«Die Taliban können jederzeit zuschlagen»

Mit der Eroberung der Grossstadt Kunduz ist den Taliban ein Coup gelungen, sagt Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig. Schuld an der jüngsten Entwicklung sei auch das westliche Militärbündnis.

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Erstmals seit 14 Jahren erobern die Taliban eine Grossstadt in Afghanistan. Was bedeutet das?
Für die Taliban ist das ein grosser Schritt nach vorn. Bislang haben sie nur kleinere Zentren erobert und dann oft nicht lange halten können. Wir können momentan natürlich nicht voraussagen, wie dauerhaft diese Eroberung sein wird. Aber alleine die Tatsache, dass den Taliban dieses Unterfangen gelungen ist, gegen einen zahlenmässig viel grösseren Gegner, ist eine Überraschung. Eine Überraschung, die aus zwei Gründen nicht hätte sein dürfen. Einerseits hatten die Taliban bereits im April Kunduz angegriffen, die Sicherheitskräfte hätten also gewarnt sein müssen. Andererseits ist der erneute Angriff kurz nach dem islamischen Opferfest erfolgt. Die lokalen Verantwortlichen haben schlicht geschlafen. Der Gouverneur war auf Auslandsreise, der Polizeichef war auch nicht präsent.

Weiss man etwas über die Motive der Taliban? Ist die Eroberung von Kunduz ein symbolischer Akt oder wollen sie sich dauerhaft in Kunduz festsetzen?
Es gibt keine Statements der Taliban, die eindeutige Schlüsse zulassen. Aber alleine die symbolische Wirkung der Eroberung und des Haltens der Stadt während mindestens zweier Tage ist enorm. Ob sie sich längerfristig festsetzen können, bleibt abzuwarten. Taktisch sind sie jedenfalls sehr klug vorgegangen. Mit den Taliban ist die Zivilbevölkerung in der Stadt. Gegenangriffe werden dadurch schwierig. Sie könnten grosse Zerstörung anrichten und viele zivile Opfer fordern. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung ist bereits sehr stark untergraben und könnte noch weiter abnehmen.

Die Vorgänge erinnern an den Irak. Dort haben wenige Hundert Kämpfer des Islamischen Staates einen zahlenmässig weit überlegenen Gegner aus grossen Städten vertrieben. Warum ist das auch in Afghanistan möglich?
Dahinter stecken strukturelle Probleme. Die westliche Allianz hat beim Wiederaufbau der afghanischen Streitkräfte zu stark auf Quantität statt auf Qualität gesetzt. Es gibt nur wenige kampferprobte Einheiten. Und die werden derzeit im Land von Schwerpunkt zu Schwerpunkt geschickt. Es wird ja nicht nur in Kunduz gekämpft, sondern auch in vielen anderen Provinzen. Die Eliteeinheiten gelangen dadurch schnell an ihre Grenzen, was möglicherweise auch eine Strategie der Taliban ist.

Kunduz ist also kein Einzelfall. Wie ist die Lage im Allgemeinen?
Kunduz ist insofern speziell, als es sich um die erste eroberte Grossstadt handelt. Aber die Taliban haben ihre militärischen Aktivitäten in den letzten Jahren laufend verstärkt. Bislang konzentrierten sie sich auf die ländlichen Gebiete. Die afghanische Regierung hat immer behauptet, die Taliban seien nicht in der Lage, urbane Zentren oder wichtige Verkehrsrouten zu übernehmen. Diese Einschätzung muss jetzt sicher überdacht werden. Auch weil die Taliban in diesem Jahr bereits die Kontrolle mehrerer Distriktzentren übernommen haben. Afghanistan hat 34 Provinzen und etwa 400 Distrikte. Die Taliban kontrollieren sieben bis zehn Distrikte. Das hört sich nach wenigen an. Aber in der Realität herrschen sie in vielen weiteren Distrikten überall ausser dem Zentrum.


Zum Vergrössern der Karte hier klicken.

Eine Karte des amerikanischen Institut for the Study of War zeigt eine Übersicht der Attacken der Taliban in Afghanistan seit April 2015. Hellorange unterlegt sind jene Zonen, in denen die Taliban stark präsent sind. Es sind mehrheitlich ländliche Gebiete. Laut dem Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig ist die Lage allerdings weit komplizierter und viel unübersichtlicher. Demnach müssten die Farbmarkierungen eher einem «Leopardenfell» gleichen.


Wie stark sind die Taliban heute?
Trotz Kunduz sind sie sicher noch nicht auf dem Level, wie damals als sie in Afghanistan regierten. Damals standen ihnen die Ressourcen eines ganzen Landes zur Verfügung. Das ist heute nicht der Fall. Sie sind aber eine Gefahr für die Stabilität des Landes und die afghanische Regierung. Die Taliban können in vielen Provinzen jederzeit zuschlagen. Dadurch schaffen sie einen Zustand der permanenten Unsicherheit.

Wie konnte das passieren?
Das hat nicht nur mit der Schwäche der regulären Streitkräfte zu tun. Auch die übrigen staatlichen Institutionen sind schwach. Und das ist mein Hauptkritikpunkt am westlichen Einsatz in Afghanistan. Es sind keine starken, funktionierenden, nicht korrupten Institutionen errichtet worden. Selbst die Regierung verlässt sich bis heute auf irreguläre Milizen und Warlords, gerade in Kunduz. Die Milizen verhalten sich teilweise noch schlimmer als die Taliban.

In Kunduz war die deutsche Bundeswehr ein Jahrzehnt präsent, in ganz Afghanistan lief bis Ende 2014 ein internationaler Militäreinsatz. Ist man zu früh abgezogen?
Es geht nicht um zu früh oder zu spät. Es wurden vor allem politische Fehler gemacht. Die Taliban waren 2001 militärisch geschlagen, eine politische Integration wurde ihnen aber verunmöglicht. Stattdessen traf der Krieg gegen den Terror in Afghanistan oft die Falschen, entzweite Regierung und Bevölkerung und stärkte so die Taliban.

Neue internationale Truppen würden also nicht viel bringen?
Das wird diskutiert. Zudem gibt es ja immer noch eine Nato-Mission in Afghanistan, die eigentlich 2016 beendet werden sollte. Natürlich muss man Afghanistan unterstützen, denn die Mehrheit der Bevölkerung will keine Rückkehr der Taliban. Allerdings muss sich auch endlich das Verhalten der Regierung ändern. Während vieler Jahre war von Reformen die Rede, erreicht wurde aber nicht viel. Das muss jetzt der Schwerpunkt internationaler Unterstützung sein.

Neben den Taliban scheint auch der Islamische Staat in Afghanistan aktiv zu sein...
Da wird oft völlig übertrieben. Der Islamische Staat ist zwar ein Problem in Afghanistan, aber nicht das dominierende. Das sind die Taliban.

Aber die Lage wirkt chaotisch. Wie reagiert die Bevölkerung? In Medienberichten ist von 100'000 neuen Flüchtlingen pro Monat die Rede.
Die Internationale Organisation für Migration spricht von 70'000 Afghanen, die das Land seit Anfang des Jahres verlassen haben. 100'000 pro Monat ist nicht realistisch. Schon vor Kunduz war in diesem Jahr jedoch von mehr als einer Million Flüchtlingen innerhalb des Landes die Rede, deren Versorgungslage schlecht ist. Wenn sich die Taliban tatsächlich in Kunduz festsetzen sollten, könnten die Auswirkungen dramatisch sein. Dann wären weitere Provinzen von der Hauptstadt Kabul abgeschnitten und die Kämpfe könnten sich erheblich ausweiten. Voraussagen sind allerdings momentan sehr schwierig.

Erstellt: 30.09.2015, 14:07 Uhr

Thomas Ruttig kennt Afghanistan seit Ende der 80er-Jahre. Der Politanalyst hat während mehrerer Jahre im Land gelebt, unter anderem als Diplomat für Deutschland und im Rahmen von UNO-Missionen. Heute pendelt er zwischen Deutschland und Kabul. Ruttig leitet die private Forschungseinrichtung Afghanistan Analysts Network mit einem Büro in Kabul.

Die Nato greift ein

Nach der Eroberung der nordafghanischen Provinzhauptstadt Kundus durch die Taliban haben sich Aufständische und Regierungstruppen schwere Gefechte um den Flughafen geliefert. Die afghanischen Regierungstruppen erhielten Unterstützung von Nato-Soldaten.

«Die Taliban haben die ganze Nacht angegriffen», sagte Provinzratsmitglied Sajed Asadullah Sadat am Mittwoch. Sadat hält sich am Flughafen auf, der noch in der Hand der Regierung ist. Ein US-Militärsprecher in Kabul sagte, US-Streitkräfte hätten in der Nacht zwei Luftangriffe in der Nähe des Flughafens geflogen.

Die am Dienstag gestartete Gegenoffensive zur Rückeroberung der Stadt Kundus macht nach Sadats Angaben keine Fortschritte. Die Taliban hielten weiter ihre Stellungen. Die Verstärkungen aus Kabul und Tachar seien in Hinterhalte geraten und erreichten Kundus nicht, sagte Sadat. Er zweifelte an der Fähigkeit der Regierung, Kundus zurückzuerobern.

Die Lage ist unübersichtlich

Während die Verstärkung auf dem Landweg nicht nach Kundus kam, trafen auf dem Luftweg nach Angaben aus Sicherheitskreisen mehrere Hundert Mann Verstärkung ein. In Kundus sind mittlerweile auch Nato-Soldaten im Einsatz. Die Spezialkräfte berieten ihre afghanischen Kollegen, sagte ein Nato-Sprecher am Mittwoch. Nach Angaben aus westlichen Militärkreisen handelt es sich um Soldaten aus Deutschland, Grossbritannien und den USA. Wie viele Soldaten nach Kundus geschickt wurden, war nicht bekannt.

Die Lage in Kundus ist unübersichtlich. Provinzratsmitglied Sadat sagte per Telefon, die Gegend um den Flughafen sei der einzige Teil der Stadt Kundus, der noch von Regierungstruppen kontrolliert werde. Polizeisprecher Sajed Sarwar Hussaini sagte dagegen, die Sicherheitskräfte hielten weiter das Polizei-Hauptquartier und das Gefängnis in der Stadt. Sie hätten beide am Dienstag zurückerobert. (SDA)

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