Diese Familien haben die Macht in Asien

Politische Dynastien beherrschen nicht nur arme Staaten oder Autokratien. Ein Überblick.

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Nordkoreas Staatsgründer Kim Il-sung bekämpfte im Zweiten Weltkrieg als Guerillaführer die Kolonialmacht Japan. Dafür machten ihn die Sowjets 1945 zum «Vorsitzenden der Arbeiterpartei Koreas» und damit zu Moskaus Statthalter im Norden der geteilten koreanischen Halbinsel. Die Wahl war eher zufällig, Kim war kein Kommunist, er hatte auch später keine Ahnung vom Marxismus. Er war auch nicht unumstritten. Seine «Juche-Ideologie», eine Sammlung philosophisch klingender Leerformeln, half ihm vor allem, sich vom Zwang zur Orthodoxie zu lösen.

Dennoch ist es Kim gelungen, ab 1980, also zur Zeit Leonid Breschnews, seinen Sohn Kim Jong-il als Nachfolger aufzubauen. Im vergangenen Jahrzehnt diskutierten Nordkorea-Beobachter dann eher, welcher seiner Enkel das Regime weiterführen würde.

Kim Jong-ils ältester Sohn, Kim Jong-nam, war am Tokioter Flughafen Narita mit einem falschen Pass erwischt worden, als er mit seiner Familie Disneyland hatte besuchen wollen; damit kam er nicht mehr infrage. Der zweite Sohn, Kim Jong-chul, galt als ungeeignet. So wurde der Jüngste, Kim Jong-un, nach dem Schlaganfall des Vaters 2008 übereilt zum Kronprinzen gemacht.


Video – Kims historischer Schritt

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un betritt südkoreanischen Boden: Kim und Südkoreas Präsident Moon Jae-in treffen sich zu ihrem ersten Gipfel im Grenzort Panmunjom. (Video: Tamedia, AFP)


Damit ist der Kim-Clan, der auch Onkel, Tanten und Geschwister eingespannt hat, in der dritten Generation an der Macht: ein kommunistisches Land, das von einer Dynastie regiert wird. So paradox, wie viele Medien das finden, ist es freilich nicht. Nordkorea hat sich zwar nach dem Muster der Sowjetunion in eine zentrale Planwirtschaft verwandelt, es gibt kein privates Gewerbe oder Grundbesitz. Aber das Regime hat sich nie von der kommunistischen Ideologie leiten lassen, es ist eher faschistisch und ethnonationalistisch.

Eher die Regel als die Ausnahme

Nichtkommunistische politische Dynastien sind in Asien jedoch eher die Regel als die Ausnahme. Indira Gandhi war die Tochter von Jawaharlal Nehru, Indiens erstem Premier. Und die Mutter von Rajiv Gandhi, dem sechsten Premier. Sri Lanka war über Jahrzehnte eine Familienangelegenheit der Bandaranaikes. Bangladeshs Regierungschefin Sheikh Hasina ist die Tochter des ersten Präsidenten. Und das sind noch längst nicht alle.

Es sind auch nicht nur arme Staaten oder Autokratien, die von Familien beherrscht werden. In China sitzen sogenannte Prinzlinge in der Parteispitze, Söhne von Genossen Maos, allen voran Präsident Xi Jinping. Singapur wurde seit seiner Gründung 1959 während 31 Jahren von Lee Kwan Yew geführt, seit 14 Jahren regiert sein Sohn Lee Hsien Loong. Die geschasste südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye war die Tochter von Militärdiktator Park Chung-hee. Japan hatte seit der Jahrtausendwende acht Premiers, von ihnen stammen fünf aus Politdynastien, vier waren Söhne oder Enkel früherer Premiers. Shinzo Abe ist in der vierten Generation, sein Grossvater und sein Grossonkel waren beide Premier.

Die Söhne sind zuweilen sogar konservativer als die Eltern.

Das wichtigste Motiv im familienorientierten Asien, auch in Unternehmen, sich auf die eigenen Kinder zu stützen, ist der Wunsch nach Kontinuität. Zuweilen sind die Söhne sogar konservativer als die Eltern. Abes Vater war ein liberaler Aussenminister. Kim Jong-un hat die Repression seines Vaters noch angezogen.

Doch es gibt eine bedeutende Ausnahme: Chiang Ching-kuo war der Sohn von Chiang Kai-shek, der nach seiner Flucht aus China auf Taiwan den Weissen Terror installiert hat, eine brutale Militärdiktatur, die Oppositionelle hinrichtete und 140'000 Regime-Kritiker ins Gefängnis warf. Der «Generalissimo», wie Chiang sich nennen liess, organisierte einen Personenkult um sich, der nicht so extrem war wie in Nordkorea, sich aber allemal mit dem Kult vergleichen lässt, der in China um Mao getrieben wurde. Wie Mao und Kims Vater und Grossvater liegt auch Chiang für Pilgerbesuche einbalsamiert in einem Mausoleum.

Taiwans Wandel zur Demokratie

Chiang hatte nach seiner Machtübernahme in Taipeh 1950 seinem Sohn Ching-kuo die Leitung der Geheimpolizei überlassen. Er war 15 Jahre der Häscher des Weissen Terrors. Später machte der Vater seinen Sohn zum Premier. Und als der alte Chiang 1975 starb, erbte Ching-kuo die Autokratie. Taiwan steckte in einer aussenpolitischen Krise, es war dabei, seinen internationalen Status als einziges China zu verlieren. Schon deshalb gab es kaum Grund, vom Ex-Chef des Weissen Terrors eine Liberalisierung zu erwarten.

Doch Chiang lockerte erst die Zensur schrittweise, erstmals durfte über den Weissen Terror gesprochen werden. 1987, ein halbes Jahr vor seinem Tod, hob er das seit 39 Jahren geltende Kriegsrecht auf. Heute ist Taiwan eine lebendige Demokratie.


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Erstellt: 27.04.2018, 09:46 Uhr

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