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«Die Möglichkeit zum Rückzug? Jetzt oder nie»

Osama Bin Ladens Terror hat zum internationalen Militäreinsatz in Afghanistan geführt. Was bedeutet sein Tod nun für den Verbleib von Soldaten aus den USA oder Grossbritannien am Hindukusch?

Die Nato will in Afghanistan bleiben: US-Soldat in Kandahar kurz nach einem Selbstmordattentat, April 2011.
Die Nato will in Afghanistan bleiben: US-Soldat in Kandahar kurz nach einem Selbstmordattentat, April 2011.
Keystone

Nachdem die Tötung bin Ladens durch US-Spezialkräfte bekannt wurde, stellte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen umgehend klar, dass der Afghanistan-Einsatz noch lange nicht beendet sei. Doch einige Beobachter erwarten, dass in manchen Staaten die Debatte um einen beschleunigten Truppenabzug nun wieder verstärkt geführt wird.

«Der Ausgangspunkt für die Intervention in Afghanistan war Bin Laden», erinnert François Heisbourg von der Pariser Stiftung für strategische Forschung (FRS). «Mit seinem Tod wird es immer schwerer, diese Truppenpräsenz zu rechtfertigen, unabhängig von der Lage vor Ort.» Besonders in Europa werde von den Bevölkerungen beständig der Abzug der Soldaten aus Afghanistan gefordert. «Das wird sich jetzt verstärken», erwartet Heisbourg.

«Veränderte Gesamtlage»

Bin Laden gilt als Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Als Reaktion auf die Terrorangriffe griff eine US-geführte Staatenkoalition die in Afghanistan verschanzten Radikalislamisten um den Saudiaraber an. Der Einsatz ging an die internationale Afghanistan-Truppe ISAF unter Kommando der Nato über. Insgesamt kommandiert die Nato noch 140'000 Soldaten in Afghanistan; Deutschland stellt rund 4800 Bundeswehrsoldaten.

Der Tod bin Ladens «ändert auf jeden Fall die Gesamtlage», sagt Heisbourg. «Wenn nach der Möglichkeit für einen Rückzug gesucht wird, dann jetzt oder nie.» Die Nato beginnt dieses Jahr damit, die Verantwortung für die Sicherheitslage in Afghanistan an die einheimischen Kräfte zu übergeben. Dies soll allerdings erst Ende des Jahres 2014 abgeschlossen werden.

Innenpolitischer Schachzug

Im Nato-Hauptquartier wird gehofft, dass die derzeit noch an dem ISAF-Einsatz beteiligten Länder solange durchhalten. Der Druck der öffentlichen Meinung und leere Staatskassen lassen einen Truppenabzug zu einem Schachzug werden, mit dem sich innenpolitisch punkten lässt.

Die Niederlande zogen ihre Kampftruppen bereits 2010, um diese durch Ausbilder für die afghanischen Sicherheitskräfte zu ersetzen. Kanada plant diesen Schritt in den kommenden Monaten, Polen im nächsten Jahr. Der Bundestag verlängerte den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan im Januar um ein weiteres Jahr. Neu an dem Mandat ist aber eine festgeschriebene Abzugsperspektive ab Ende 2011, wenn die Lage vor Ort dies zulässt.

Nato will in Afghanistan bleiben

Rasmussen beglückwünschte die USA zur Tötung Bin Ladens. Er ahnt aber wohl auch, dass in manchen Ländern dadurch der Afghanistan-Einsatz wieder in die Diskussion geraten könnte - selbst wenn Bin Laden und al-Qaida dort gar nicht mehr als die treibenden Kräfte gelten, sondern die einheimischen Taliban.

«Die Nato-Verbündeten und ihre Partner werden ihren Einsatz fortsetzen, um sicherzustellen, dass Afghanistan nie wieder ein sicherer Zufluchtsort für Extremismus wird», bekräftigte Rasmussen daher vorsorglich. Allerdings wird von einem Nato-Vertreter auch eingeräumt, dass an dem Einsatz beteiligte Länder nun «Versuchungen» ausgesetzt könnten sein, ihre Truppen abzuziehen.

«Für die Europäer ging es nicht darum, Bin Laden zu finden»

Nach Ansicht der Sicherheitspolitikexpertin Constanze Stelzenmüller sind diese Befürchtungen unbegründet. «Ich denke nicht, dass es für die europäische Öffentlichkeit bei dem Afghanistan-Einsatz darum geht, Bin Laden zu finden.» Die Politikwissenschaftlerin vom German Marshall Fund of the United States erwartet daher auch keine Folgen des Todes von Bin Laden für eine Abzugsdebatte: «Dafür hat er schon eine ganze Weile keine zentrale Rolle mehr gespielt.»

Die öffentliche Reaktion in Deutschland scheint diese Einschätzung nur teilweise zu bestätigen: Einerseits führte die Tötung Bin Ladens zunächt dazu, dass die Diskussion um eine Verlängerung der Anti-Terror-Gesetze noch hitziger geführt wurde. Andereseits forderte der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele in einem Zeitungsinterview bereits, Bin Ladens Tod als «Schlusspunkt» des Afghanistan-Einsatzes anzusehen.

AFP/lcv

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