Zum Hauptinhalt springen

Die Macht des inneren Friedens

Auf Betreiben der indischen Regierung findet am Sonntag erstmals der internationale Yogatag statt. Mit den Übungen will Premier Modi für sein Land werben.

Indien kann positive Bilder brauchen: Ein Muslim meditiert in einem Park in Mumbai. Foto: Divyakant Solanki (EPA, Keystone)
Indien kann positive Bilder brauchen: Ein Muslim meditiert in einem Park in Mumbai. Foto: Divyakant Solanki (EPA, Keystone)

Ach, was lastet nicht alles auf einem indi­schen Beamten. Seitdem Premier­minister Narendra Modi Schwung in die verstaubten Amtstuben bringen möchte, haben es die Staatsdiener nicht leicht: Schneller sollen sie werden, genauer, fleissiger, ehrlicher, freundlicher. Und nun auch noch das? Sich verbiegen und verknoten im Namen des inneren ­Friedens?

Morgen Sonntag ist Internationaler Yogatag. Viele Inder freuen sich darauf, manche macht der Tag auch nervös. Ist ja nicht jeder der geborene Asket, nicht einmal in Indien. Auch dort vergrössert westlicher Fast Food die Bauch­umfänge. Und längst nicht alle marschieren morgens früh um fünf in den Park, um sich fit zu halten. Oder betreiben Yoga, wie ihr Premier Narendra Modi. Unter seinem wachsamen Auge sollen die Beamten also um sieben Uhr früh am Sonntagmorgen für 35 Minuten ihre Matten ausrollen und sich in Yoga vertiefen. Da will keiner eine schlechte Figur machen, auch wenns wehtut.

Das Wort Yoga hat seine Wurzel im ­alten Sanskrit. Es bedeutet zusammenführen oder verbinden. Yoga zielt auf die Einheit von Körper und Geist, es soll inneren Frieden bringen. Am Sonntag werden sich die staunenden Augen der Welt auf die Wiege des Yoga richten, um zu sehen, wie das alles geht.

Ein Mittel der Weltdiplomatie

Eingefädelt hat das alles Modi. Auf seinen Antrag hin haben die Vereinten Nationen den 21. Juni zum Internationalen Yogatag erhoben. Nun möchte der Regierungschef, dass seine Nation bei der Selbstfindung auch richtig glänzt. Zum Haupttreffen am Rajpath, dem königlichen Boulevard von Delhi, werden mindestens 35'000 Staatsdiener und Bürger erwartet. In 650 Distrikten laufen Vorbereitungen. Eine «starke inspirierende Botschaft in die Welt» wünscht sich Modi. Selbst die Flotte macht sich bereit und hofft, dass die Matrosen auf den Wellen schön ihr Gleichgewicht halten.

Mit der Massenübung hofft Indien auf einen Eintrag ins «Guinnessbuch der Rekorde», aber hinter der Kampagne steckt mehr: Modi hat Yoga als Mittel der Weltdiplomatie entdeckt. Und vermutlich gibt es gar kein besseres Vehikel, um Sympathie und Respekt für sein Land zu wecken. Der Staat kann positive Bilder und einen Diskurswechsel gut gebrauchen. Yoga kommt gerade recht, nach all den Meldungen über Gewalt gegen Frauen, über grassierende Korruption, verkrustete Bürokratie und stockende Reformen.

Da ist es kein Zufall, dass Aussenministerin Sushma Swaraj Yoga als Indiens «Soft Power» preist. Den Begriff verwenden Politologen, um zu beschreiben, wie Länder ihren Einfluss jenseits militärischer oder ökonomischer Stärke ausweiten. Sie suchen nach Mitteln der weichen Macht, etwa indem sie mit kulturellen Eigenheiten in die Welt ausstrahlen. Offenbar ist Indiens oberster Yogadiplomat Modi entschlossen, diese Möglichkeiten auszureizen.

Narendra Modi, Premierminister und Yogadiplomat. Foto: Keystone
Narendra Modi, Premierminister und Yogadiplomat. Foto: Keystone

Modi selbst nennt Yoga «Indiens Geschenk an die Welt». Das klingt selbstlos, lässt aber auch keinen Zweifel aufkommen: Indien will als gewichtige Kulturnation die Welt mitgestalten und als ein Land gelten, das die Selbstfindung und menschliche Balance zu wahrer Meisterschaft gebracht hat. Dass Yoga ein erfolgreicher Exportartikel ist, lässt sich schon längere Zeit beobachten. Auf allen Kontinenten boomen Yogastudios, viele Leute sehnen sich nach dem heilsamen Einklang mit sich und der Welt. Und sie setzen auf Yoga.

Modi wirbt am liebsten mit eigenen Erfahrungen. «Ich praktiziere Yoga seit Jahren, und Sie glauben gar nicht, welch positiven Unterschied das in meinem Leben machte. Yoga ist der Anker meines Lebens.» So hat er das per Twitter beschrieben, er liebt das pädagogische ­Pathos, mit dem er in der Öffentlichkeit das Bild vom willensstarken Asketen und Gesundheitsguru stärken will.

Andere, die ihn als wichtigen Partner umgarnen, helfen ihm bei der Imagepflege. Als Modi den US-Präsidenten besuchte, fastete der Inder und nippte beim Dinner nur tapfer an seinem warmen Wasser. Barack Obama war beeindruckt, er lobte Modis «Energie und Elan». Der Gast aus Asien erklärte seinerseits, was ihn so weit gebracht hat: Yoga natürlich, was sonst.

Ehre sei dir, Sonne

Im eigenen Land will Modi die Yogakampagne nutzen, damit sich seine Nation stärker auf die eigenen Traditionen besinnt. Sogar das Amt eines Yogaministers hat er dafür geschaffen. Nun ist es aber auch nicht so, dass alle davon begeistert sind. Die mangelnde Wendigkeit mancher Beamter ist dabei vielleicht noch die geringste Sorge Modis, obwohl die Regierung schon seit Wochen warnt, dass mangelnde Übung den Rekordversuch gefährden könne. Damit wurde jeder an seiner Ehre gepackt. Ein junger Verwaltungsbeamter sagte ganz unverblümt: «Wenn der Premier kommt und die Beamten fehlen, dann ist das schlecht für ihre Karriere.»

In den Reihen religiöser Minderheiten regt sich Kritik an der geplanten Massenübung. Christen in Kerala beklagen, dass die Übungen an einem Sonntag stattfänden, an dem sie ihre Messe feiern. Muslime wehren sich gegen den sogenannten Sonnengruss, eine Übung namens «surya namaskar». Ehre sei dir, Sonne. Muslime sehen das als eine Form des hinduistischen Gebets, das ihnen verboten sei. Sie verehrten als einzigen Gott Allah.

Vrikshasana, Bhadrasana, Vakrasana

Intellektuelle stören sich am Kampagnencharakter und der staatlichen Einladung, die fast wie eine Anordnung wirke. Andere fürchten, dass die uralte Kunst des Yoga von Hindu-Eiferern vereinnahmt werden könnte. Und sie haben gehört, wie ein Abgeordneter der regierenden Partei BJP, Yogi Adityanath, die Kritiker attackierte. Wer den Gruss der Sonne nicht mitmachen wolle, solle doch «im Ozean ersaufen», giftete er.

Die Regierung will vermeiden, dass Streitigkeiten den Tag überschatten. So hat sie den Sonnengruss als Übung aus dem offiziellen Programm gestrichen. Jetzt heisst es sogar, dass der Premier selbst gar nicht mitmacht. Stattdessen halte er eine Rede. Dass Modi nur zuschaut, können sich viele aber nicht vorstellen. Unterdessen twittert der Premier fleissig weiter: Vrikshasana, Bhadrasana, Vakrasana. Yogaübungen, was sonst.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch