerseminar problemlösendes Denken. Foto: David McLain (Laif)

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Später Nachmittag im Beauty World Centre: Nelly und ihre Mutter kommen die Rolltreppe herunter. Sie eilen vorbei an einer Imbissbar, die Laksa serviert, Singapurs Nationalgericht. Auf den vier Etagen des Einkaufszentrums reihen sich kleine Geschäfte wie Bienenwaben aneinander. Und überall laufen Eltern mit ihren Kindern durch die Gänge. Die meisten sind nicht zum Einkaufen gekommen. Sie haben jetzt auch keine Zeit, um die scharfe Nudelsuppe zu löffeln. Nelly und ihre Mutter steuern auf das Squirrel Learning Centre im Untergeschoss zu. Dort wird die Neunjährige von ihrem Privatlehrer erwartet. Ihr Schulpensum hat das Mädchen für diesen Tag absolviert. Doch eine Extrasitzung Englisch kommt jetzt noch obendrauf.

Viele singapurische Eltern schicken ihre Kinder zur Tuition oder zum ­Coaching. Mit Nachhilfe, wie man sie in der Schweiz kennt, ist dieses System nur unzureichend beschrieben. Ausserhalb der Schulen hat sich hier ein ­weitverzweigtes Paralleluniversum des Lernens entwickelt. Die Zentren heissen Aspire Hub, Mindlab oder Ignite. Grosse Schilder werben für die Zentren an jeder Ecke.

Singapur und seine Schüler wecken weltweites Interesse, seitdem sie in internationalen Schulvergleichen regelmässig als die Besten abschneiden. Im Dezember kamen die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie heraus, die Leistungen in den Naturwissenschaften, in Mathematik und im Leseverständnis bewertete. Der Spitzenreiter in allen drei Bereichen: Singapur. Wie lassen sich diese Erfolge erklären? Haben sie vielleicht mit den Tutoren zu tun? Oder gibt es dafür ganz andere Gründe? Wer im Stadtstaat nach Antworten sucht, trifft Schüler und Lehrer, Bürokraten und Professoren. Und natürlich Eltern, die Einblick geben in den Alltag ihrer Familien.

Zum Beispiel Nelia Yong, 43 Jahre, langes schwarzes Haar, kräftiges Make-up. Ihre Tochter Nelly hat sie pünktlich um fünf Uhr zum Tutor gebracht. Während das Mädchen lernt, hat Yong im Nebenzimmer Zeit zu erzählen. Aber zunächst möchte man doch wissen: Machen die Pisa-Ergebnisse die Singapurerin eigentlich stolz? «Als Mutter ist das zumindest ein beruhigendes Gefühl», sagt Yong. «Unsere Schulen scheinen doch vieles richtig zu machen.»

«Bin ich eine Tiger Mom?»

Und die Eltern? «Nun ja», sagt Nellys Mutter, «ganz sicher ist es so, dass wir sehr viel von unseren Kindern erwarten.» Natürlich kennt sie den schon etwas älteren Bestseller der US-Juraprofessorin Amy Chua, die beschreibt, wie sie ihre Töchter gedrillt hat. Und weshalb man Kinder gar nicht genug fordern könne, um ihnen Gutes zu tun. Findet sich Yong in dieser Rolle der Tiger Mom wieder? «Oh», sagt die Mutter etwas erschrocken und wiederholt die Frage: «Bin ich eine Tiger Mom? Ich nehme an, man könnte es so sagen. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich will gar keine sein.» Yong spricht nun viel vom «sozialen Druck», der auf ihr und Nelly laste. «Nachbarn, Freunde, Verwandte, ständig wollen alle wissen, welche Noten meine Tochter heimbringt.» Und sie muss sich ja nur umsehen in ihrer Wohnanlage im Westen der Stadt, wo Familien aus aller Welt leben. Amerikaner, Inder, Australier, Schweizer, Deutsche. Blickt sie aus dem Fenster hinunter in den Pool, spielen dort fast nur die Kinder der anderen Nationen. «Unsere Kids sitzen am Schreibtisch.»

Womit man wieder bei den Tutoren angelangt ist. Zu den Kindern mancher Nachbarn kämen wöchentlich bis zu fünf Privatlehrer ins Haus, erzählt die Mutter. Und wenn sie die Nachbarskinder doch mal im Wasser entdeckt, dann nie ohne Schwimmlehrer. Kraulen, Rücken, Brust. Planschen können die anderen.

Nelly geht nur einmal die Woche zu einem Tutor, aber die Mutter überlegt, ob das wirklich reicht, vor allem, wenn die Prüfungen am Ende der Grundschule anstehen. Die sind zwar erst in drei Jahren, Ende der sechsten Klasse. Aber alle Eltern wissen, wie wichtig sie sind. «Nelly spürt den Druck schon jetzt. Und ich auch.» Denn die Tests entscheiden darüber, wo die Kinder die Sekundarstufe absolvieren. Die Schulen wählen ihre Schüler nach Leistung aus. Das Ranking forciert den Wettlauf. «Meine Tochter kann froh sein, dass ich selber mit ihr so viel übe.» Yong hat Zeit dafür, weil sie nicht arbeitet und Nelly ihr einziges Kind ist. Fast immer aber arbeiten beide Eltern in Singapur, und die Kinder verbringen ihre freie Zeit mit Privatlehrern. Wenn die sechste Klasse naht, gibt es Mütter, die im Job pausieren, um die Kinder auf die Tests vorzubereiten. Andere zahlen monatlich Tausende Dollar, um die Kids fit für die Prüfungen zu machen. Das Business boomt: Die Singapurer geben inzwischen umgerechnet etwa 750 Millionen Franken im Jahr für Privatlehrer aus, fast doppelt so viel wie 2004. Etwa 70 Prozent aller Eltern buchen solche Extrastunden für ihre Kinder, berichtet die «Straits Times».

Yong sagt: «Bei uns glauben die Leute: Wenn du in der Schule nichts leistest, verspielst du deine Zukunft.» Dann ist der Zug abgefahren. Die Mutter hat dafür ein Wort: «Kiasu». Das ist Hokkien-Chinesisch und bezeichnet «die Angst, zu verlieren». Es gibt auch eine Website: Kiasuparents.com. Dort holen sich Eltern Tipps, wie man seine Kinder ganz nach vorne bringt. Denn es gibt keine schlimmere Horrorvorstellung als diejenige, dass die Kinder abgehängt werden.

Aber kann man nicht auch später noch die Kurve kriegen, wenn es in der Schule mal nicht läuft? Wer in Singapur diese Frage stellt, blickt in verwunderte Gesichter. Eltern sind hier überzeugt, dass der Privatunterricht unerlässlich ist.

Aber was sagen Experten? Besuch im Singapurer Erziehungsministerium. Es empfängt Ridzuan Rahim. Kariertes Hemd, gestutzter Bart, lebhafte Augen. Der Beamte ist Spezialist für den Mathematik-Lehrplan, und er warnt vor einfachen Antworten. Der Nutzen des Privatunterrichts sei gar nicht umfassend erforscht. Er will sich in dieser Frage nicht festlegen. Er hat gesehen, dass dies von Kind zu Kind sehr unterschiedlich ausfallen kann. Die sagenhafte Expansion von Tuition betrachtet Rahim mit einiger Skepsis. Schliesslich müsse es auch noch eine gute Balance im Leben geben.

Tränen nach dem Test

Balance? Samstagmorgen, ein schlichter Wohnblock, silberner Aufzug, vierter Stock, rechts. Auf dem Balkon sitzt Kayleigh, langes schwarzes Haar, Brille, Trainingsanzug. Sie ist 14 und hat eine Mutter, die ihr nicht jeden Tag Privatunterricht verordnet. Weil Kayleigh auch ohne Extrastunden eine gute Schülerin ist und gern lernt. Von freiem Wochenende kann sie trotzdem nur träumen. Sie listet auf, was bis Sonntagabend noch zu erledigen ist. Essay in Englisch, Schreibübungen in Chinesisch, dazu Chemie, Mathe, Physik und so weiter. «Ich habe wirklich sehr wenig Zeit für andere Sachen als die Schule.» Wenn doch mal Luft ist, kocht sie gern. Am liebsten Nudeln mit Chili und Knoblauch. Andere Hobbys? «Schwimmen und Gitarre.» Mit Coach, versteht sich.

Kayleighs Eltern mischen sich nicht stark ein, solange die Tochter gut mitkommt. Aber bei ihren Freundinnen sehe das anders aus. «Die kriegen echt Druck.» Innerhalb ihrer Klasse herrsche starker Wettbewerb. Durchhängen ist keinesfalls cool, sondern peinlich. «Verhaut meine Freundin mal einen Test, fliessen Tränen.» Kayleigh weiss sogar von Eltern, die zu Hause gelegentlich den Rohrstock schwingen, wenn es mit den Noten der Kinder hapert.

Auch in Schulen sind körperliche Züchtigungen noch erlaubt. Schüler, Eltern und Lehrer sagen, dass so etwas sehr selten vorkomme. Was sich aber nicht übersehen lässt: Singapurs Kinder arbeiten alle sehr hart. Erklärt das die Spitzenergebnisse? Experten glauben, dass es komplizierter ist. Sicher ist, dass stures Auswendiglernen die Erfolge nicht bringen kann, denn die internationalen Tests fragen kein eingepauktes Wissen ab, sondern fordern problemlösendes Denken. Und das scheint das singapurische System gut zu fördern. Weil Schüler in Mathematik auch lernen, zu begreifen, was sie rechnen, und wofür es gut ist.

Davon erzählt auch der Mathematiker Rahim im Singapurer Ministerium. Wer sich eine Weile mit ihm unterhält, merkt bald, dass er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, er kann sich begeistern für sein Fach. Und Rahim sagt: «Jeder Mensch kann Mathematik lernen, davon bin ich überzeugt.» Es komme nur darauf an, wie man es lehrt. Singapur sucht konsequent nach guten Methoden und baut sie in den Unterricht ein. Singapurs Lehrer unterrichten pro Woche weniger Stunden als die Lehrer in vielen anderen Ländern, dafür haben sie mehr Zeit, sich fortzubilden. Lehrer ist ein angesehener Beruf, der Zulauf gross. «Wir können nur die besten 30 Prozent nehmen», sagt Charles Chew, Experte für Lehrerfortbildung an der Academy of Singapore Teachers. Die Besten seien aber nicht diejenigen, die nur akademisch glänzen. Kandidaten müssten den Stoff eben auch so vermitteln können, dass man ihn begreift. Klingt banal, führt aber doch zum Kern eines erfolgreichen Systems.

Einblick in den Unterricht

Ums Begreifen geht es auch am Montagmorgen in der Woodgrove Primary School, im Norden der Stadt. Einblick in den Unterricht der 6. Klasse. Das Ministerium hat die Stunde gewählt, um ein Beispiel zu zeigen, wie sich Mathematik anschaulich unterrichten lässt. Draussen prasselt der Regen, drinnen hat um 8.30 Uhr der Unterricht begonnen. Die Kinder packen Alltagsgegenstände aus, die nun gleich vermessen werden. Müesli-Dosen, Flaschen, DVDs. Aber erst mal hören sie das Abenteuer vom Drachen Pi.

Es war einmal ein Ritter namens Sir Cumference, der hatte einen Sohn Radius. Der Vater wird krank und schluckt aus Versehen die falsche Medizin, weshalb er sich in ein Ungeheuer verwandelt. Radius und seine Freunde müssen nun ein Rätsel lösen, um den Vater in einen Menschen zurückzuverwandeln. So stossen sie auf eine Aufgabe: Sie müssen die magische Zahl Pi finden. Die Kids nehmen also ihre Dosen, sie messen deren Umfang (Englisch: Circumference) und Durchmesser. Dann dividieren sie und tragen ihre Ergebnisse in Listen ein. Die Zahl, die sie finden, ist immer etwa 3,14. Sie arbeiten in Gruppen, manchmal greift die Lehrerin zum Mikrofon, denn die Klassen sind gross. 40 Schüler sind die Norm ab der vierten Klasse, aber das bremst den Erfolg nicht.

Sicher lässt sich nicht alles in Mathematik auf solche Weise begreifen. Aber das Prinzip, Anschauung und Abstraktion miteinander zu verknüpfen, helfe doch fürs Verständnis und bilde eine Basis für problemlösendes Denken, erklärt Rahim. Nun ist es allerdings auch nicht so, als entwerfe Singapur das alles selbst. Die Bildungsexperten des Staates reisen viel, sie sammeln weltweit ein, was nützlich erscheint. Die Abenteuer von Sir Cumference zum Beispiel hat eine Kalifornierin geschrieben.

Und wie erklärt sich Rahim den kollektiven Ehrgeiz in seinem Staat? «Singapur ist klein», sagt er. Das Land hat keine Ressourcen. «Wir sind angewiesen auf das, was da oben passiert», sagt Rahim und tippt sich an die Stirn. Wie sonst sollte Singapur in der Welt bestehen? In nur fünfzig Jahren hat sich Singapur von einem kolonialen Hafen unter britischer Herrschaft zu einem der wohlhabendsten Staaten entwickelt. Mit Fleiss und harter Arbeit und einem strikten politischen System, das die Freiheiten des Einzelnen begrenzt, wo immer es solche Schritte zum Erhalt des Gemeinwohls für nötig erachtet. Aber Rahim sagt auch: «Bei uns hat sich der Gedanke durchgesetzt, dass jeder, der hart arbeitet, etwas erreichen kann.» Von Fatalismus keine Spur. Von Lässigkeit und ­Entspannung aber auch nicht.

Erziehungswissenschaftler Jason Tan, der am National Institute of Education lehrt, blickt mit gemischten Gefühlen auf den Erfolg. Einerseits freut er sich, dass Singapurs Schüler auf breiter Front ein so hohes Niveau erreichen. Andererseits spricht er auch über den Preis, den die Gesellschaft zahlt. Der Druck erzeuge Ängste. Und in der globalisierten Welt würden sie immer grösser. «Nun haben Eltern schon das Gefühl, ihre Kinder konkurrieren nicht nur innerhalb ihres Staates, sondern mit der ganzen Welt.» Über das Geschäft mit dem Privatunterricht sagt Tan: «Das ist völlig ausser Kontrolle geraten.» Der Staat hat das längst erkannt. Doch ist es gar nicht leicht, gegenzusteuern. Tigermütter lassen nicht so schnell locker.

Erstellt: 17.02.2017, 23:39 Uhr

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