«Die Zeiten ändern sich immer»

Der türkische Journalist Ahmet Altan sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis. Am Dienstag soll er in Istanbul vor einem Berufungsgericht erscheinen. Ein Gespräch über Zukunft, Literatur und Macht.

«Machthaber unterschätzen die Kraft der Literatur»: Ahmet Altan als freier Mann in Edinburgh 2015. Foto: Geraint Levis (Eyevine)

«Machthaber unterschätzen die Kraft der Literatur»: Ahmet Altan als freier Mann in Edinburgh 2015. Foto: Geraint Levis (Eyevine)

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Ahmet Altan kann sich jetzt Bücher in seine Zelle in Silivri bringen lassen. ­Silivri ist eine Festung, ein türkisches Hochsicherheitsgefängnis, 70 Kilometer von Istanbul entfernt. «Nur die Bücher», sagt Altan, «die ich selbst geschrieben habe, die geben sie mir nicht. Warum, das weiss ich nicht.»

Ahmet Altan ist einer der prominentesten Schriftsteller der Türkei, seine Romane haben hohe Auflagen. Am 16. Februar 2018, als der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel seine Zelle und die Türkei verlassen durfte, wurde Altan von einem Gericht in Istanbul ­wegen einiger regierungskritischer ­Zeitungsartikel und eines Talkshow-Auftritts zu «erschwerter» lebenslanger Haft verurteilt. In der Türkei heisst das: Einzelhaft. In seiner Verteidigungsrede sagte der 67-Jährige damals voraus: «Dieses Land wird mit einer wirtschaftlichen Katastrophe dafür bezahlen, dass es sich von den europäischen Werten distanziert.» Inzwischen ist die Krise da.

Altans Rede war ein Wutausbruch, dem Staatsanwalt rief er zu: «Bravo! Sperrt alle ein! Das ist eure Zeit. Aber Zeiten ändern sich. Zeiten ändern sich immer.» Am Dienstag soll Ahmet ­Altan in Istanbul vor einem Berufungsgericht erscheinen, dann könnte sich zeigen, ob sich die Zeiten schon geändert haben. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan besuchte am Wochenende Deutschland. Die Türkei, nun im Konflikt mit Amerika, sucht wieder Anschluss an den Westen. «Gerechtigkeit ist wie ein Vorortzug. Wenn er nicht pünktlich ist, kann man nie wissen, wann und ob er überhaupt kommt. Deshalb kann ich im Moment nicht ­einschätzen, was passiert», sagt Ahmet Altan in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, das über seinen Anwalt geführt wurde.

Kaffee für die Polizisten

Nur Anwälte und enge Verwandte dürfen die Häftlinge in Silivri besuchen. «Am Anfang durfte ich meinen Anwälten nicht geben, was ich schrieb. In der letzten Zeit darf ich das», teilt Altan mit. Er berichtet, dass er an einem kleinen Plastiktisch in seiner Zelle arbeite. «Ich schreibe mit einem Kugelschreiber, den ich in der Kantine des Gefängnisses gekauft habe.» Die Häftlinge können sich in Silivri «Bestellungen» aus dem Gefängnisladen bringen lassen. Altan hat in der Haft ein neues Buch geschrieben, das letzte Woche auf Deutsch erschienen ist («Ich werde die Welt nie wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis.» Aus dem Türkischen von Ute Birgi-Knellessen, S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 177 S.). Übersetzungen in mehrere Sprachen sind schon auf dem Weg. Einen türkischen Verlag hat das Buch erst einmal nicht.

Altan beschreibt darin seine Festnahme im September 2016, einen Monat nach dem Putschversuch: «Ich wusste, dass sie kommen würden.» Er erinnert sich, wie auch sein Vater, 45 Jahre zuvor, «zur Zeit der Morgendämmerung» abgeholt wurde. Der Vater Çetin Altan, auch er war Schriftsteller, hat die Polizisten damals gefragt, ob sie gern einen Kaffee trinken würden. Ahmet Altan fragte, ob sie Tee möchten. Kein Déjà-vu, schreibt er, «es war die Wieder­holung einer stets gleichen Realität. Weil dieses Land sich in seiner Geschichte sehr langsam bewegt, kann die Zeit nicht vorankommen: Sie dreht sich um, schaut zurück und wiederholt ihre eigene Vergangenheit.» Bewegend sind auch Altans Berichte über seine verschiedenen Zellengenossen, einen Dorflehrer, «den sie mit Gewalt dazu bringen wollten, seine Kameraden zu verraten». Der Lehrer betet viel. Altan ist nicht religiös, er beobachtet und hört zu, auch dem wimmernden Offizier, den man ebenfalls eine Zeit lang mit ihm zusammengesperrt hat.

Der Schriftsteller nimmt alles auf, das Erlebte geht ein in seine Fantasiereisen. Die Bücher, an die er sich erinnert, helfen ihm dabei, das nächtliche Heer der Gespenster niederzuringen. Mit all den Geschichten im Kopf fühlt er sich frei. «Von aussen betrachtet, war ich der weissbärtige alte Ahmet Hüsrev Altan, der in einem dunklen, stickigen Käfig mit Eisengittern eingeschlossen war. Doch das war die Realität derer, die mich dort gefangen hielten. Ich habe die Realität umgekehrt.» Nicht immer gelingt ihm diese innere Befreiung, Odysseus, den er sich ins Gedächtnis ruft, erlebt auch Niederlagen. Geradezu entlarvend komisch sind die Beschreibungen aus dem Gericht. Dass ein Schriftsteller von der Sprachkraft Altans diese kafkaesken Szenen wiedergeben könnte, war offensichtlich nicht die Sorge des Justizapparats. «Die Rechtlosigkeit wird gar nicht versteckt», sagt Altan. «Sie haben mich auch nicht ins Gefängnis geworfen, weil sie mich für gefährlich halten. Es geht darum, der ganzen Gesellschaft grosse Angst und Schrecken einzujagen.»

Er arbeitet an einem kleinen Plastiktisch in seiner Zelle, mit einem Kugelschreiber aus der Kantine.

Aber, so glaubt Altan, «sie konnten die Opposition nicht zum Schweigen bringen», die Zahl der Unterstützer der Regierung und der Opposition halte sich etwa die Waage. Und: «Ich weiss nicht, ob ich übertreibe, aber ich denke, diejenigen, die heute an der Macht sind, haben keinen einzigen Roman gelesen. Sie haben keinen Schimmer, was Literatur und was ein Autor bedeuten.» Deshalb unterschätzen sie wohl auch deren Kraft. Ein Richter sagte zu Altan: «Hätten Sie doch einfach immer nur Romane geschrieben und sich nicht mit politischen Themen befasst.»

Ahmet Altan war 2007 Mitgründer der türkischen Zeitung «Taraf», 2012 verliess er das Blatt wieder. «Taraf» wurde nach dem Putschversuch 2016 wegen «Gülen-Nähe» verboten. Der türkische Prediger Fethullah Gülen wird von Erdogan ­beschuldigt, Drahtzieher des Putschversuchs gewesen zu sein, er lebt seit 1999 in den USA, hatte aber in der Türkei bis zu dem Putschversuch viele Anhänger. In der Talkshow, die Eingang in die Anklage fand, hatte er gesagt: «Die AKP wird ihre Macht verlieren. Und sie wird vor Gericht gestellt werden.» Das wertete die Staatsanwaltschaft als «Verbreitung einer unterschwelligen Botschaft» an die Putschisten, ausreichend für einen Haftbefehl.

Als «marxistischer Terrorist» verurteilt

Als Altan seinen Richter später fragte, was es mit dieser Beschuldigung auf sich habe, erhielt er eine Antwort, die es wert ist, für die Historiker festgehalten zu werden, die einmal Bücher über diese Zeit in der Türkei verfassen werden. Der Richter sagte, mit einem ironischen Lächeln: «Unsere Staatsanwälte lieben es, Wörter anzubringen, die sie nicht verstehen.» Altan wurde schliesslich als «glaubenskämpferischer Putschist» und zehn Tage später noch mal als «marxistischer Terrorist» verurteilt. Er fasst zusammen: «Dasselbe Gericht, derselbe Artikel, und zwei sich grundsätzlich widersprechende Anschuldigungen.»

Altan will im Gefängnis noch viel schreiben. «Erst einen kurzen Roman», dann einen Essayband und eine Fortsetzung eines früheren Romans. Altan hat auch berühmte Liebesgeschichten verfasst. All das, «natürlich nur, wenn das Leben mir nicht mit einer neuen Überraschung dazwischenkommt».

Rache an den Klügsten

Mehmet Altan, der jüngere Bruder des Romanciers, ein prominenter Wirtschaftswissenschaftler, wurde vor zwei Jahren ebenfalls in Silivri eingesperrt. Gegen die Verhaftung der Altan-Brüder protestierte damals der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, zusammen mit Elena Ferrante, Roberto Saviano, J.M. Coetzee, Nick Hornby, Herta Müller und vielen anderen. Sie sprachen von einer «Vendetta gegen die klügsten Denker und Autoren des ­Landes». Mehmet Altan ist inzwischen wieder frei, darf aber das Land nicht verlassen. Ein Istanbuler Berufungsgericht ordnete im Juni seine Entlassung an, unter Verweis auf ein Urteil des Verfassungsgerichts vom Januar. Das hatte auch schon ein Haftende gefordert. Nur war der Beschluss sofort wieder von einem Strafgericht kassiert worden. Ein Vorgang, der die Absurditäten des türkischen Systems zeigt.

In seiner Verteidigungsrede sagte ­Ahmet Altan: «Was ist aus diesem Land bloss geworden, aus seinen Gesetzen und seiner Justiz?» Die Hoffnung auf Veränderung mag Altan aber nicht aufgeben. Er sagt: «Ich glaube immer daran, dass die Türkei ein Land der Wunder ist. Sie hat einen starken Überlebensreflex.» Die Finanzkrise sei nicht zu bewältigen ohne eine Rückkehr zum Rechtsstaat. Ein «Einmannsystem» sei nicht möglich in einem Land «ohne ­natürliche Ressourcen». Die Türkei brauche Geld, Investitionen aus dem Ausland. Für eine Unterstützung sollte der Westen aber die Rückkehr zu Demokratie und Recht verlangen. «Das könnte für die Türkei und für Europa sehr nützlich sein.»

Erstellt: 01.10.2018, 19:49 Uhr

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