Kann man Kim Jong-un trauen?

Mit atemberaubendem Tempo leitet Nordkoreas Diktator diplomatisches Tauwetter ein. Solche Avancen gab es aber schon einmal.

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Nordkoreas Diktator Kim Jong-un ist bereits heute ein Anwärter, im Dezember zum «Aufsteiger des Jahres 2018» gekürt zu werden. Nächsten Freitag will der 34-Jährige mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in Weltgeschichte schreiben. Die beiden Korea bereiten eine Friedenserklärung vor. Zum definitiven Friedensschluss müssen allerdings auch Peking und Washington einwilligen. Sie unterzeichneten 1953 den Waffenstillstand mit Nordkorea, der bis heute gilt. Südkorea machte nicht mit; sein Autokrat Syngman Rhee wollte den Krieg weiterführen.

Bis vor wenigen Monaten verlachte der Boulevard Kim als «kleinen Dicken» und «Verrückten». Jetzt berichten Vertreter Südkoreas und Chinas, die mit ihm verhandelten, Kim wirke klug, er sei witzig und habe hohe Detailkenntnis. CIA-Chef Mike Pompeo habe sich «gut mit ihm verstanden», heisst es in Washington.

Nachdem Kim die Welt bis im Herbst mit Atom- und Raketentests in Atem gehalten hat, macht er ihr nun in atemberaubendem Tempo diplomatische Avancen: anlässlich der Olympischen Spiele zuerst Südkorea, wenige Wochen danach den USA. Präsident Donald Trump nahm Kims Einladung zu einem Gipfel sofort an, die beiden wollen sich bis Anfang Juni treffen. Inzwischen reiste Kim, der vorher als Machthaber nie im Ausland war, nach Peking. Auch ein Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sei geplant, heisst es.

Südkorea hilft im Hintergrund

Die Initiative zu den diplomatischen Offensiven stammt zweifellos von Kim. Indem er seine Binnenpropaganda darüber berichten lässt, knüpft er seine ganze Autorität an sie. So kann er kaum zurück. Dennoch scheint es, Moon helfe ihm im Hintergrund bei der Regie. Es war Moons Sicherheitsberater, der Trump Kims Einladung überbrachte. Am Donnerstag sprach Moon für Kim, als er sagte, Nordkorea sei bereit, komplett atomar abzurüsten. Kim akzeptiere auch, dass US-Truppen in Südkorea stationiert blieben. Kim stelle keine Forderungen, so Moon, die für die USA inakzeptabel seien. Gestern wurde eine Telefonhotline zwischen Moon und Kim in Betrieb genommen.

Erfahrene Nordkorea-Beobachter meinen, das sei alles nicht neu, Nordkorea könne man nicht trauen. Pyongyang hat sich bereits 1992, da war Kims Grossvater noch an der Macht, zur Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel verpflichtet. Frühere Annäherungen führten zu Tauwetterperioden, die dann spektakulär beendet wurden. Nordkorea halte sich nie an Abmachungen. Zudem meine Kim etwas anderes als die USA, wenn er von «Denuklearisierung» rede. Trump und der japanische Premier Shinzo Abe behaupten sogar, Kim sei nur verhandlungsbereit, weil Nordkoreas Wirtschaft unter den UNO-Sanktionen fast zusammenbreche. Sie nehmen für sich in Anspruch, Kim in die Knie gezwungen zu haben.

Keine Raketenpropaganda mehr

Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo widerspricht: Sie berichtete diese Woche aus Pyong­yang, von den Sanktionen sei nichts zu spüren. Der Norden versteht es seit Jahrzehnten, Sanktionen zu umgehen. Zwar schreibt das Welternährungsprogramm der UNO, zwei Drittel aller Nordkoreaner seien fehl- oder unterernährt, vor allem Kinder. Aber so zynisch das klingt: Das ist schon lange so, es ist keine Folge der jüngsten Sanktionen.

Kyodo berichtete weiter, alle Propagandabanner, die Nordkoreas Raketen feierten, seien aus Pyongyang verschwunden. Kim Jong-un hat, seit er die Macht von seinem Vater erbte, stets betont, er wolle das Überleben des Landes – und seines Regimes – mit Atomwaffen garantieren und parallel die Wirtschaft entwickeln. Mit Hinweis auf diese Politik sagte er im November, die Waffen seien nun so weit, dass sie die Abschreckung garantierten, er wende sich nun der Wirtschaft zu. Nach innen dürfte die Propaganda die Wende zur Diplomatie damit erklären, dass Kim mit den Raketen den Respekt der Welt erworben habe, insbesondere der USA.

Während einige Experten im Vorjahr warnten, bald bedrohten Kims Raketen das amerikanische Festland, waren die Raketeningenieure weniger beeindruckt. «Im Raketengeschäft glaubt niemand, Nordkorea habe diese Dinger selber entwickelt», sagt der Amerikaner Lance Gatling. «Es stiehlt Komponenten, kauft sie auf dem Schwarzmarkt.» Die westlichen Geheimdienste wüssten sicher genau, woher der Norden was habe. Damit seien sie in der Lage, ihm sabotierte Komponenten unterzujubeln. Er glaube deshalb nicht, dass Nordkoreas Raketen in der Lage wären, ihre Ziele zu treffen. Robert Schmucker von der Technischen Universität München hat Teile des Raketenprogramms als Bluff entlarvt.

Wohlstand weckt Begehrlichkeiten

Das oberste Ziel der Politik von Kims Vater und Grossvater war es, ihr Regime zu erhalten. Das hat sich nicht geändert. Kims Waffen dienen auch der Machterhaltung nach innen. Sollte er sie aufgeben, dann gefährdet er damit sein Regime, zumal ein wachsender Wohlstand, wie er ihn versprochen hat, Begehrlichkeiten wecken wird. China und Vietnam, mögliche Vorbilder für Kim, sind keine Demokratien. Aber ihre Gesellschaften haben sich geöffnet, sie sind pluralistisch.

Korea-Beobachter sind fast einhellig der Ansicht, anders als China könne Nordkorea sich nicht öffnen, da dies einen Massenexodus nach Südkorea auslösen würde. Damit würden Nordkorea und sein Regime fast zwangsläufig untergehen – wie einst die DDR. Und kann ein Diktator, der seine Macht mit Folter, Straflagern und Hinrichtungen durchsetzte, seine Herrschaft aus eigenem Antrieb lockern?

Als totalitäre Diktatur hat Nordkorea keine Zukunft. Bisher hat das Regime versucht, gleichsam die Zeit anzuhalten, um den Status quo etwas länger zu erhalten. Mit seinen diplomatischen Initiativen wagt Kim einen Schritt nach vorne. Wo dieser hinführt, weiss er wohl selber nicht.

Erstellt: 20.04.2018, 18:20 Uhr

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