So will China die Menschen zum Recycling erziehen

Indoktrination in der Schule, Bussgelder, Gesichtserkennung: Peking ruft die grosse Müllrevolution aus.

Die strengste Mülltrennung der Welt: Kinder lernen in der Schule die Regeln des neuen Abfallsystems. Foto: Imagechina

Die strengste Mülltrennung der Welt: Kinder lernen in der Schule die Regeln des neuen Abfallsystems. Foto: Imagechina

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Wenn Gu Zhongming morgens zur Arbeit kommt, warten meist schon aufgebrachte Anwohner auf ihn. An diesem Morgen ist es eine Frau im pinkfarbenen Schlafanzug: «Wenn es einen Funken gibt», sagt sie, «dann fliegt hier alles in die Luft!» Sie zeigt auf einen Berg aus Sperrmüll, der sich neben der Heizgasanlage des Wohnblocks stapelt. Daran ein Schild: «Vorsicht, Explosionsgefahr». Gu lächelt tapfer.

60 Milliarden Einwegstäbchen

Seit Wochen wachsen die Müllberge in Shanghai in den Himmel. Gu Zhongming nennt das Chaos «Rettungsaktion». Es geht um 27'000 Tonnen Haushaltsmüll, die allein in Shanghai jeden Tag anfallen. Je reicher ein Land, desto mehr Abfall erzeugt seine Bevölkerung. Schon heute ist die Volksrepublik der grösste Verschmutzer der Weltmeere. Der Jangtse spült mehr Plastikmüll ins Meer als jedes andere Gewässer. 60 Milliarden Einwegstäbchen verbrauchen die Chinesen jedes Jahr. Aber verzichten, das wolle niemand, sagt Gu.

Er ist jetzt 70, als er jung war, ging er mit einer Rattantasche zum Einkaufen. Heute bekommt er beim Markt vier Plastiktüten, für jedes Gemüse eine. Drei Milliarden Plastiktüten verbraucht das Land – jeden Tag. Mittags kommt das Essen per Lieferdienst. Gu erzählt von den Jungen im Wohnblock, bei denen viermal am Tag Paketboten klingeln. Ihre Kartons stapeln sich vor seinen Füssen. Die meisten Menschen hätten kein Verständnis für Umweltbewegungen wie in Deutschland, sagt Gu, der schon mal in Europa war. Wolle man so sauber werden wie dort, könne die Regierung nicht darauf warten, dass die Menschen umdenken. Für die meisten ist Recycling ein Fremdwort. Die Regierung, sagt Gu, musste also durchgreifen.

Bussen und Minuspunkte: Wer nicht recyclet, den bestraft die Regierung. Foto: Keystone

Der Müll muss jetzt in schwarze, rote, blaue und braune Tonnen. Unterschieden wird zwischen nassem und trockenen Müll, Gefahrgut und wiederverwertbaren Materialien. Wer sich nicht daran hält, dem drohen Geldstrafen und Minuspunkte beim Sozialkredit, mit dem Peking die Bevölkerung aufgrund ihres Sozialverhaltens und ihrer politischen Haltung bewerten will.

Damit die Menschen sich an das neue System halten, hat die Stadt 30'000 Aufpasser rekrutiert.

Seitdem ist Chaos an den Mülltonnen: Hühnerknochen gehören in den nassen Müll. Austern in den trockenen. Eierschalen in den nassen. Telefonbatterien sind Gefahrgut. Alte Batterien seltsamerweise Trockenmüll. Damit die Menschen sich an das neue System halten, hat die Stadt 30'000 Aufpasser rekrutiert. Rentner Gu ist einer von ihnen. Jeden Tag steht er vier Stunden im Hof und bewacht die Tonnen.

Kurz vor Dienstbeginn isst er noch schnell ein paar Löffel Lotussamensuppe. Es ist sieben Uhr morgens, und es sind bereits mehr als 30 Grad. Noch bevor Gu an den Containern angekommen ist, kann er den Müll riechen. Die Müllabfuhr ist gestern nicht gekommen. Die meisten Tonnen sind voll. Zwischen dem Berg aus Sperrmüll und dem Gebäude, in dem die Heizgasanlage steht, ist nur noch ein schmaler Weg frei. Die Bewohner können nur einzeln zu den Mülltonnen gehen.

Am Eingang zum Müllsammelplatz steht ein älterer Mann mit nacktem Oberkörper. Jaja, Recycling sei wichtig, sagt er. Aber die Partei sollte ihrer aller Leben doch eigentlich bequemer machen. «Ist es bequem, dass Menschen hundert Meter laufen müssen, um ihren Müll wegzubringen?» Er sei über 75 Jahre alt und herzkrank. «Es braucht einfach eine bessere Infrastruktur», sagt ein anderer. Dieser Sammelpunkt sei doch viel zu klein und zu dreckig. «Aber wenn die Partei uns zwingt, machen wir es mit Absicht schlecht.»

Eimer mit Gesichtserkennung

Gu Zhongming ist der Aufstand eher unangenehm. Normalerweise sei es viel ordentlicher hier, sagt er. Aber im Sommer würden viele renovieren, deswegen der Sperrmüll. Und die vollen Tonnen? Die würden sicher bald abgeholt. Auf seinem Handy hat er ein Dokument der lokalen Regierung abgespeichert. Seine Nachbarschaft sei als vorbildlich bei der Sortierung ausgezeichnet worden. Im Stadtteil hätten sie es sogar auf Platz zwei geschafft.

40 Jahre hat Gu am Fliessband eines Staatsunternehmens Dieselmotoren zusammengeschraubt. Seitdem ist er Parteimitglied. Anfangs bekam er wie jeder Arbeiter 36 Yuan im Monat. Heute ist das der Preis für einen Cappuccino in Shanghai. Er bekommt jetzt 6000 Yuan Rente, 760 Euro. Eigentlich genug Geld, um den Ruhestand zu geniessen. Aber im November hatte er sich als Freiwilliger für Chinas grosse Müllrevolution gemeldet. Fast alle pensionierten Parteimitglieder im Viertel haben mitgemacht. 20 Stunden dauerte der Kurs. Er lernte, wohin die Eierschalen gehören und in welchen Eimer die Damenbinden. Auch wenn ihn niemand hier fragt, wo was hingehört. Meist schimpfen die Leute nur über die Sauerei.

Mit den Müllsündern ist Gu Zhongming an diesem Morgen gnädig. Natürlich, die meisten sind Nachbarn, Freunde, Bekannte. Mit fast jedem redet er, fragt nach der Familie, unterhält sich über Aktivitäten im Seniorentreff. Dort gibt es jeden Tag Gymnastik, Filmvorführungen, an einigen Tagen Mathematik- und Wissenschaftskurse. Aber das wichtigstes Thema ist gerade die Mülldiktatur, wie einige sie nennen.

Freiwillige sollen jeden Regelbruch anzeigen

Jeder Bewohner hat einen Ausweis, auf dem ein QR-Code aufgedruckt ist. Über die App der lokalen Behörden scannt Gu den Code. Wer seinen Müll rechtzeitig und richtig sortiert bringt, bekommt Punkte gutgeschrieben, die dann über eine andere App gegen Produkte wie Shampoo und Seife eingetauscht werden können. Gu scannt. Egal, was die Leute in ihren Tüten haben und in welche Tonne sie es werfen.

Dabei sollen die Freiwilligen jeden Regelbruch anzeigen. Mehr als zehntausend Strafen sollen in Shanghai bereits verhängt worden sein. Wer sich nicht an die Vorschriften hält, dem drohen Bussen. Prominentestes Opfer war in den ersten Tagen das Swissôtel Grand Shanghai, ein Fünfsternhaus im Zentrum der Stadt, in dessen Recyclingmüll die Polizei Papiertaschentücher fand. Es gab eine Verwarnung. In Peking hat die Regierung im Juli Mülleimer mit Gesichtserkennungssoftware aufstellen lassen, um Übeltäter zu identifizieren.

700 Familien leben in der Siedlung, für die Gu Zhongming zuständig ist. Der Abfall bestimmt jetzt ihren Tagesablauf. Alle schlingen ihr Essen runter, weil sie nach der Arbeit kochen und dann den Müll runterbringen müssen. Unternehmer haben den Bedarf erkannt. 30 Yuan kostet es im Monat für einen Bewohner im Erdgeschoss, sich den Müll wegbringen zu lassen. 40 Yuan in den ersten beiden Stockwerken, 50 Yuan in höheren – sechs Franken.

Der Einzige, der die Regeln versteht

Wer Fehler macht, müsste eigentlich festgesetzt werden. Gu hat das noch nie gemacht, auch wenn überall Kameras hängen und er an diesem Morgen den halben Block bestrafen könnte: Kokosnussschalen landen mit Maisblättern und Schalentieren im nassen Müll, kleine Tierknochen und Hummerschalen im trockenen. Gu sagt: «Wir lassen es ruhig angehen.»

Ob die Nachbarn ihren Müll richtig sortieren, kann er von seiner Position aus sowieso nicht sehen. Wenn jemand keine Lust aufs Sortieren hat, kümmert sich ein Mann in einem grauen Overall. Er scheint der Einzige zu sein, der die Regeln des neuen Systems versteht. Er fischt fast jede Tüte wieder aus dem Müll und sortiert sie um.

Gu Zhongming kennt nicht mal den Namen des Arbeiters. Der Rentner steht in grauer Anzughose und weissem Hemd am Eingang, in sicherem Abstand zum Gestank. Ein-, zweimal kickt er ein paar Kartons weg, das war es. Sonst fasst er den Müll nicht an. Um 9 Uhr kommt endlich die Müllabfuhr. Gu geht nach Hause, um sich auszuruhen. Abends muss er wieder fit sein. Um 18 Uhr geht die Revolution weiter.

Erstellt: 28.09.2019, 22:23 Uhr

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